Frauenquote verhindert Start bei den Paralympics

Rein sportlich stünde einer Teilnahme Jennifer van Liers bei den Paralympischen Spielen nichts im Wege.
Rein sportlich stünde einer Teilnahme Jennifer van Liers bei den Paralympischen Spielen nichts im Wege.
Drei Jahre lang hat sich die junge behinderte Schützin Jennifer van Lier vom Niederrhein auf die Paralympischen Spiele vorbereitet. Sportlich ist sie qualifiziert, aber die Statuten verhindern ihre Teilnahme: Mit nach London dürfen nur zwei Frauen - Jennifer van Lier gehört nicht dazu.

Rees.. Zwei Dinge sind Jennifer van Lier wichtig: die Familie und das Schießen. In Esserden, einem dieser Niederrhein-Dörfer, in denen der Schützenverein die Großfamilie des Dorfes ist, hat sie ihre beiden Hobbys miteinander vereint, hier wo von der Schützenstraße die Sebastianusstraße abzweigt, benannt nach dem Patron der Schützen. Dort, direkt am Rheindeich, wohnt Jennifer van Lier mit ihren Eltern.

Doch die Adresse mit dem Schutzheiligen hat ihr kein Glück gebracht. Dabei ist die 20-Jährige eine der besten Schützinnen Deutschlands – obwohl ihr seit der Geburt die linke Hand fehlt. Sportlich hat sie sich für die Paralympischen Spiele qualifiziert hat. Ein Querschläger in den Statuten verhindert jetzt ihren Traum.

Nur zwei Frauen dürfen mit nach London. Jennifer van Lier wäre die dritte gewesen, das räumt auch Trainer Uwe Knapp ein, beim deutschen Behindertensportverband zuständig für die Schützen. „Ich bin besser als die Männer, die als Nummer 5 und 6 mitfahren“, sagt die Steuerfachangestellte mit blitzenden Augen. Man kann nur froh sein, dass der Kampf um die Plätze nicht im direkten Duell ausgetragen wird.

Dreimal qualifiziert

Jenny, wie sie alle in der großen und der kleinen Familie nennen, hat sich für gleich drei Wettbewerbe qualifiziert: Als einzige der 19 Schützen, die die Qualifikation geschafft haben, hat sie für Luftpistole und zwei Wettbewerbe mit dem Luftgewehr die internationalen Normen geschafft. Die jetzt mitreisenden Männer werden nur einmal schießen. Die Medaillenchancen des Teams würden mit ihr steigen.

In den letzten drei Jahren hat Jennifer van Lier so ziemlich alles an Preisen gewonnen, was es gibt. Hinter ihr, in der großen Diele des Hauses hängen „meine Prinzen“, wie sie die Urkunden und die Pokale auf dem Regal liebevoll nennt: Beim Vogelschießen der Bruderschaften Stadtprinzessin, Bezirksprinzessin und so weiter bis hinauf zur Bundesjugendprinzessin – gegen nichtbehinderte Schützen, versteht sich.

2016 sind die Paralympics in Rio – doch das ist weit weg

Als sie zehn Jahre alt war, hat der Opa ihr die Manschette für den linken Arm gebastelt und seitdem zielt, schießt und trifft sie ins Schwarze. Ihre Prothese wurde vom Verband als Hilfsmittel anerkannt, seitdem gewinnt sie, was es zu gewinnen gibt. Dass die traditionsbewussten Irmgardis-Schützen von 1724 auch Frauen auf den Vogel zielen lassen, zumindest bei den Jungschützen, hat die energische junge Frau durchgesetzt – um gleich den Titel holen. Seit 2009 ist sie auch bei den Sportschützen aktiv – meist in den Wettbewerben der Behinderten. „Als ich da das erste Mal bei den Behinderten war, fand ich das ganz furchtbar“, erzählt Jennifer van Lier. „Da waren nur alte Männer mit Wehwehchen.“

Junge Menschen mit Handicap? Fast Fehlanzeige. Doch Jennifer van Lier trainierte drei Jahre lang mit dem Ziel London vor Augen. Zwei Monate unbezahlten Urlaub hat die Steuerfachangestellte dafür genommen. Für Lehrgänge im Leistungszentrum in Thüringen, für Wettbewerbe an Abenden und Wochenenden, für die Qualifikation in Frankreich, den USA und der Türkei. Ihre Reisekosten werden zum Teil erstattet, doch wenn sie ihre Mutter mitnimmt, muss sie dafür in die Tasche greifen.

Die Chance, Sponsoren zu gewinnen

Die Paralympischen Spiele wären für die energiegeladene, junge Frau mit den dunklen Haaren die Chance gewesen, sich Sponsoren zu präsentieren – neben Annehmlichkeiten wie der offiziellen Bekleidung im Wert von mehreren 1000 Euro.

Nicht nur deswegen hatte sich Jennifer van Lier auf die Paralympischen Spiele in London gefreut: Der Billigflieger vom nahen Weeze nach Britannien düst zweimal am Tag im Landeanflug übers Dörfchen hinweg, der Weg wäre so einfach gewesen, auch für die Familie. Der Bundestrainer versucht ihr Mut zu machen: „Wenn sie die erste Enttäuschung überwunden hat und weiter so trainiert, hat sie gute Chancen 2016 in Rio mit dabei zu sein.“ Doch soweit reicht ihr Blick noch nicht. Denn selbst, wenn sie mitfahren darf: Dort würde sie ohne ihre Familie schießen müssen. Die bleibt dann in der Sebastianusstraße. Dass sie eine Sackgasse ist, muss ja kein Omen sein.

 
 

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