Die Scharia-Polizei verunsichert die Bürger

Klaus Brandt

Wuppertal. „Hä?“ Erkan Bicer guckt ratlos. „Was für ´ne Polizei?“ Die Scharia, die islamistische Rechtsordnung, kennt er. Selbsternannte islamistische Sittenwächter nicht. „Scharia-Polizei? Solche Leute laufen hier rum?“, fragt der 25-jährige Wuppertaler irritiert. „Auf sowas haben wir gar keine Böcke.“ Fünf junge Leute um ihn herum nicken.

Freitagnachmittag: Wuppertal räkelt sich in der Spätsommersonne. Keine Spur mehr von dem Spuk der Nächte zuvor. Da waren Trüppchen radikaler Islamisten durchs Stadtzentrum marschiert. Bärtige Männer mit orangefarbenen Warnwesten, hintendrauf der Aufdruck: „Shariah Police“ – Scharia-Polizei.

Das Aufgebot wirkte auf den ersten Blick wie eine amtliche Patrouille. Die Uniformierten hielten junge Leute auf der Straße an und nahmen sie ins Gebet. Sie seien auf dem falschen Weg, sollten nach strengen Verhaltensregeln leben: kein Alkohol, kein Glücksspiel, keine Musik, keine Pornografie, keine Prostitution, keine Drogen.

Als Wortführer der selbsternannten Sittenpolizei ist ein Mann unterwegs, gegen den der Generalbundesanwalt wegen Terrorismusverdachts ermittelt hat: Sven Lau, Ex-Chef des aufgelösten Salafisten-Vereins „Einladung zum Paradies“. Der Hassprediger, seit Jahren im Visier von Polizei und Verfassungsschutz, ködert extremistischen Nachwuchs: „Lass die Finger vom falschen Weg und komm in die Moschee.“

„Die Außenwirkung ist schädlich“

Die Wuppertaler Polizei reagierte schnell. Noch in der Nacht stoppte sie eine Gruppe der islamistischen Sittenwächter. Der Vorwurf: Verstoß gegen das Versammlungsgesetz. Strafverfahren wurden eingeleitet, die Polizeipräsenz in der Innenstadt verstärkt. „Das Gewaltmonopol liegt ausschließlich beim Staat. Ein Auftreten, das einschüchtert, verunsichert oder provoziert, wird nicht geduldet“, sprach Wuppertals Polizeipräsidentin Birgitta Radermacher Klartext: „Wählen Sie 110, wenn Sie diesen Leuten begegnen.“

Freitagsgebet in der Elberfelder DiTiB-Moschee. Kopfschütteln über die radikale Propaganda. „Wir distanzieren uns davon“, sagt Mustafa Tenizer, Vorsitzender des Moscheevereins, und verspricht: „Die fassen hier keinen Fuß.“ Das glaubt auch DiTiB-Landesvorsitzender Ersin Özcan. „Die Außenwirkung einer solchen Aktion ist schädlich“, sagt er. „Viele stecken alle Muslime in eine Schublade.“ „Das ist nicht der Islam“, sagt Özcan. Marcel Jamel Braun nickt. „Die verdrehen den Koran, um Leute umzubringen.“

Der Staatsanwaltschaft Wuppertal sind vorerst die Hände gebunden. „Das bloße Empfehlen religiöser Regeln ist nicht strafbar“, sagt Wolf-Tilmann Baumert.