„Das Furchtbarste war, normal zu sein“

Tobi Dahmen vor einem seiner Motive aus dem Buch „Fahrradmod“ in der Ausstellung in der Galerie im Centrum in Wesel.
Tobi Dahmen vor einem seiner Motive aus dem Buch „Fahrradmod“ in der Ausstellung in der Galerie im Centrum in Wesel.
Foto: Funke Foto Services
Der Illustrator Tobi Dahmen hat in einem Comic die Geschichte seiner Jugend in den 80er Jahren in Wesel erzählt. Es ist das Porträt einer ganzen Generation geworden

Wesel..  Wer bin ich? Was bin ich? Und was soll aus mir werden? Fragen, die sich jeder heranwachsende Mensch irgendwann mal stellt. Identitätssuche heißt das. Die Zeit, in der das überwiegend passiert, nennt man Jugend. Auch Tobi Dahmen stellte sich all diese Fragen, damals, Mitte der 80er-Jahre, in Wesel. Und natürlich ergab sich bei dieser Suche nach dem eigenen Ich noch eine weitere, entscheidende Frage, die in der Jugend unausweichlich ist: Wie schafft man es, cool zu sein?

Knapp 30 Jahre später hat Tobi Dahmen über diese Zeit eine - seine - Geschichte geschrieben und weil Dahmen ein studierter und überdies exzellenter Illustrator ist, wurde daraus ein autobiografischer Roman in Zeichnungen, ein 400 Seiten starker Comic über das Erwachsenwerden in einer Stadt in der westdeutschen Provinz, in diesem Fall: in Wesel am Niederrhein.

Erst der Blog, dann das Buch

Wenige Monate nach dem Erscheinen von „Fahrradmod“ ist inzwischen die dritte Auflage gedruckt. Ein Riesenerfolg. Die Entstehungsgeschichte dieser Graphic Novel, viele Zeichnungen daraus und Hintergründe zu dem Buch lassen sich derzeit auch in einer Ausstellung in der städtischen Galerie der Stadt Wesel entdecken (siehe Infobox).

Acht Jahre lang hat der 45-Jährige an dem Buch gearbeitet, mehr oder minder nebenher, denn sein Geld verdient er als Illustrator für Werbeagenturen und Verlage. Veröffentlicht hat Dahmen die „Fahrradmod“-Geschichte(n) stückchenweise als Internet-Blog, bevor daraus Ende 2015 das gedruckte Gesamtwerk wurde. „Eigentlich wollte ich darin nur meine eigene Geschichte erzählen“ sagt Tobi Dahmen, „aber aus dem Feedback, das ich auf das Buch bekommen habe, stellte ich fest, dass dies offenbar die Geschichte einer ganzen Generation ist.“ Eine Jugend zwischen Partys im katholischen Pfarrheim, der richtigen Klamottenwahl und Ausflügen in die große Welt, Düsseldorf zum Beispiel, oder Köln. Irgendwann kam dann tatsächlich noch London dazu.

So ist „Fahrradmod“ nicht nur die exemplarische Story einer Persönlichkeitsfindung, sondern zugleich auch ein ebenso bewegendes und anrührendes, aber auch witziges und selbstironisches Zeitdokument. Erwachsenwerden in den 80ern (wie wahrscheinlich auch in jedem anderen Jahrzehnt) war nicht nur aufregend, sondern auch aufreibend; oft genug auch peinlich und furchtbar. Dann wieder ein großes Abenteuer mit vielen Hoffnungen und Enttäuschungen. Manchmal war es sogar gefährlich. All das steckt in Dahmens „Fahrradmod“.

Und wer bei dem Titel rätselt: Mods, das sind diese coolen, schicken jungen Leute, die im England der 60er-Jahre vermehrt in den angesagten Clubs auftauchten, Maßanzüge und Kleidung ausgewählter Marken trugen, bevorzugt Ska und Soul hörten und italienische Roller fuhren. Anfang der 80er erlebte die Bewegung ein Revival und der junge Tobi in Wesel wurde Anhänger dieses Stils und damit Teil einer Subkultur. „Das Furchtbarste damals war, normal zu sein. Mainstream war das Schlimmste überhaupt“, so Dahmen über das Lebensgefühl seiner Zeit.

Nur der Traum vom motorisierten Zweirad erfüllte sich nicht. „Meine Eltern waren strikt gegen einen Roller und ich selbst hatte nicht genug Geld dafür“, erzählt der Illustrator, der seit 2008 mit Familie im niederländischen Utrecht lebt. Deshalb wurde er ein Mod, der Fahrrad fuhr. Mod bleibt man übrigens, wenn man will, sein Leben lang. Manchmal ziehe er sich noch den Anzug an und gehe tanzen, so Dahmen. „Aber ich sehe das heute alles viel entspannter.“

Und wie war sie in der realen Rückschau, die Jugend am Niederrhein? „Wesel war in den 80ern ein unglaublich lebendiges Örtchen.“ Da gab es alle möglichen Szenetypen und Subkulturen. „Wenn man zwischen den Zeilen des Buches liest, bin ich glücklich, dass ich hier meine Jugend verbracht habe.“

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