Der Karriereknick vor der Pubertät

Dirk Klein

An Rhein und Ruhr.  Sophia ist nicht allein: Im Schuljahr 2012/13 sortierten die Gymnasien in NRW fast 5500 Schülerinnen und Schüler aus, noch einmal rund 1000 mehr waren es an den Realschulen. Ein Karriereknick, den die Kinder oft noch vor der Pubertät verkraften müssen – und der ein Leben lang nachwirkt, so Schulentwicklungsforscherin Isabell van Ackeren. „Untersuchungen zeigen, dass Kinder, die eine solche Erfahrung machen, psychisch weniger belastbar sind und sich sowohl auf dem weiteren Schulweg wie auch bei der Berufsfindung schwerer tun“, so die Professorin der Universität Duisburg-Essen.

„Lehrer sind oft verhaftet inein Homogenitätsdenken“

Sie fordert vor allem ein pädagogisches Umdenken: „Lehrer sind oft verhaftet in ein Homogenitätsdenken, dabei ist Vielfalt im Klassenraum wichtig.“ Ob Bildungskarrieren gelingen, ist oft geographischer Zufall: „Der Bildungsbericht Ruhr hat gezeigt, dass die Schulwechslerquoten zwischen 2 und 11 % liegen“, sagt sie. Und noch etwas hat sich gezeigt: Ob ein Schüler „absteigt“, entscheidet die Schule. Ob ein Schüler den Sprung von der Haupt- an die Realschule oder von der Realschule ans Gymnasium wagt, ist hingegen eine individuelle Entscheidung: Wenn es um leistungsstarke Schüler geht, sind Lehrer oft anhänglicher als bei lernschwachen Kindern.

In Dortmund übrigens sind die „Abschulungen“ vor einigen Jahren drastisch in den Keller gegangen: Der Oberbürgermeister hatte gedroht, die Namen der Schulen öffentlich zu machen, die stark „aussieben“. Essen immerhin nimmt die Schulleiter in die Pflicht: Wenn eine Schule sich von einem Kind trennen will, stehen sie in der Verantwortung, eine angemessene, wohnortnahe Schule zu finden, die ihren Schüler nimmt. Und wo es hoffentlich auch das findet, was es bei einem erzwungenen Schulwechsel so brutal verliert: „Für Kinder ist das allein schon deswegen schlimm, weil Schule gerade in diesem Alter ein wichtiger Sozialraum ist“, so Isabell van Ackeren.