Das letzte Geleit

Haltern am See..  Weiße Grablichter stehen Spalier in der Holtwicker Straße, weiße Rosen liegen dazwischen, jeden Meter eine, 200 Meter lang. Wo am Mittag gegen 13 Uhr noch Hunderte Schüler, schülerhaft lärmend, das Joseph-König-Gymnasium verlassen hatten, da herrscht nun Stille, völlige Stille. Gleich kommen 18 Halteraner heim, die nicht mehr leben, die Schüler und die Lehrerinnen, die bei dem Germanwings-Absturz im März ums Leben kamen.

Bereits kurz nach zwölf hatte eine Kolonne dunkler Vans die Stadt verlassen, hatte Angehörige zum Flughafen Düsseldorf gebracht, damit sie sie heimbrächten. Gegen 15 Uhr geht es zurück von dort. Wenige Hundert Meter entfernt, in der Innenstadt, wo am Vormittag noch Alltag herrschte, auch dort wird es nun ruhiger, und eine Stadt- und eine Deutschlandfahne wehen halbmast vor St. Sixtus.

Vor der Schule aber finden sich mehr und mehr Menschen ein, sie warten hinter blassen weiß-roten Absperrungen auf den Abschied. Schüler und alte Leute, Erwachsene, Kinder, Polizisten, Notfallseelsorger, die einander sagen, wo der Konvoi ist – irgendeiner weiß immer was. Eine spektakuläre Rückkunft ist das, aber eine, die so geplant wurde auf Wunsch der Angehörigen: Gemeinsam sollten die Toten nach Hause kommen, so, wie sie auch abgereist waren Mitte März.

Und dann ist der Konvoi da. 400, vielleicht 500 Menschen stehen am Gymnasium, nehmen sich an den Händen, bilden eine Kette, die schweigt. Polizeikräder rollen im Schritttempo vorbei, ein Polizeiwagen, die weißen und die schwarzen Leichenwagen, Begleitfahrzeuge, der Bus mit den Angehörigen, nochmal Polizei. Kein Wort fällt, in der ganzen langen Straße nicht. Manche nehmen einander in den Arm, manche schluchzen oder weinen, viele bleiben noch Minuten stehen, nachdem alles vorbei ist. Irgendwo läuten Glocken. Später am Tag wird Bürgermeister Bodo Klimpel sagen: „Ich glaube, es war auch für die Eltern und Angehörigen ein wichtiges Zeichen, dass ihre Kinder nicht vergessen sind, sondern nach wie vor alle in unseren Herzen sind.“

Noch vor wenigen Tagen war unklar, ob die Schüler und die Lehrerinnen an diesem Mittwoch überführt würden. Am 19. Mai schon hatte der Staatsanwalt in Marseille die Leichen frei gegeben. Doch drei Wochen dauerte es, bis die französischen Behörden die Opfer herausgaben. Tippfehler in übersetzten Dokumenten sollen dabei eine Rolle gespielt haben. Über ihren Anwalt Elmar Giemulla schrieben die Angehörigen: „Der Zorn und die Verzweiflung nehmen zu . . . Müssen dem Leid unbedingt noch weitere Qualen hinzugefügt werden?“

Sankt Sixtus ist am Abend auf eine stille Weise geöffnet für all diejenigen, die Beistand suchen. So wollen sie es auch noch einige Zeit halten in Haltern, ansonsten geht das Trauern nun in den geschützten, privaten Raum über. In den nächsten Tagen werden die Toten bestattet. Und das Schützenfest, das große Schützenfest von Haltern verzichtet auf Feuerwerk und auf launige Spielmannszüge. Haltern ist ganz still.

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