Diskussion über Verbot von "Cold Water Challenge"

Stephan Hermsen
Bei einer "Cold Water Challenge" eines Kegelclubs im Münsterland ist ein Familienvater von einer Baggerschaufel erschlagen worden.
Bei einer "Cold Water Challenge" eines Kegelclubs im Münsterland ist ein Familienvater von einer Baggerschaufel erschlagen worden.
Foto: dpa
Bei einer "Cold Water Challenge" wurde aus einem fröhlichen Sommervergnügen in Isselburg tödlicher Ernst. Ein 34-Jähriger starb. Nun wird über Verbote jener Wasserspiele diskutiert, die sich vor allem bei Feuerwehren großer Beliebtheit erfreuten. Doch die dürfen nicht mehr.

Isselburg. Es war als Riesenspaß gedacht: Aus der Baggerschaufel eines Radladers sollten 2000 Liter Wasser auf die Mitglieder eines Kegelklubs prasseln, der an einer Biertischgarnitur auf einem Stoppelfeld im Örtchen Herzebocholt saß. Doch der Videodreh an einem warmen Sommerabend endete tödlich: Der Radlader kippte mit der tonnenschweren Schaufel nach vorn, krachte hinein in die Keglertruppe. Für einen 34-jährigen Familienvater kam jede Hilfe zu spät. Fünf Männer, 32-39 Jahre alt, wurden mit zum Teil schweren Verletzungen in Kliniken gebracht.

In Isselburg im Westmünsterland herrscht nach dem furchtbaren Unglück Ernüchterung. Das feucht-fröhliche Wettspiel namens „Cold Water Challenge“, an denen sich Vereine aller Art beteiligten hatten, ist vorbei. Die Idee – die ursprünglich aus den USA kommt (Wörtlich übersetzt: „Kaltwasser-Herausforderung): Man stellt ein möglichst lustiges Video ins Internet, auf dem sich eine Gruppe möglichst fantasievoll nass macht.

Feuchtfröhliche Videos, vor allem von Feuerwehren

Am Ende nominiert die patschnasse Runde drei neue Vereine – die sollen binnen 48 Stunden ein weiteres Wasser-Video produzieren. Eine Art Kettenbrief. Denn stellen die drei benannten Gruppen keinen Film ins Netz, müssen sie den Herausforderer zum Grillen einladen. So wollen es die Spielregeln.

Isselburg wurde vor gut einer Woche von der Welle erfasst: Das renommierte, örtliche Blasorchester, erwiderte die Herausforderung, indem es mit klingendem Spiel auf den Sportplatz marschierte, wo dann die Sprinkleranlage in Betrieb ging. Und benannte drei andere Vereine im Ort.

Bis Mittwochmorgen zeigte die private Internetseite „Mein Isselburg“, wie ein Beachvolleyball-Spiel zur Schlammschlacht ausartet oder wie der Schützenkönig samt Throngefolge im Baggersee baden geht. Erste Vereine hatten ihre Videos schon in der Nacht vom Netz genommen. Denn in der 11 000-Einwohner-Gemeinde kam fast jeder an die Reihe – glitt auf Wasserrutschen, stand im Entenpfuhl oder unterm Rasensprenger.

Sogar die Stadtverwaltung machte mit: Ein halbes Dutzend junger Mitarbeiter tritt aus der Rathaustür – und bekommt einen Eimer Wasser über den Kopf. Damals, so der stellvertretende Bürgermeister Klaus Dieter Spaan, war das ein Spaß. Der ist jetzt vorbei: Private Gaudi gleich welcher Art kann und will er nicht verbieten, die Löschzüge der Freiwilligen Feuerwehr jedoch sind angewiesen, sich nicht mehr zu beteiligen.

Seit Monaten schon schwappt die Diskussion über die Wasserspiele durchs Land. NRW-Innenminister Ralf Jäger warnt: „Wir wollen Späße nicht verbieten. Aber wir appellieren an den gesunden Menschenverstand, sich und andere nicht in Gefahr zu bringen.“

Anfang Juni bereits habe man mit dem Verband der Feuerwehren NRW über negative Auswirkungen der Cold Water Challenges gesprochen. Er, Jäger, habe den Eindruck, dass die nötige Einsicht bei den Feuerwehren vorhanden ist. Dazu dürfte auch beitragen, dass die Unfallkasse NRW, deutlich gemacht hat, dass solche Wasserspiele keine Feuerwehrübung sind, sondern privates Vergnügen. Und das sei nicht versichert. Auch der Steuerzahler dürfte es nur begrenzt witzig finden, wenn Großgerät wie Drehleitern für tolle Videoaufnahmen zweckentfremdet werden.

Missbrauch von Großgeräten bei den Feuerwehren

Im Internet grassieren spektakuläre Videos, in denen Zweierteams der Feuerwehr mit je einem C-Rohr gegeneinander kämpfen: Es gilt, einen eingepackten Kameraden, der auf einem Reifen sitzt, per Wasserdruck ins gegnerische Feld zu spritzen. Andere Löschzüge zeigten sich im blaulichtbewehrten Einsatzfahrzeug mit Whirlpool auf der Ladefläche.

Gerade für Jugendfeuerwehren waren die fröhlichen Wasserspiele eine spannende Herausforderung. Christoph Schöneborn vom Verband der Feuerwehren NRW räumt ein: „Gerade im Sommer ist das eine beliebte Übung, Schlauchleitungen zu legen und dann Wasserspiele zu machen.“ Doch das spielerische Heranführen an Gerät und Technik sowie Aktionen für den gemeinsamen Spaß und das Gemeinschaftsgefühl der Truppe habe dort seine Grenze, wo man sich und andere gefährdet.

Dabei hatten viele Feuerwehren es sehr gut gemeint: Sie hatten mit den Wasserspielen um Spenden geworben – durchaus mit Erfolg. Mehr 56 000 Euro kamen zusammen; für den Verein „Paulinchen“, der von Feuer entstellten Kindern hilft. In Isselburg jedoch haben jetzt drei kleine Kinder ihren Vater verloren.