Düsseldorf

Experte rät bei Vermisstenfällen: „Dann sollte man schnell handeln“

Vermisst-Experte Peter Jamin gibt Entwarnung: „Nur in einem Prozent aller Vermisstenfälle haben wir es mit einer Gewalttat zu tun.“
Vermisst-Experte Peter Jamin gibt Entwarnung: „Nur in einem Prozent aller Vermisstenfälle haben wir es mit einer Gewalttat zu tun.“
Foto: Patrick Pleul/dpa/Michael Seelbach/DER WESTEN
  • Über 10.000 Menschen gelten derzeit in Deutschland als vermisst
  • Dazu zählen auch ungelöste Kriminalfälle, in denen die Leiche nie gefunden werden konnte
  • Vermissten-Experte Peter Jamin verrät, was Angehörige tun können

Düsseldorf. Peter Jamin ist der Experte für Vermissten-Fälle. Der Schriftsteller hat den „Vermisst-Ratgeber für Angehörige, Freunde und Arbeitskollegen“ veröffentlicht. Seit 1992 betreut er ehrenamtlich eine Vermissten-Hotline.

Das Thema ist aktueller denn je, wie der Fall der vermissten Rebecca Reusch aus Berlin zeigt. Ihr Verschwinden bewegt Menschen in ganz Deutschland.

+++ Hier findest du alle Infos zum Vermisstenfall Rebecca Reusch +++

Auch im Ruhrgebiet sind viele Vermisstenfälle noch ungelöst. Womöglich sind die Verschwundenen Opfer eines Verbrechens geworden.

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Viele Morde im Ruhrgebiet sind bis heute nicht aufgeklärt. Die Täter konnten nie ermittelt werden. Die DER WESTEN-Serie ungelöste Kriminalfälle im Ruhrgebiet beleuchtet die Ereignisse. Denn auch nach 20 Jahre gilt: Mord verjährt nicht. Jeder Hinweis kann der Polizei noch heute weiterhelfen.

Mehr ungelöste Kriminalfälle aus dem Ruhrgebiet:

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Herr Jamin, was raten sie Familienmitgliedern, Angehörigen und Freunden, wenn eine Person aus ihrem Umfeld unmittelbar verschwindet?

Ruhig bleiben. Nachdenken. Handeln. Menschen werden durch Freunde aufgehalten nach Hause zu gehen, manche vergessen die Zeit, trödeln herum. Deswegen sollte man zunächst im Freundes- und Bekanntenkreis, in der Schule oder an der Arbeitsstelle nachfragen, ob sich die vermisste Person dort befindet.

Darüber hinaus sollte man sich sowohl bei Kindern und Jugendlichen wie auch bei Erwachsenen fragen: Gibt es Hinweise darauf, dass der Person etwas passiert sein könnte oder dass sie sich selbst etwas angetan hat? Befindet sich der oder die Vermisste in einer psychischen Krise? Gibt es Gefahrenstellen etwa auf dem Heimweg (dunkle Parks, Industriebrachen, schlecht beleuchtete Straßen)?

Dann sollte man schnell handeln und die Polizei einschalten.

Wozu neigen gerade Eltern, wenn ihr Kind verschwindet?

In der Regel geraten Eltern, wenn ein Kind nicht nach Hause kommt, in Panik. Das ist nachvollziehbar.

Es gilt also einen kühlen Kopf zu bewahren, was aber für Angehörige, die von einer Stunde zur anderen vor einer seelischen und organisatorischen Katastrophe stehen, außergewöhnlich schwierig ist.

Die meisten Menschen wissen nicht mit der Situation umzugehen. Niemand kann sich vorstellen, dass einem selbst so etwas passiert.

Wie unterscheidet sich das Verhalten der Angehörigen, wenn der Verdacht besteht, dass der Vermisste einem Gewaltverbrechen zum Opfer gefallen ist?

Es ist typisch für die meisten der Vermisstenfälle, dass die Angehörigen nicht wissen, was mit der geliebten Person passiert ist.

Nicht selten ist die Sorge unter Angehörigen groß, dass das vermisste Kind, die vermisste Frau oder der vermisste Mann vielleicht einem Gewaltverbrechen zum Opfer gefallen sein könnte. Das ist nachvollziehbar, erfahren wir doch täglich von schrecklichen Verbrechen durch die Medien.

Wir vermischen sehr schnell diese Wahrnehmungen von fernen Ereignissen mit unseren eigenen, aktuellen Erfahrungen, so dass sich für uns eine furchtbare "Wahrheit" entwickelt: Gefahr und Gewalt.

Ich kann alle Angehörigen zunächst beruhigen. Solange nicht konkrete Hinweise auf eine Gewalttat vorliegen, sollten man sich nicht unnötig sorgen. Nur in einem Prozent aller Vermisstenfälle haben wir es mit einer Gewalttat zu tun – Mord, Totschlag, Entführung.

Von den rund 100.000 bei der Polizei registrierten Vermisstenfällen im Jahr sind das 1.000 Taten. Man muss außerdem wissen, dass die Täter der meisten dieser Gewalttaten innerhalb der Familie oder in deren Umfeld zu finden und meist sogenannte Beziehungstaten sind.

Vielen Dank für das Interview!

Die meisten Vermissten sind männlich

10.600 Vermisstenfälle in Deutschland sind in der Datenbank des Bundeskriminalamt (BKA) hinterlegt - Stand 1. April 2019. Dazu zählen Menschen, die seit wenigen Tagen vermisst werden, aber auch die, die seit 30 Jahre als verschwunden gelten.

Laut BKA werden 50 Prozent der Vermissten-Fälle innerhalb der ersten Woche geklärt. Die Quote steigt gar nach einem Monat auf über 80 Prozent.

Dagegen liegt der Anteil an Personen, die über ein Jahr vermisst werden bei nur drei Prozent. „Mehr als zwei Drittel aller Vermissten sind männlich. Etwa die Hälfte aller Vermissten sind Kinder und Jugendliche. Für ihr Verschwinden gibt es die unterschiedlichsten Gründe (Probleme in der Schule oder mit den Eltern, Liebeskummer etc.)“, erklärt das BKA.

Viele Angehörige geben die Hoffnung niemals auf. Eine Personenfahndung bleibt hingegen bis zu 30 Jahre bestehen.

Du vermisst einen geliebten Menschen und brauchst Hilfe?

Infos und Hilfe bei vermissten Kindern gibt es rund um die Uhr unter der europaweiten Hotline 116000.

Auch Peter Jamin bietet Kontakt für Angehörige von Vermissten unter vermisst@jamin.de an.

 
 

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