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Die NRZ-Familie redet über ihre Wahl

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Foto: Ulla Michels
Ein Jahr lang steht uns die NRZ-Familie aus Neukirchen-Vluyn Rede und Antwort zu allen möglichen Themen. Diesmal geht es um den Wahlsonntag – und siehe da, alle Stockhorst-Bodensteins wollen wählen gehen. Eine muntere Runde mit Eltern, Groß- und Schwiegereltern und mit Niklas (16), der zum ersten Mal wählen darf.

Ganz so repräsentativ, wie wir uns vorgestellt haben, ist sie nicht, unsere NRZ-Familie, die uns seit Jahresbeginn zu allen möglichen Themen Rede und Antwort steht. Warum nicht? Weil alle (!) Stockhorst-Bodensteins, die hier um den Esstisch im Haus in Neukirchen-Vluyn versammelt sind, am Sonntag wählen gehen. Mit dem einen oder anderen mag man nicht zufrieden sein, aber dennoch: „Nicht wählen gehen und hinterher meckern, dass man nichts ändern kann, das ist doch Blödsinn!“ bringt es Ulrike Bodenstein (65) auf den Punkt.

Lokaltermin in der Emil-Schweitzer-Straße, diesmal haben wir bei Hebamme Sabine (40) und ihrem Mann Frank (41), Sohn Niklas (16), den Großeltern Ulrike und Günter Bodenstein (68) und Hannelore Stockhorst (62) unseren ganz persönlichen Wahlomaten aufgestellt, wollen hören, was politisch auf den Nägeln brennt.

Der Polit-Profi

Puuuh, sprödes Thema, stöhnt Mutter Sabine Bodenstein, aber dann wird’s doch ein lockeres Zwei-Stunden-Gespräch: Was ist denn wichtiger, die Kommunal- oder die Europawahl? „Die Kommune“, sagen alle in Gleichklang: „Da sind die Kandidaten doch viel besser zu fassen!“. Nicht zuletzt, weil ein kommunaler Profi in den eigenen Reihen sitzt: Günter Bodenstein war jahrelang für die CDU Mitglied des Rates der Stadt Neukirchen-Vluyn, Tochter Sabine war vor einigen Jahren sogar mal als örtliches Wahlplakat-Model mit Sohn Niklas zu sehen.

Die Wahlplakate

Nein, es gibt keine Berührungsprobleme mit dem politischen Gegner, Günter Bodenstein war Ausbilder im Bergwerk, die einstige Bergarbeitersiedlung seit jeher SPD-Hochburg, und der Vater von Ehefrau Ulrike saß ebenfalls im Rat, allerdings für die SPD. Spaßeshalber habe man in früheren Zeiten mal an der Haustür das Wahlplakat mit einem eigenen überklebt, lacht Günter Bodenstein. Apropos Wahlplakate: „Es sind diesmal viel zu viel“, findet Familienvater Frank. „Sehr clever“ findet sein Schwiegervater die Aktion eines Essener SPD-Kandidaten, der aus Protest gegen die Plakatflut eine Woche vor der Wahl seine eigenen Plakate abgehängt hat.

Die Themen

Was das denn auch kostet, mahnt Franks Mutter Hannelore Stockhorst. „Etwas meckern muss ich doch“, sagt sie. „Vor der Wahl lassen sich die Politiker überall sehen, nach der Wahl sieht man sie nicht wieder.“ Dann stehe man mit den alltäglichen Ärgernissen wieder alleine da, zum Beispiel mit der Tatsache, dass „immer mehr einfach weggeworfen wird“, auf die Straße, die Bürgersteige, und auch gegen das Unkraut werde nicht genug unternommen, das sehe sie doch, wenn sie mit ihrem pflegebedürftigen Lebensgefährten Heinz (73) im Rollstuhl unterwegs ist.

Ganz konkret auch die Probleme in Neukirchen-Vluyn. Die Bürger nervt ein verwahrlostes Hochhaus, in dem es bereits mehrfach gebrannt hat: „Das muss weg!“ Am Tisch ist man dafür, dass die Stadt ihre Polizeiwache und den Dorfsheriff behält. Ärger – und eine Bürgerinitiative – gab’s um eine neue Feuerwehrwache. Man ist für einen Supermarkt in Neukirchen, „da gibt’s doch sonst nix“. Und auch wenn’s demnächst weniger Kinder gibt, möchte man „die Spielplätze eigentlich behalten“.

Der Erstwähler

Was dem einen ein sauberes Stadtbild, ist dem anderen ein eigener Treffpunkt. Schüler Niklas darf zum ersten Mal wählen, das findet er spannend. Niklas verrät nur, dass er „zwischen zwei Parteien schwankt“. Mehr verrät er nicht. Ihn interessiert, was aus seiner Realschule wird, wenn die neue Sekundarschule kommt, aber noch mehr, warum es für Jugendliche keinen Platz gibt, „wo wir uns mal ungestört treffen und einfach abhängen können.“ Für den Spielplatz zu alt, für die Kneipe zu jung. Wer kennt das nicht.

Europa

Die kommunalen Probleme sind überschaubar. Ist Europa es auch? Sitzen überzeugte Europäer am Tisch? Ein lautes „Ja“. „Wir haben alle so viel von Europa profitiert, auch wenn es heißt, wir haben nur gezahlt,“ sagt Günter Bodenstein, der durch die Doppelwahl auch mit rund 70 Prozent Wahlbeteiligung rechnet. „Was haben wir früher das ausländische Kleingeld in Büchsen gesammelt und dann nie wieder gebraucht, welche Verschwendung“, ergänzt seine Frau. Aber Bedenken gibt es auch – vor einem Parlament mit zu vielen Kleinstparteien, weil die Drei-Prozent-Hürde gekippt wurde. Und, 28 Staaten mit 500 Millionen Bürgern seien erstmal genug. Was ist mit der Türkei? Unter Erdogan? Ein klarer „Nein“.

Frank Stockhorst arbeitet in einem energieintensiven Betrieb: „Da interessiere ich mich als Arbeitnehmer schon dafür, ob es Subventionen für unser Unternehmen gibt!“ Europa ist ganz nah.

Und ganz wichtig: „Gurkenkrümmung, Glühbirnen, was soll’s. Woanders schießen sie sich tot. Wir haben Frieden, und das seit so vielen Jahren!“ Da nicken alle.