„Ein zivilisatorischer Rückschritt“

1 Prof. Fabian Kessl, was ist Mitleidsökonomie?

Damit versuchen wir ein Phänomen auf den Begriff zu bringen, das sich in den letzten beiden Jahrzehnten in Deutschland, aber auch international, etabliert hat: Ein System der existenzsichernden Hilfen, zum Beispiel Kleiderkammern, Suppenküchen und die „Tafeln“: man muss sich vor Augen führen, dass es allein etwa 900 beim Bundesverband registrierte Tafeln gibt, deren Angebot nach Aussage des Bundesverbandes täglich von 1,5 Millionen Menschen genutzt wird. Mit dem Effekt, dass es mittlerweile für manche Tafeln schwierig wird, genügend Lebensmittel bereitzustellen.

2 Wo ist das Problem? Da werden Lebensmittel verwendet, die sonst weggeworfen würden.

Das Problem ist, dass sich mit dem Aufbau dieser neuen Mitleidsökonomie etwas im Sozialsystem verändert, vor allem für die Betroffenen. Sie verfügen nicht mehr über einen Rechtsanspruch: Bei Angeboten wie den Tafeln oder einer Suppenküche sind sie nur noch der dankbare Empfänger einer Gabe – sie sind vom Mitleid anderer abhängig. Daher sprechen wir von Mitleidsökonomie. Deswegen ist der Gang zur Tafel für viele mit Schamgefühlen verbunden. Ich halte diese Entwicklung für einen zivilisatorischen Rückschritt.

3 Das heißt: Tafeln, Kleiderkammern und Suppenküchen verändern die soziale Landschaft?

Wir untersuchen derzeit Angebote in 30 repräsentativ ausgewählten Städten aller Größen. In Großstädten gibt es teilweise über 100 solcher Angebote. Da ist ein ganzes System der Existenzsicherung auf Basis von Spenden entstanden, wie wir es uns vor 20 Jahren noch nicht hätten vorstellen können. Die Menschen, die sich in den Kleiderkammern, in Suppenküchen oder Tafeln engagieren, sind hoch motiviert. Sie tun in ihren Augen nur Gutes und sehen ihre Arbeit auch als Kritik an unserer Überflussgesellschaft. Es geht uns nicht darum, das schlecht zu reden. Aber das ehrenamtliche Engagement ist nur die eine Seite. Denn die Nutzer der Tafeln berichten anderes: Sie fühlen sich unangemessen kontrolliert, abhängig und eben beschämt. Das übersehen die Ehrenamtlichen oft. Daher braucht es den kritischen Blick, auch auf die Motivation der Spender. Denn die sparen oft nicht nur die Entsorgungskosten, sie erhalten oft auch eine Spendenquittung und ein positives Image. Hier wird mit Armut, zumindest indirekt, auch Geld verdient.

 
 

EURE FAVORITEN