Der Neubau der Leverkusener Brücke entsteht auf Giftmüll

740 Millionen Euro kostet nach jüngsten Schätzungen der Neubau der Rheinbrücke der A 1 bei Leverkusen.
740 Millionen Euro kostet nach jüngsten Schätzungen der Neubau der Rheinbrücke der A 1 bei Leverkusen.
Foto: dpa
Im Eiltempo muss die Leverkusener A 1-Rheinbrücke neu gebaut werden. Ein Problem sind die 160.000 Tonnen Giftmüll, die unter der Baustelle schlummern.

Leverkusen. Die neue Rheinbrücke der A 1 bei Leverkusen wird einer der teuersten Bauten in Nordrhein-Westfalen. 600 Millionen Euro waren erst im Gespräch. Wohl 740 Millionen kostet nach den jüngsten Schätzungen die Fluss-Überquerung, die die Straßenbauer bis 2023 beim Leverkusener Bayerwerk schlagen müssen. Der Ersatz für das baufällige heutige Konstrukt, das ab 2017 Zug um Zug abgerissen wird, gilt als die künftige Großbaustelle Nr. 1 im Land. Weil das Autobahnkreuz, ein Stück der A 3 Oberhausen-Köln und auch die Strecke der A 1 von Dortmund her durch die Stadt gleich mit neu erstellt werden, wird das Projekt viel Geduld von stau-genervten Pendlern fordern – mindestens sechs Jahre lang.

Doch für die Planer des Landesbetriebs Straßen.NRW sind nicht alleine Verkehrsführung und Bautechnik eine Herausforderung. Ein Problem heißt: Giftmüll im Baugrund. Noch rollen täglich 100.000 Autos über den östlichen Brückenkopf der bröckelnden Flussüberquerung. Die wenigsten Fahrer ahnen, dass unter ihnen zwischen Kreuz und Rhein gefährliche Reste der mehr als zweihundertjährigen Industriegeschichte der Region lagern. „Bitterfeld am Rhein“nannte der „Spiegel“ 1987 die Fläche. Sie ist seit 2003 versiegelt und gegen den Rhein mit einer Spundwand gesichert. Sie muss für den Brückenbau aufgebohrt werden. Ein „umfangreiches Sicherungskonzept“ sagt der Landesbetrieb besorgten Anwohnern für die Arbeit zu.

Arsen und Chlor von Bayer liegen unter der Erde

Was liegt hier vergraben? Die Deponie Dhünnaue, in deren Untergrund die Pfeiler des Super-Bauwerks gegründet werden, enthält nicht nur Bauschutt oder Klärschlämme. Auch gefährlichere Stoffe wie Arsen und Chlor aus Küchen des Chemiemultis Bayer dürften abgelagert sein. Die Straßenbauer wollen 88 000 Kubikmeter verseuchtes Material bergen, um es auf eine benachbarte Deponie zu bringen oder dort zu verbrennen. Zusammen geht es um bis zu 160 000 Tonnen Gift.

130 Erkundungsbohrungen sind dazu seit 2014 angesetzt worden. Erste Ergebnisse, sagt Bernd Löchter von Straßen.NRW, haben „für uns keine Überraschungen“ gebracht. Er ist sicher: „Wir haben das unter Kontrolle“. Vor allem seien keine Rückstände von C-Waffen aus der Zeit des 1. Weltkriegs zu befürchten. Löchter: Kritiker hätten sogar von Senfgas- Lagerungen gesprochen. „Eine Unverschämtheit“

Arbeiter mit Spezialanzug und Atemgerät

Dennoch: Dass es nicht nur um verdreckten Sand geht, zeigt der Vorbeugungs-Katalog. Baustellenabschnitte werden in Planen oder Leichtbauhallen gehüllt, was ein Entweichen von Giftstoffen verhindern sollen. Teils wird das Erdreich mit flüssigem Stickstoff vereist. An Bohrstellen werden die Arbeiter im Spezialanzug und mit externer Luftversorgung werkeln. Für die eingesetzten Lkw werden Waschanlagen aufgestellt. „Geruchsgutachter“ werden Patrouille schieben und Arbeiter wie Anwohner nach verdächtigem Duft fragen.

In Leverkusen ist das gewaltige Vorhaben längst ein Politikum. Bürgerinitiativen machen gegen die Pläne mobil. Statt der Brücke wollen sie einen Tunnel. Nicht wenige der 300 Einwendungen von Bürgern drehen sich um das Aufbohren der Deponie. Vielen sind die Krebserkrankungen der 60er-Jahre und die Bilder der Bauzeit der Autobahn in Erinnerung: Das Gift der damals unversiegelten Fläche habe Beton weggeäzt und Allergien ausgelöst. In der Mitte der Deponie habe ein „150 Meter langer, bestialisch stinkender Chemiesee“ gelegen, der „in allen Farben schillerte“.

Totalsperre der Rheinbrücke würde Chaos verursachen

Viel Raum zum Verhandeln der besten Lösung hat die Politik nicht. NRW-Verkehrsminister Groschek steht unter Zeitdruck. Denn bei Straßen.NRW ist man unsicher, ob die aktuelle Brücke noch bis zu Inbetriebnahme der Ersatzfahrbahnen halten wird. Deren Totalsperrung hingegen bedeutete Chaos.

Jetzt muss sich der Landtag mit dem Thema beschäftigen. Ist das Risiko so hoch wie der Osnabrücker Wissenschaftler Helmut Meusel glaubt? Er sagt: „Ein extremer Fall von Kontamination. Wenn es eben geht, würde ich die Deponie, die ja gesichert ist, nicht öffnen“. Außerdem: Was passiert, wenn etwas passiert? Denn der Staat will das Gelände vor der Aufbohrung kaufen. Der Bayer-Konzern steht dann nicht mehr in der Verantwortung. Groschek soll dem Parlament Frage und Antwort stehen, fordert die CDU.

 
 

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