Filmvorführer in NRW verlieren ihre Jobs an das digitale Kino

Friedemann Knoblich
Die digitale Kinotechnik kostet viele Filmvorführer ihre Jobs.
Die digitale Kinotechnik kostet viele Filmvorführer ihre Jobs.
Foto: WAZ FotoPool
Satter Sound, gestochen scharfe Bilder, 3D-Effekte: Für den Besucher bedeutet digitales Kino ein besseres Filmerlebnis als je zuvor. Hinter den Kulissen müssen derweil viele Angestellte ihre Koffer packen, denn die moderne Technik spart Personal. Die Fehlersuche dürfte damit Aufgabe der Zuschauer werden.

Essen. Viele Kinos in NRW und ganz Deutschland werden künftig mit weitaus weniger Personal in den Projektionskabinen auskommen müssen. Nach Recherchen der WAZ-Mediengruppe hat die Betreiberkette Cinestar einem Großteil ihrer Filmvorführer bis Ende Mai die Kündigung ausgesprochen. Auch die Unternehmen Cinemaxx und UCI haben in den vergangenen Monaten viele Projektionisten entlassen. Der Grund liegt nach Angaben der Firmen darin, dass die neue digitale Technik sehr viel weniger Personal benötigt.

"Durch die Optimierung von Arbeitsabläufen und die Digitalisierung der Leinwände ist es betriebsbedingt leider der Fall, dass Filmvorführer nicht mehr in dem Umfang wie zuvor eingesetzt werden können", teilt Cinestar-Geschäftsführer Stephan Lehmann mit. Auch UCI-Sprecher Thomas Schülke räumt ein, dass heute weniger Vorführer beschäftigt werden als vor der Digitalisierung. Die Cinemaxx-Gruppe geht derzeit davon aus, dass es den Beruf des Filmvorführers bis Ende 2013 nicht mehr geben wird.

Filmvorführer an der Popcorntheke

Alle Ketten sollen betroffenen Mitarbeitern freigestellt haben, als Servicekräfte an Kassen und Theken weiterzuarbeiten oder eine Kündigung mit Abfindung in Anspruch zu nehmen. An den fünf Cinemaxx-Standorten in NRW sollen offiziellen Angaben zufolge 43 Personen von den Umstrukturierungen betroffen sein. Die übrigen Ketten konnten nach Anfrage keine genauen Zahlen liefern. UCI, Cinemaxx und Cinestar betreiben insgesamt 20 Kinos in NRW.

Viele Standorte müssen fortan mit einem, maximal zwei professionellen Vorführern auskommen. Die restliche Zeit soll von den übrigen Kinoangestellten überbrückt werden, meist studentische Aushilfen. „Demnächst werde ich meinen Kollegen von der Theaterleitung und dem Thekenpersonal einen Crashkurs in Sachen Projektion geben müssen,“ erklärt ein bei Cinestar beschäftigter Vorführer.

Umrüstung für Avatar und Der Hobbit

Mit dem Wiederaufleben der 3D-Technik durch gewinnträchtige Filme wie "Avatar" oder jüngst "Der Hobbit" investierten viele Kinos in die Modernisierung der Säle. Bis vor kurzem wurden Bild und Ton von großen Filmrollen mittels analoger Projektoren in die Säle gespielt. Heute werden die neuesten Streifen auf Festplatten geliefert und per Mausklick kopiert.

Entsprechend hat sich die Arbeit in der Projektion verändert. Früher mussten die Filme montiert, mit Trailern und Werbung ergänzt und auf Ringe gespult werden. Ein umfassendes Wissen in Physik, Elektronik und Mechanik war Voraussetzung, um technische Störungen schnell beheben zu können.

Digitale Technik ist nicht fehlerfrei

"An digitalisierten Standorten liegt der Fokus heute immer stärker auf Systemadministration und Netzwerktechnik", erklärt Stephan Lehmann. Heutige Filmvorführer müssen IT-Experten sein, digitale Spielpläne erstellen und Programmierfehler beseitigen können. Denn die moderne Technik mag komfortabler sein, fehlerfrei ist sie nicht.

"Es kommt immer mal vor, dass die Programmierung nicht funktioniert. Statt Filmton läuft Foyermusik, der Vorhang öffnet nicht oder das Licht bleibt an", berichtet der ausgebildete Cinestar-Vorführer. Das gehöre zum Kinoalltag und sei auch früher vorgekommen. Jedoch werde es künftig weniger umfassend geschultes Personal geben, das Fehler im Vorfeld erkennen oder schnell beseitigen kann.

Kino verliert an Eleganz

"Wir hatten auch bisher studentische Aushilfskräfte, nur war im Notfall immer ein gelernter Vorführer in Reichweite," sagt er. Seiner Ansicht nach wird die Qualität des Kinobesuchs sinken: "Bild und Ton mögen besser geworden sein. Aber die Fehlererkennung werden nun die Zuschauer übernehmen. Im Zweifel müssen Vorstellungen abgebrochen werden. Da geht eine Menge der früheren Eleganz flöten.“

UCI-Sprecher Schülke resümiert die Entwicklungen nüchterner: "Es ist ein Transformationsprozess. Das Berufsbild hat sich gewandelt, und nicht jeder möchte das mitmachen. Das ist wie früher mit dem Heizer auf der Lok."