Düsseldorf

Düsseldorf: Der Obdachlose Helmut lebt unter ständigem Druck – für ihn zählt nur DAS

Düsseldorf: Helmut (62) ist sein halbes Leben lang heroinabhängig.
Düsseldorf: Helmut (62) ist sein halbes Leben lang heroinabhängig.
Foto: TV NOW

Düsseldorf. Wenn Helmut morgens aufwacht, geht es ihm schlecht: Er friert und hat Gliederschmerzen. Es sind Entzugserscheinungen, die ihn quälen. Dabei hat er die letzte Dosis noch vor dem Schlafengehen genommen.

„Wir sagen immer, wir machen uns gesund. Aber ich mache mich ja nur körperlich gesund. Ich mache mich nicht seelisch gesund“, erklärt Helmut zu seinem Drogenkonsum. Er kennt sich aus mit Drogen. Seit acht Jahren ist der 62-Jährige obdachlos. Und noch viel länger ist er heroinabhängig. Seit 30 Jahren bestimmt Heroin sein Leben.

Nachdem er aufwacht, schnieft er zuerst eine Dosis Heroin, dann komme ein „Wohlbefinden“ - jedoch nicht lange. Deshalb räumt er seine Sachen zusammen und zieht los. Sein Weg führt durch ein Einkaufszentrum in Düsseldorf. Dort kann er einen kurzen Augenblick der Kälte entkommen.

Düsseldorf: Mann steht ständig unter Druck - Er braucht täglich 80 Euro für Heroin

Pünktlich um neun Uhr ist Helmut dann an seinem Stammplatz in Düsseldorf. Dort verkauft er den Tag über die Obdachlosenzeitung fiftyfifty. Denn der 62-Jährige braucht Geld - 30 Euro bis zum Mittag. Schon dann wird er unruhig werden, weil sein Körper die nächste Dosis Heroin verlangen wird. Pro Tag muss Helmut 80 Euro aufbringen, um seinem Körper das verlangte Heroin zu liefern.

Ein Kamerateam von „Vox“ hat Helmut begleitet. In der Dokumentation sagt er: „Ich habe dauernd den Druck, ich muss jetzt wieder Kohle machen. Damit ich mir wieder was holen kann. Wenn es dann schiefgeht, wenn Tage kommen und keiner kauft mir die Zeitung ab oder keiner gibt mir die Spende, dann stehe ich da.“

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Nachdem er den Tag über Zeitungen verkauft hat, trifft er sich am Abend mit seinem guten Freund Ralf. Er ist ebenfalls obdachlos und drogenabhängig. Zusammen übernachten sie auf Düsseldorfs Straßen. Helmut erklärt: „Das Gute dabei ist, ich bin nicht alleine. Das Gefühl zu haben, mit jemanden 'Platte' zu machen, auf den man sich verlassen kann, ist auf der 'Platte' sehr sehr viel wert. Der einen nicht betrügt, der ehrlich zu einem ist, der alles teilt, das ist ein verdammt gutes Gefühl.“

Neben dem Druck, an das nötige Geld für Heroin zu kommen, begleitet Helmut eine weitere Sorge. Denn: Vor allem nachts ist die Straße eine Gefahr. „Wir hatten die Tage welche, die wollten uns wahrscheinlich überfallen und ausrauben, das ist ein Ding, das auf der Straße immer gefährlich ist.“

20 Jahre verbrachte Helmut hinter Gittern

Helmut hat in der Vergangenheit selber Straftaten begangen. Auch, um an Geld für Stoff zu kommen. Insgesamt 20 Jahre verbrachte er im Gefängnis. Immer wieder habe er versucht, vom Heroin wegzukommen. 2013 hatte er den Entzug in einer Therapieeinrichtung auf Fehmarn fast geschafft. „Weit weg vom Schuss“ habe Helmut eigentlich ein „ganz normales Leben“ fernab von Drogen geführt. Er habe eine eigene Wohnung und einen Job gehabt.

Doch „dann fingen Depressionen an, mir fiel die Decke auf den Kopf. Ich hatte Probleme, mich zu beschäftigen. Leider Gottes habe ich den Knall gekriegt im Kopf, dass ich hier gelandet bin.“

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Helmut kann nicht weiter vor sich hin „vegetieren“

Dem 62-Jährigen ist damit klar: „Das ist kein Lebenssinn, das ist ein Vegetieren, das ist ein Dasein und kein Leben.“ Auch der fiftyfifty-Sozialarbeiter Oliver Onargo weiß um die schwierige Situation des Drogenabhängigen. Die beiden kennen sich schon seit zehn Jahren und Helmut vertraut ihm. Er teilt dem Sozialarbeiter mit: „Ich kann einfach nicht mehr.“

Onargo und sein Team betreut eine Reihe von Obdachlosen in Düsseldorf. Helmut gehört zu jenen, die besonders dringend von der Straße geholt werden müssen. Der Sozialarbeiter sagt: „Er muss rein, sonst wird’s nicht funktionieren. Da habe ich schon Sorge, dass er es nicht durchhält oder schwer krank wird.“

Er will nicht mehr nur „da sein“

Dann gelingt es dem Sozialarbeiter tatsächlich, Helmut eine eigene Wohnung zu besorgen. Als der Obdachlose die Nachricht hört, kann er es nicht fassen. Traurig: Seinen Freund Ralf muss er alleine auf der Straße zurücklassen. Er müsse aber jetzt zunächst an sich denken.

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Wenige Tage später führt Onargo den 62-Jährigen in seine zukünftige Wohnung. Helmut macht große Augen, als er in die frisch renovierte Zweizimmerwohnung tritt. Nachdem er die vergangenen sieben Monate in Hauseingängen und auf Parkbänken geschlafen habe, sagt er: „Ich bin überwältigt. Ich hätte jetzt nicht gedacht, dass das so schön ist.“

Als er in das Badezimmer geht, kann er eines kaum noch abwarten: „Gegen die Kälte kann man sich warm anziehen, aber eine vernünftige Morgentoilette das... Ich werde auch gleich direkt die erste Dusche nehmen.“ Eine kleine Küche, einen Tisch und Stuhl sowie eine Schlafgelegenheit werde fiftyfifty Helmut für seine neue Wohnung auch noch besorgen. Voraussetzungen für die Wohnung sind aber, dass er Arbeitslosengeld Zwei bezieht und ein Entzugsprogramm durchführt.

Seinem Wunsch, das reine „Dasein“ in ein Leben zu verwandeln, wie er es sich vorstellt, einen Job sowie einen Hund zu haben, um sich um jemanden kümmern zu können, kommt der 62-Jährige damit ein Stück weit näher.

Wie es mit Helmut weitergeht, erfährst du in den beiden nächsten Ausgaben der Dokumentation „Obdachlos – Einzug in ein neues Leben“ am 18. und 25. Februar, jeweils um 20.15 Uhr bei VOX oder bei TV NOW.

 
 

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