Endloses Muskelwachstum? Experten schlagen Alarm wegen neuem Super-Doping in NRW – „Fliegt dir alles um die Ohren“

Die Hemmschwelle sinkt, zu Doping zu greifen, stellen Experten fest.
Die Hemmschwelle sinkt, zu Doping zu greifen, stellen Experten fest.
Foto: Zollfahndungsamt Essen

Die Hemmschwelle sinkt, die Verfügbarkeit steigt.

Immer häufiger greifen nicht nur Profis zu „Stoff“, auch Hobbysportler dopen. Mehr als die Hälfte der Männer nutze Doping, ist sich ein Szene-Kenner sicher. Ein erfahrener Zollermittler aus NRW geht noch weiter: „Wenn man sich in bekannten Fitnessketten umsieht, nimmt ein großer Teil der Leute Stoff.“

NRW: Ermittler nehmen Online-Shop für Dopingmittel hoch

Es war ein aufsehenerregender Schlag, der seinem Ermittlerteam Anfang April gegen einen Doping-Webshop in NRW gelang. Monatelang hatten die Spezialeinheiten des Zolls verdeckt gegen eine Doping-Bande ermittelt.

Bei Durchsuchungen in mehreren Städten fanden die Beamten in zwei Lagerhallen große Mengen an Steroiden, weitere Dopingmittel, Arznei und Lifestyle-Produkte. Die Bande hatte über einen Webshop überwiegend Freizeitsportler aus der Bodybuilding-Szene bedient. Auch sollen sie im großen Stil an Zwischenhändler in Deutschland und im europäischen Ausland verkauft haben.

Neben Doping- und Arzneimitteln hoben die Beamten auch ein Waffenlager aus: Kleinkaliberwaffen, ein Gewehr, eine 9mm Pistole und eine Maschinenpistole fanden die Spezialeinheiten. Hinzu kamen 70.000 Euro Bargeld, Bitcoins im Wert von mehr als 100.000 Euro, hochwertige Uhren und zwei Porsche Macan und ein BMW X5. Alles wurde sichergestellt. (hier mehr dazu)

Vier Männer wurden festgenommen, ein Großabnehmer ebenfalls. Insgesamt läuft das Verfahren der Kölner Staatsanwaltschaft gegen 22 Beschuldigte. Tatvorwurf sei bei den Haupttätern vor allem der Verstoß gegen das Anti-Dopinggesetz durch banden- und gewerbsmäßigen Handel und Verstöße gegen das Arzneimittelgesetz, so Staatsanwalt Dr. René Seppi.

Schön, schlank, stark und braun

Das Geschäft mit Doping und Arzneimitteln floriert. Längst muss man nicht mehr ins Darknet, um fündig zu werden. Egal ob Schlankheitsmittel für den Bodybuilder, Diätpräparat für das junge Mädel, Ritalin für den Student oder Epo für den Ausdauersportler - alles was schön, schlank, stark oder braun macht, ist immer mehr gefragt. „Wir beobachten, dass die Hemmschwelle sinkt. Es gibt einen Fitnessboom. Männermagazine versprechen dir, schlank in sechs Wochen zu sein. Wenn das nicht klappt, dann greift man eben auf solche Produkte zurück“, sagt ein erfahrener Ermittler des Zollfahndungsamtes Essen.

Das ruft kriminelle Geschäftemacher auf den Plan. Denn die Gewinne sind mitunter gigantisch: „Die Margen können vom Produzent bis zum Konsumenten bei bis zu 40.000 Prozent liegen“, so der Ermittler. Eine Viagra-Pille gibt es in China für drei Cent, in Deutschland lässt sie sich für 14 Euro verkaufen.

Häufig kommen die Wirkstoffe aus Indien oder China, können dort frei erworben werden und werden dann in Europa unter widrigen Bedingungen in Untergrundlaboratorien gefertigt. „Das sind Garagen, da würde kein normaler Mensch sein Auto abstellen“, so der erfahrene Ermittler. Entsprechend unberechenbar das Ergebnis. Dennoch scheuen viele das Risiko nicht.

„Unsere Sicherstellungen von Dopingmitteln reichen nach Hochrechnungen für etwa 100.000 Menschen“, so Dr. Tim Laußmann vom Bildung- und Wissenschaftszentrum der Bundesfinanzverwaltung. Er analysiert für den Zoll Sicherstellungen von Doping- und Arzneimitteln. Gehe man von einer Sicherstellungsquote von zehn Prozent aus, wäre das Ergebnis über eine Millionen gedopte Athleten, rechnet er vor.

Laußmann geht davon aus, dass mittlerweile „99 Prozent der Dopingmittel in den Freizeitsport“ gehen. Denn dopende Profis würden längst vollumfassend von Ärzten betreut.

Experte warnt vor „Eskalation im Freizeitsport“

Der Chemiker warnt vor einer neuen „Eskalation des Freizeitsports“ namens Fillostatin. Mehrere Ampullen des Dopingmittels waren bei den Durchsuchungen in NRW sichergestellt worden. Es war die erste Sicherstellung dieser Art in Europa.

Was es mit dem Mittel auf sich hat? „Follistatin ist ein natürlicherweise im menschlichen Organismus vorkommendes Protein, das maßgeblich an der Regulation des Muskelwachstums beteiligt ist“, erklärt Dr. Mario Thevis von der Sporthochschule Köln.

Es kann die den Muskelzuwachs reduzierenden Hormone Activin und Myostatin hemmen und somit zu größerer Muskelmasse und möglicherweise höherer Leistungsfähigkeit beitragen, so der Experte. Entsprechend steht es auf der Liste der Welt Anti-Doping Agentur (WADA) der verbotenen Wirkstoffe.

„Wie ein 1000 PS Motor im kleinen Corsa“

Problem: Das Mittel wird noch klinisch erprobt, Studien zu Wirkung und Nebenwirkung lägen laut Thevis nur in sehr geringem Maße und meist nur im Tiermodell vor. Die Gefahren sind daher unberechenbar.

Einmal gespritzt, könnte der Muskelwachstum nicht mehr aufzuhalten sein, mutmaßen Experten. Während die Muskeln wachsen, sind Bänder und Knochen limitiert. „Das ist wie ein 1000 PS Motor in einen kleinen Corsa einzubauen. Irgendwann fliegt dir alles um die Ohren“, zieht der Essener Zollermittler einen interessanten Vergleich.

Szenekenner warnt: „Follistatin ist kaum erforscht“

Bei Profis sei das Mittel dennoch seit ein, zwei Jahren auf dem Vormarsch, dränge langsam auch in den Freizeitsport, so die Experten. Ein Hobby-Bodybuilder kennt das Mittel, hat eine rasante Verbreitung aber noch nicht beobachtet.

Noch sei es zu teuer und mache nicht in allen Fällen Sinn, ist seine Beobachtung. „Es bringt vielleicht 2-3 Prozent, aber auch nur wenn du auf einem Toplevel bist. Dann wenn einfach alles stimmt“, erklärt er und warnt: „Follistatin ist kaum erforscht.“ Noch hält der Insider andere Präparate wie Testosteron, Dianabol, Nandrolone oder Wachstumshormone weitaus häufiger verbreitet als Follistatin.

Dann gibt er noch zu bedenken: „Du kannst dir nicht vorstellen, wie viele Profi Sportler, egal welche Sportart, auf Stoff sind.“

 
 

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