Ein Denkmal wie aus einem Guss

Essen..  Man darf sich schon fragen, was verrückter klingt: die verrufenste Kloake des Ruhrgebiets für 4,5 Milliarden Euro zu renaturieren und zugleich zwischen Dortmund und Dinslaken zum kulturellen Kanal Grande des Reviers umzumodeln, oder 64 Ruhrgebiets-Kids zwischen 12 und 16 Jahren zu Autoren eines Romans über die Emscher zu machen. Nun, Letzteres ist bereits gelungen, was für Ersteres hoffen lässt. Im Klartext-Verlag ist mit „Stromabwärts“ ein 160-seitiges „Emscher-Roadmovie“ erschienen, das es weder so noch so ähnlich je gegeben hat.

Kim, Jenny, Dilara oder Ceyda heißen vier der 64 Jugendlichen, die sich unter dem Anschub der Emschergenossenschaft und des Friedrich-Bödecker-Kreises NRW in zwölf abenteuerlichen Wochen zusammengerauft und, betreut von den Profi-Schriftstellern Inge Meyer-Dietrich und Sascha Pranschke, Flusskilometer für Flusskilometer einen Jugendroman ausgedacht haben, der sich gar nicht entscheiden will, ob er nun (mindestens) eine Lovestory, ein Krimi oder eine Fantasygeschichte erzählt.

Geliebter Goldfisch

Im Mittelpunkt der Story steht der 16-jährige Felix. Der sensible „Junge mit den verschiedenfarbigen Augen“ reißt von zu Hause aus, wo sich die Eltern ständig streiten. Damit verlässt er schweren Herzens auch seine Freundin Ella und seinen geliebten Goldfisch Henry, den er unter der Emscherbrücke in Dortmund-Dorstfeld in die Emscher schüttet. Während Felix auf seiner Flucht emscherabwärts einen Privatdetektiv abschütteln muss, versuchen Ella und Henry (!) verzweifelt, ihn wiederzufinden.

Das spannende „Fluss-Movie“ wird über Castrop-Rauxel, Herten, Gelsenkirchen und Bottrop Richtung Duisburg zunehmend zu einer abenteuerlich-magischen Geschichte mit Emscherfeen und Emscherelfen, in der Fische und Füchse Klartext sprechen, sich Zeitsprünge ereignen, Hexen hexen und Frösche erstaunlich cool sind.

Und nicht nur nebenbei gehen die Helden der neuen (fast) sauberen und der alten (giftigen) Emscher auf den Grund und setzen dem Ruhrgebiet und seiner immer besser riechenden Kloake a.D. ein literarisches Denkmal wie aus einem Guss.

Das Ganze liest sich wirklich erstaunlich flüssig, und das nicht nur, wenn man weiß, dass die jungen Autorenteams nach jeweils einer Woche und an der nächsten Flussstation die Geschichte und die Schreibfeder an die nächste Gruppe weitergereicht haben. So vereinen sich in „Flussabwärts“ Heimatkunde und Fantasie, Autorenstolz und Gruppenglück aufs Schönste.

Und dass bei diesem ganz besonderen Projekt die Stiftung Pressehaus-NRZ mit im Boot saß, sei auch nicht verschwiegen.

 
 

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