Düsseldorf

Düsseldorf: Frau schreit nachts um Hilfe – Passantin ruft sofort die Polizei

Geheim-Code in Apotheken bei Häuslicher Gewalt: So lösen bedrohte Frauen den Notruf aus

Experten gehen von einer Zunahme der Häuslichen Gewalt während der Coronakrise aus. Durch Kontakt- oder Ausgangssperren sind Menschen gezwungenermaßen mehr mit ihrem Lebensgefährten zuhause. Wenn dieser gewalttätig ist, kann die Situation schnell eskalieren.

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Düsseldorf. „Hilfe, Hilfe, warum hilft mir denn keiner?“ - Gerade erst habe ich die Augen geschlossen. Träume ich oder schreit da wirklich gerade eine Frau um ihr Leben? Die Situation ist real, Mittwochabend gegen 23 Uhr, Düsseldorf. Ich gehe auf den Balkon, nun höre ich die Hilferufe noch deutlicher.

Sie kommen aus dem gegenüberliegenden Haus, vermutlich aus einem Erdgeschossappartement. Obwohl meine Wohnung in der fünften Etage liegt, höre ich das Flehen und Wimmern der Frau durch die geschlossenen Fenster deutlich. Eine Passantin auf der Straße hat bereits die Polizei alarmiert. Eine Nachbarin steckt ihren Kopf aus dem Fenster, deutet auf die benachbarte Wohnung. Doch dann herrscht plötzlich Stille.

Auch ich wähle den Notruf. Nur wenige Minuten später treffen zwei Streifenwagen ein.

Düsseldorf: Hilfeschreie entpuppen sich „nur“ als Streit

Auf Nachfrage gibt eine Polizeisprecherin am nächsten Tag bekannt: Die Frau, die am Abend zuvor noch so bitterlich geschrien hat, stellt keine Anzeige. Einen lauten Streit, einen sogenannten „internen Sachverhalt“, haben die Beamten aufgenommen. Hätten die Polizisten Hinweise auf häusliche Gewalt festgestellt, so hätten sie von Amtswegen Anzeige stellen müssen. Doch Indizien auf Gewalteinwirkungen gibt es keine.

Ein Ausnahmefall? Wohl kaum, glaubt Eva Inderfurth, Sozialpädagogin beim der Düsseldorfer Frauenberatungsstelle. Seit dem Lockdown sind die Zahlen der häuslichen Gewalt nicht gestiegen, dass bestätigen Zahlen der Polizei. Auch Inderfurth stützt diese Einschätzung, doch dies sei kein Indikator.

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Wenn der Gewalttäter 24 Stunden im gleichen Haushalt lebt

Häufig sitzen Täter und Opfer in Zeiten von „wir bleiben zuhause“ in einer Wohnung. „Wenn der Gewalttäter 24 Stunden neben mir sitzt, habe ich weniger Möglichkeiten zu telefonieren, kann nicht eben raus“, weiß Inderfurth, die aktuell regelmäßig mit Opfern telefonisch in Kontakt steht. Selbst vermeintlich einfache Dinge, wie die Einrichtung eines Konto fürs Kindergeld, werden zum Spießroutenlauf.

„Häusliche Gewalt beginnt nicht mit der Faust im Gesicht“, erklärt sie. Drohungen, Unterdrückung, Erpressung sorgen für Angst. Die Überwindung, Hilfe aufzusuchen, wird noch schwieriger für die Opfer.

Umso weniger Kontakt Opfer mit der Außenwelt haben, desto mehr fehlt ihnen die emotionale Unterstützung. „Fragen von Kollegen, wie 'woher kommt der blaue Fleck?` bleiben aus“, berichtet die Sozialarbeiterin. Ihre Beratungsstelle beobachte, dass je mehr die Corona-Maßnahmen gelockert werden, die Beratungszahlen wieder ansteigen. Die Unterstützung, den ersten Schritt zu machen, die Polizei oder eine Beratungsstelle aufsuchen, bliebe durch die Isolation aus.

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Eskaliert die Gewalt auch in „intakten“ Familien?

An eine Gewalteskalation in Familien glaubt Inderfurth nicht. Streit in intakten Familien und Beziehungen mit einer gesunden Streitkultur eskalieren nicht in Corona-Zeiten. Vielmehr setzten Jobverlust, Stress und Isolation den Haushalten zu, in denen bereits Gewalt eingekehrt ist.

Ihre Vermutung: „In einem halben oder in einem Jahr werden wir mehr Erkenntnisse haben, wie sich die Corona-Krise auf die häusliche Gewalt ausgewirkt hat.“ Denn eine vergleichbare Situation ergibt sich nur über Weihnachten, wenn Familien längere Zeit miteinander verbringen. Die Anrufe der Opfer folgen zumeist aber erst im Januar, also zeitversetzt.

Polizei und Stadt gut auf die Corona-Krise vorbereitet

Das Problem hat auch schon die Politik erkannt: Familienministerin Ina Scharrenbach (CDU) versprach im April Frauenhäusern und Beratungsstellen 1,5 Millionen Euro aus dem NRW-Rettungsschirm.

Auch die Polizeiarbeiter und die Kooperation mit der Stadt Düsseldorf sei hervorragend, betont Inderfurth. Schnell sei ein Konzept geschaffen worden, wie hilfsbedürftigen Frauen, Kindern und auch Männern in der Corona-Krise geholfen werden kann. Zum Teil übermittelt die Polizei bei einem Einsatz die Kontaktdaten des Opfers an die Beratungsstelle, wenn die Geschädigte das wünscht. Weiterhin kann dem Gewalttäter der Schlüssel für zehn Tage entzogen werden. „Wir überprüfen dann regelmäßig das Rückkehrverbot“, so eine Polizeisprecherin.

 
 

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