Düsseldorf

Die Toten Hosen: Campino ganz offen – „Ich habe unheimlich gelitten“

"Die Toten Hosen"-Frontmann Campino.
"Die Toten Hosen"-Frontmann Campino.
Foto: dpa

Düsseldorf. Ein kleines Industriegebiet, östlich der Düsseldorfer Innenstadt. Eine Tankstelle, Autohäuser, Fabrikhallen. Die wenigen Menschen, die hier her schlendern, sind auf dem Weg zur Arbeit. Wüsste man es nicht, man würde kaum glauben, dass "Die Toten Hosen" hier ihr Hauptquartier haben.

In einer kleinen Fabrikhalle logiert die Band. An den Wänden hängen Poster alter Tourneen und goldene Schallplatten. Auf den Tischen liegen CDs. Bereit dazu, von den Punkrockern signiert zu werden. Hier erwartet uns "Die Toten Hosen"-Frontmann Campino zusammen mit Regisseurin Cordula Kablitz-Post zum Interview. Sie haben gerade den Tourfilm "Weil du nur einmal lebst" abgedreht.

Ein Gespräch über Vater-Sohn-Beziehungen, Gesundheit und die Bundeswehr.

Campino, verhältst du dich anders, wenn die Kamera dabei ist?

Campino: In dem Moment, in dem einem die Kamera bewusst ist. Sicherlich. Aber wenn du über einen längeren Zeitraum ständig begleitet wirst, setzt irgendwann der Moment ein, in dem du es ausblenden kannst und es dir egal wird.

Cordula: Das war meine Herangehensweise. Ständige Präsenz.

Cordula, Sie haben schon mit Wolfgang Joop oder Nina Hagen gedreht. Wie anstrengend waren dagegen die Toten Hosen?

Campino: Soll ich kurz rausgehen?

Cordula: (lacht) Gar nicht anstrengend. Jeder Künstler ist ja auch anders. Ich fand an den Toten Hosen schon immer die Musik toll. Campino habe ich dann über eine Zusammenarbeit bei Arte kennengelernt. Da hat er mich beeindruckt, weil ich es immer schätze, wenn ein Künstler was zu sagen hat und nicht nur rumblubbert. Die Toten Hosen haben immer schon einen politischen Anspruch gehabt, haben aber auch einen Spaßfaktor.

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Hatte die Band Sonderwünsche während der Aufnahmen?

Cordula: Nein (lacht). Generell war es mit den Toten Hosen sehr einfach, weil ich direkt ein maximales Vertrauen seitens der Band hatte. Ich durfte alles filmen, wir durften überall hin. Wir haben sie jetzt nicht auf die Toilette verfolgt und auch nicht in die Dusche. Aber ansonsten durften wir alles.

Campino: Ich glaube, wenn du so eine Dokumentation über eine Tournee machst, dann musst du dich in diesem Punkt von Eitelkeiten verabschieden. Es ging nie um Hofberichterstattung. Das war von vornherein klar. Es wird ja immer dann spannend, wenn der Putz von den Wänden fällt. Natürlich gibt es auch Momente, die ich nicht so wahnsinnig toll finde oder die mir nicht angenehm sind.

Ihr habt den Film ‚Weil du nur einmal lebst‘ genannt. In dem dazugehörigen Song steckt die Zeile ‚Und es uns nicht ewig gibt‘. Denkst du manchmal schon an das Ende der Band?

Campino: Ich male mir das jetzt nicht aus, aber natürlich bin ich mir darüber bewusst, dass wir in der letzten Phase sind. Nehmen wir an, das Leben wäre ein Fußballspiel, dann wären wir jetzt nicht gerade in der 14. Spielminute. Wir gehen auf die Verlängerung zu. Wir müssen da aber auch nicht wehmütig werden. Aktuell führen wir 3:1, und wenn wir jetzt keinen großen Scheiß bauen, holen wir uns die drei Punkte. Ob es noch in die Verlängerung geht oder nicht, das entscheidet der Schiedsrichter.

Man kann viele Pläne schmieden, aber das Leben führt die Regie.

Im letzten Jahr musstet ihr Konzerte wegen deines Hörsturzes absagen. Gehst du nun anders an die Auftritte heran?

Campino: Es gibt ja keine klare Diagnose, woher so ein Hörsturz kommt. Das ist eine Mischung aus Stress, auch aus Lautstärke. Vieles kann das auslösen. Dir kann auch niemand im Vorfeld sagen, wann so etwas geheilt ist, oder ob es wiederkommt. Damit muss ich nun einfach leben.

In der Beschreibung zu eurem Film steht, dass sich viele Fans und Crew-Mitglieder den Slogan ‘Bis zum bitteren Ende‘ in die Haut haben tätowieren lassen. Du auch?

Campino: Bei mir ist mir die Zeile auf die Seele geschrieben. Die brauche ich nicht tätowieren (lacht). Meine erste Tätowierung ist von 1980. Das weiß ich noch so genau, weil ich eine Zeit lang bei der Bundeswehr eingezogen gewesen war, bis ich da rausgeflogen biin. Ich war der Einzige mit einer Tätowierung in der ganzen Kompanie. Das hatte ja damals noch einen ganz anderen Ruf.

Heute findest du ja kaum einen, der keine Tätowierung hat. Ich habe mit meinen immer Erlebnisse verbunden, kann genau sagen, warum ich das getan habe. Und ich bereue keine einzige davon.

Du sprachst gerade schon darüber, dass du aus der Bundeswehr rausgeflogen bist. Wie hast du das geschafft?

Campino: Das war jetzt kein Husarenstück. Ich hatte nicht den Mut zu verweigern, bevor ich eingezogen wurde und habe mir das immer schön geredet, gedacht, du entkommst der Sache anders. Nimmst wahnsinnig viel Tabletten und bist dann ungeeignet. Aber als der Tag näher rückte, hat das dann überhaupt nicht mehr geklappt. Klar habe ich mir ein paar Drogen reingehauen, aber wurde trotzdem T1 - also voll tauglich - geschrieben. Das ging also alles fürchterlich schief. Dann habe ich unheimlich darunter gelitten. Mein Vater wollte unbedingt, dass ich zur Bundeswehr gehe. Ich selber, als Punk, habe das irgendwie als Verrat an meinem Leben empfunden. Ich hatte da eine ganz, ganz schwere Zeit.

Ich weiß noch, ich bin da mit schwarz-rot-goldenen Haaren angekommen, musste direkt beim Unteroffizier antanzen und der sagte dann: ‚Pass mal auf, das kannst du hier so veranstalten, wenn du meinst, aber ich garantiere dir, du kommst hier 15 Monate nicht mehr raus. Wir machen dich klein. Andere Möglichkeit: Ich gebe dir jetzt zehn Mark. Du gehst zum Friseur, hältst deinen Mund und dann werden wir Freunde.‘

Das habe ich mir dann überlegt, mir tatsächlich die Haare geschnitten und erst mal meinen Mund gehalten. So ging es ganz gut. Aber ich hatte trotzdem das Gefühl, dass ich meinen eigenen Weg verrate und mich entscheiden muss: zwischen den Ansprüchen meines Vaters und meinen eigenen. Das war eigentlich für mich der größte Bruch, den ich mit meinem Vater dann vollzogen habe. Es war ein Schlüsselmoment zu sagen, das ist mein Leben und ich gehe nicht zur Bundeswehr. Ich habe dann verweigert. Es kam zu einem richtigen Gerichtsprozess und ich bin relativ schnell als Verweigerer anerkannt worden.

Worauf freust du dich am meisten, wenn du von einer langen Tournee nach Hause kommst?

Campino: Einfach nur zu Hause zu sein. Da wo meine Sachen sind. Da wo meine Freunde sind. Dann würde mich eine Fahrradrunde am Rhein bei gutem Wetter schon völlig glücklich machen.

Es ist aber nicht so, dass du heimkommst und in ein Loch fällst?

Campino: Es gibt eigentlich nie den Moment, an dem man von einer Tournee heimkommt und einfach mal seine Ruhe hat.

Ich bin ja Vater. Und meinem Jungen ist es wirklich völlig wurscht, ob ich Taxifahrer bin oder Popstar. Der will natürlich, dass ich mich auch hin und wieder mit ihm beschäftige, es gibt auch Auseinandersetzungen. Es bringt dich automatisch wieder in völlig geerdete Dimensionen, wenn du versuchst, bei einem Teenager das zu retten, was zu retten ist. Da versuche ich genauso, wie alle anderen Eltern auch, mich einzubringen. Auch wenn es ein hoffnungsloser Kampf ist.

Kommt er nach dir?

Campino: Ich glaube, jeder Mensch ist anders. Und er ist bei manchen Dingen sicherlich sehr anders. Aber wenn du ihn neben mich stellst, dann würdest du sagen, da braucht man keinen Vaterschaftstest.

Er ist ein eigener Charakter. Ich mag die Vorstellung, dass die Kinder sich die Eltern aussuchen. Mit dieser Vorstellung komme ich ganz gut klar, wenn ich mal nicht mehr weiterkomme. Der weiß schon, worauf er sich eingelassen hat. Er hört er keinen Punk Rock, sondern rund um die Uhr HipHop. Aber es ist ja ganz normal, dass man den Kindern nicht unbedingt weitergeben kann, was man möchte, sondern die picken sich schon heraus, was sie gut finden. Das ist bei uns genauso wie in jeder anderen Familie.

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Du hast mal gesagt, dass deine Freundin deine Traumfrau sei und du sie heiraten würdest. Dürfen wir gratulieren?

Campino: Also Gratulationen nehme ich immer an (lacht). Jederzeit. Egal worum es geht. Die sind einfach was sehr Schönes.

 
 

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