Bahn-Morde in Frankfurt und Voerde: Gerichtspsychiater erklärt – so ticken die Psycho-Täter

Frankfurt: Tödlicher Gleis-Stoß am Hauptbahnhof

Am Frankfurter Hauptbahnhof hat ein Mann (40) einen 8-jährigen Jungen und seine Mutter auf die Gleise vor einen heranfahrenden Zug gestoßen. Die Mutter konnte sich retten, der Bub erlag seinen Verletzungen.

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Voerde/Frankfurt. Diese zwei Fälle haben bundesweit für Entsetzen, Wut und Trauer gesorgt. In Voerde schubste ein 28-Jähriger eine Mutter vor einen heranfahrenden Zug, nur wenige Tage später stirbt in Frankfurt ein achtjähriger Junge. Er wurde von einem 40-jährigen Eritreer in Frankfurt vor einen ICE gestoßen.

Die Taten sind schwer zu begreifen. Hans-Ludwig Kröber (68) ist einer der bekanntesten Gerichtspsychiater der Republik und hat während seiner Zeit als Leiter der forensischen Psychiatrie in Berlin unzählige Straftäter betreut und mit ihnen gesprochen. In seinem Buch "Mord im Rückfall - 45 Fallgeschichten über das Töten" hat er sich intensiv mit Tötungsdelikten beschäftigt.

Frankfurt und Voerde: Gutachter spricht über psychisch erkrankte Täter

Im Gespräch mit DER WESTEN erklärt er, welche Erfahrungen er in über 20 Jahren als Gutachter gemacht hat und wie psychisch erkrankte Täter ticken.

Herr Kröber, Sie haben als forensischer Psychiater Täter begutachtet, die wie in Voerde und Frankfurt ihnen völlig unbekannte Menschen vor eine U-Bahn geschubst haben. Wie sind solche Taten zu erklären?

Wir hatten 2001 und 2002 in Berlin innerhalb weniger Monate drei Vorfälle, bei denen Männer Unbekannte, ohne ihnen vorher auch nur ins Gesicht gesehen zu haben, vor eine U-Bahn geschubst haben. Zwei von ihnen habe ich begutachtet, einen ein befreundeter Kollege. Einer war ein gewalttätiger, brutaler Mann, der mit der Tat zeigen wollte, was er kann.

Die beiden anderen waren schizophren. Sie hatten sehr bizarre Wahnvorstellungen. Man konnte also gut nachvollziehen, wie sich das über mehrere Monate entwickelt hat. Sie haben sich früher schon merkwürdig verhalten und geäußert. Einer von ihnen war ein in Deutschland geborener Bosnier, der gut integriert war, als freundlich galt und eine Lehre bei Siemens gemacht hatte. Irgendwann fing er verstärkt an zu kiffen, mit 19-20 Jahren verändert sich zunehmend seine Wahrnehmung. Er attackierte zum Beispiel seinen Großvater, weil er plötzlich die sichere Erinnerung zu haben glaubte, dass der ihn als Baby mit den Füßen an einer Gardinenstange aufgehängt hatte. Er kam in die Psychiatrie, wo man sich auf die Drogensucht fokussierte und ihn ohne Medikamente wieder nach Hause schickte. Hier verlor er seinen Job, vereinsamte und litt zunehmend unter Verfolgungswahn.

Er lief tage- und nächtelang durch die Gegend. Bevor er einen Unbekannten auf die Gleise stieß, murmelte er auf dem Bahnsteig noch „Hitler schuldet mir Geld“ vor sich hin. Nachher war er überzeugt, dass die U-Bahn den Mann nicht überfahren hätte, sondern über ihn drüber gesprungen sei.

Wie macht sich eine solche Erkrankung sonst bemerkbar?

Schizophrenie ist eine sehr vielgestaltige Erkrankung. Eine Grundüberzeugung von Schizophrenen ist, dass die Realität täuscht, dass es keine Zufälle gibt, dass alles voller Zeichen ist und mit ihnen zu tun hat. Schizophrene entwickeln eine Wirklichkeit für sich. Das kann ein Abstammungswahn sein. Ich hatte einen nicht gewalttätigen schizophrenen Patient, in den 70er Jahren geboren, der sicher war, dass Adolf Hitler sein Vater ist. Man ist selbst etwas ganz Besonderes, erleuchtet, und gerade deswegen ist man ständig in Gefahr, wird observiert und verfolgt. Diese Verfolger geben sich aber nicht zu erkennen, sind schwer zu fassen.

Aus trivialen Alltagssituationen, die mit dem Betreffenden nichts zu tun haben, werden mit felsenfester Überzeugung Zeichen oder Bedrohungen für die eigene Person geschlussfolgert.

Was löste dann bei manchen Wahnkranken Gewalttaten wie das Stoßen vor einen heranfahrenden Zug aus?

Schizophrene Kranke haben häufig starke Körpermissempfindungen, Gefühle von Bestrahlung, sie fühlen sich beobachtet von versteckten Kameras, haben das Gefühl, dass ihre Gedanken beeinflusst und von außen gesteuert werden. Das geht bis zu einem Gefühl der Auflösung der eigenen Person bei lebendigem Leibe.

Aktionen wie das Schubsen vor einen Zug oder andere Gewaltausbrüche sind häufig eine Art Gegenwehr, der Versuch aus seiner Situation zu entkommen, raus aus der passiven Rolle, nicht mehr der Gejagte, sondern der Jäger zu sein.

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Ich habe einmal das 4.000 Seiten starke Tagebuch eines Psychotikers gelesen, der dann ein Briefbombenattentat durchgeführt hatte. Er vermerkte immer wieder quälende Bestrahlungen aus dem transgalaktischen Raum und schrieb: Wer sich nicht wehrt, lebt verkehrt. Das kann wie in diesem Fall ein langer Entscheidungsprozess sein, aber dasselbe steht oft auch hinter impulsiv begangenen Taten.

Ein großes Problem ist, wenn solche Leute Waffen haben. Gerade Messer, weil sie sich sicherheitshalber in ihrem Verfolgungswahn zur Verteidigung damit bewaffnet haben und dann damit herumlaufen.

Stellen Sie in Ihren Gesprächen bei psychisch kranken Tätern so etwas wie Schuldbewusstsein und Reue fest?

In der ersten Phase nach solchen Taten haben psychisch Erkrankte große Probleme damit zu verstehen, was überhaupt Wirklichkeit ist. Das, was sie wahnhaft erlebt haben, kann für sie nicht falsch sein – sie haben es ja als Realität erlebt. Sie können sich davon schlecht distanzieren und sind mit zwei Versionen der Realität konfrontiert. In dem Moment, wo sie begreifen, was sie angestellt haben und sich moralisch schuldig fühlen, sind sie oft niedergeschlagen und mitunter suizidal.

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Sind Schizophrene eine Gefahr für sich und die Gesellschaft?

Dass Schizophrene völlig Fremde angreifen ist, kommt nur in zehn bis zwölf Prozent der Fälle vor. 70 Prozent der Gewalttaten Schizophrener betreffen Angehörige und nahe Bezugspersonen, Kollegen, Nachbarn. In einem Fall hielt ein Ehemann seine Frau für eine Fälschung, hinter der ein ehemaliger Stasi-Agent steckt. Deshalb tötete er seine Frau.

Weit über 90 % der Schizophrenen sind nicht gewalttätig. Und diejenigen, die sich mit Gewalt zu wehren versuchen, sind wie gesunde Straftäter häufig auch aus schwieriger Sozialisation, aufgewachsen mit Gewalt, Vernachlässigung, in Heimen.

Inwieweit können extreme Fluchterfahrungen solche psychischen Erkrankungen begünstigen?

Schlimme Fluchterfahrungen können eine Rolle spielen, aber etwa im Fall Frankfurt wird man das Schema nicht anwenden können. Der mutmaßliche Täter kam nicht mit der 2015er Welle nach Europa, er lebte seit 2006 in der Schweiz und war den Berichten nach bestens integriert. Hier können andere traumatische Erfahrungen und Stressfaktoren eine Rolle gespielt haben.

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In dieser Woche tötete ein Mann seine Frau mit 70 Messerstichen in Dortmund, in Stuttgart brachte ein Mann einen Bekannten mit einem Schwert auf offener Straße um. Erschüttern Sie nach all den Jahren solche Fälle noch?

Tötungsdelikte sind nie nett. Wenn jemand mit 70 Messerstichen tötet, liegt der Verdacht nahe, dass er der Aktion nicht gewachsen war. Er sticht zu und es tut sich nichts, er weiß nicht, lebt sein Opfer noch. Ein Auftragskiller im Gegensatz braucht wohl nur zwei Stiche. Die Menschen unterschätzen, wie schwer es ist, jemanden zu töten.

Was mich entsetzt, ist wenn das Opfer nicht nur stirbt, sondern besonders gequält wird. Für mich besonders entsetzlich war auch der Fall, in dem Dutzende Menschen in einem Kühllaster gestorben sind. Die Täter sind in einem sicheren Ort und in Distanz. Das finde ich viel schlimmer, als eine Tötung in direktem Kampfgeschehen.

Prinzipiell gilt: die Taten werden nicht grausamer. Die aktuellen Taten sind immer die grausamsten. Was gestern war, wird bald vergessen.

Diese Woche erschütterte Essen ein Fall von mutmaßlichem Kindsmord. Ein Vater soll sein Kind verdurstet haben lassen. Wie sind Eltern zu so etwas fähig?

Ich habe in Hamburg 2005 die Mutter der siebenjährigen Jessica begutachtet. Als ich den Schlussbericht der Kriminalpolizei gelesen habe, in dem ein zweijähriger Folter- und Tötungsprozess beschrieben wurde, da musste ich mich schon zusammenreißen. Im ersten Moment möchte man da die Frage der Schuldfähigkeit gar nicht mehr prüfen. Aber dann macht man seinen Job als Gutachter, weil man wissen will, wie so jemand so etwas tun kann. Manche Gerichtsreporter wollten dann unbedingt die Mutter als traumatisiertes Opfer sehen.

Aber generell kriegt man als Gutachter eher viel Druck, wenn man den Täter einer aufsehenerregenden Tat als psychisch krank bewertet. Das Publikum will, dass der Täter böse ist, nicht krank.

 
 

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