Der Wald in NRW wächst schneller – aber die Gefahren auch

Sturmschäden im Klever Reichswald: Heftige Wetterereignisse machen den Wäldern häufiger zu schaffen.
Sturmschäden im Klever Reichswald: Heftige Wetterereignisse machen den Wäldern häufiger zu schaffen.
Foto: Ron Franke
Die zunehmende Erderwärmung sorgt für längere Vegetationsperioden bei den Bäumen in Nordrhein-Westfalen. Doch in den Himmel wachsen werden sie wohl trotzdem nicht. Denn auch die Gefahren für die Baumwelt in NRW wachsen. Schädlinge und die Witterung machen den Bäumen stärker zu schaffen.

An Rhein und Ruhr.. Treibhauseffekt – das muss doch eine tolle Sache sein, wenn man Pflanze ist, oder? Und, so eine Studie der Technischen Universität München, die Bäume wachsen tatsächlich besser dank des Klimawandels. Ein Trend, den Mathias Niesar vom Landesbetrieb Wald und Holz NRW auch für unsere Region bestätigt.

„Wir haben einen höheren Kohlendioxyd-Gehalt in der Luft – das ist gewissermaßen der Nährstoff für die Bäume. Und durch die erhöhten Durchschnittstemperaturen wird auch die Vegetationsperiode für die Bäume länger.“ So schlägt die Buche beispielsweise schon rund einen Monat früher aus als noch vor zwölf Jahren.

Stürme haben für den Waldbestand auch gute Seiten

Dennoch: Die Bäume in NRW wachsen nicht in den Himmel – denn neben diesen zumindest für die Bäume positiveren Veränderungen durch den Klimawandel gibt es erhebliche Risikofaktoren für die Wälder. Niesar unterscheidet zwischen Wetter und Witterung. Wetter ist das, was kurzfristig stattfindet.

Pfingststurm Ela beispielsweise oder Orkan Kyrill sind Wetterereignisse, die dem Wald an Rhein und Ruhr gewaltige Wunden geschlagen haben, räumt auch Niesar ein. „Wenn Sie jetzt im Essener Stadtwald stehen, da blutet ihnen das Herz, was da an Beständen zu Boden gegangen ist“, sagt er.

Wald ist bald wieder angemessen grün

Auf der anderen Seite gilt für den Forstmann: „Wir haben dort schon wieder junge Bäume in Stubenhöhe, die jetzt nachwachsen können.“ Zwei bis drei Meter hohe Jünglinge also sorgen dafür, dass zumindest optisch der Wald bald wieder angemessen grün ist.

Derlei plötzliche Verjüngung der Bestände nimmt Niesar noch einigermaßen gelassen. Auch Kyrill hat – NRW-weit betrachtet – bei den Fichten nur rund 40 Prozent der ohnehin üblichen „Entnahme-Menge“ umgehauen, doch dummerweise hat er sich dabei nicht an die Waldwirtschaftspläne gehalten, sondern vor allem das Sauerland getroffen.

Pilze gefährden Baumbestände

Neben solchen dramatischen Wetter-Ereignissen ist es aber vor allem die Witterung, die Niesar skeptisch werden lässt: „Wenn auf einen warmen Sommer ein niederschlagsreicher Herbst und darauf ein milder Winter folgt, haben wir ideale Bedingungen für Pilze.“ Und Pilze setzen gesunden Baumbeständen zu.

Erst vor kurzem mussten Waldarbeiter Buchenbestände fällen, bei denen die „Pfennig-Kohlenkruste“ festgestellt wurde: kleine schwarze Punkte am Stamm, die ebenfalls ein Pilz ausgelöst hat und der sogar die Standfestigkeit der Buchen, besonders in Höhenlagen der Mittelgebirge gefährdet.

Heute fallen die Bäume, weil vor zehn Jahren zu wenig Regen fiel

Die Jahresringe gaben Aufschluss über die Geschichte der Bäume: „Wir konnten nachweisen, dass die sehr trockenen Sommer von 2003, 2009 und 2011 die Bäume schon vorgeschädigt hatten“, so Niesar. Donnerwetter! Heute also fallen Bäume, weil vor zehn Jahren zu wenig Regen gefallen ist?

„Ganz so monokausal ist das sicher nicht“, sagt Niesar, aber ja: Der Klimawandel, bei dem man mittlerweile mit rund drei Grad Temperaturanstieg rechne, werde den Wald verändern – und das ganze geschieht über lange Zeiträume.

Das wärmere Klima begünstigt zudem die Ausbreitung von Schädlingen. So schafft es der Borkenkäfer mittlerweile, drei Generationen pro Jahr hervorzubringen, wo es früher nur zwei waren. Und: Borkenkäferpopulationen wachsen um den Faktor 75.

Wald übersteht Klimawandel eher als der Mensch

Aus 100 Borkenkäferlarven werden in einer Saison dann nicht 7500 Tiere, sondern 450.000! Und das Klima erleichert Zuwanderung: die Esskastaniengallwespe ist von Südchina über Italien nun nach Neuss und Bottrop-Kirchhellen gekommen.

Um den Wald an sich ist Niesar dennoch nicht bange: „Wenn wir heute Bestände haben, in denen der Borkenkäfer die Hälfte der Bäume geschädigt hat, sehen wir aber auch die andere Hälfte, die das offensichtlich überstanden hat, weil sie dem genetisch etwas entgegenzusetzen hat.“ Im Zweifel, so klingt bei Niesar durch übersteht der Wald den Klimawandel jedenfalls eher als der Mensch.

 
 

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