Das erste Röntgenbild von Gohomey

Gohomey.  Rigobert, der Heiler, wohnt gleich nebenan. Die Menschen im Busch schätzen ihn und kommen oft viele Hundert Kilometer, um sich Rat zu holen, sich behandeln zu lassen und einen bösen Zauber zu vertreiben. Die Gesänge, die Trommeln der Zeremonien schrauben sich manchmal nächtelang in die Seelen der Lebenden und der Toten. Und jetzt steht der Heiler in seinem prächtigen Gewand neben einer kleinen Schar verschwitzter Niederrheiner - und alle können noch gar nicht fassen, was da soeben passiert ist: Dr. Angelika Mosch-Messerich, Chefärztin für Radiologie und Nukleramedizin in Emmerich, hat einen kleinen Monitor angeknipst, und es dauert nur einen Wimpernschlag, dann baut sich das Bild auf, und es ist tatsächlich wahr geworden: das erste digitale Röntgenbild ist zu sehen - mitten im afrikanischen Busch, in der Krankenstation der Kevelaerer Hilfsorganisation „Aktion pro Humanität“ (APH).

Seit 20 Jahren engagiert sich die Ärztin Dr. Elke Kleuren-Schryvers, in Benin, Westafrika. Dank der treuen Unterstützung der Spender vom Niederrhein konnte hier, mitten auf dem Land, eine Krankenstation wachsen. Mit u.a. einer Blutbank, einer kleinen Geburtshilfeabteilung, mit einer für Westafrika einzigartigen Aids-Diagnostik und jetzt mit einem Operations-Container und einem digitalen Röntgengerät. Ein ehrenamtliches Team von Medizinern, Pflegern und Technikern aus Xanten, Kevelaer, Kleve, Wesel und Geldern ist seit ein paar Tagen vor Ort, um den OP-Trakt vorzubereiten und in Gang zu setzen, Strom und Wasser müssen funktionieren in einer Region, in der die Menschen in Lehmhütten leben, täglich viele Kilometer bis zum nächsten Brunnen laufen müssen und Voodoo nach wie vor Volksreligion ist.

Ein Klever Unternehmer, Bernd („Mom“) Zevens, hat den OP-Container inklusive Röntgengerät gespendet - er hätte sich auch ein Haus dafür kaufen können oder eine Yacht. „Was soll ich damit?“ sagt „Mom“ Zevens. „Das Geld ist so doch viel besser angelegt.“

In Marburg wurde der OP-Container gebaut, vor vierzehn Tagen kam er im Hafen der beninischen Metropole Cotonou an. Und jetzt steht er 150 Kilometer weiter mitten im Busch.

Gestern hat Dr. Johannes Kohler die ersten beiden Patienten operieren können. Einen zwölfjährigen Jungen mit einem Tumor in der Leiste, einen Teenager mit einem Leistenbruch. Zwei Tage lang hat der Xantener Chirurg Sprechstunde gehalten, die Menschen standen Schlange.

Das nächste Krankenhaus ist 30 Kilometer entfernt. Der beninische Staat ist sehr bemüht, ein funktionierendes Gesundheitssystem auch auf dem Land aufzubauen - aber in der Region Couffu, in der die APH-Krankenstation liegt, leben 700 000 Menschen - es gibt zwei Chirurgen und einen Gynäkologen. Dr. Elke Kleuren-Schryvers weiß schon gar nicht mehr, wie viele schwangere Frauen sie hat unter der Geburt sterben sehen müssen, wie viele Kinder mit einem „Typhusbauch“ nicht überlebten, obwohl ein kleiner Eingriff diese Kinder hätte retten können.

Es war Freitag, der 13., als die ehrenamtlichen Helfer vom Niederrhein in Gohomey ankamen. Alle haben unbezahlten Urlaub genommen: Dirk Henricy, der OP-Chef aus Xanten, Dr. Angelika Mosch-Messerich aus Emmerich, Dr.Wolfgang Paul, der Anästhesist aus Geldern, Walburga Koep, MTRA, medizinisch-technische Röntgen-Fachfrau aus Kleve, die „Techniker“ Charlie Möders und Peter Tervooren aus Kevelaer, die „Augsburger“ Truppe mit einem Gynäkologen und einer Hebamme. APH-Gründerin Dr. Elke Kleuren-Schryvers ist dabei, natürlich. Und Andrea Höltervenhoff, die vor vielen Jahren das APH-Projekt in Gohomey leitete - damals noch ohne Strom und Wasser...

Vierzehn Tage bleibt das APH-Team vor Ort. Die ersten afrikanischen Fachkräfte werden angeleitet, Personal soll rekrutiert werden. Heute wird der beninische Präsident erwartet, der den Container, den die Niederrheiner „Mom“ getauft haben, offiziell eröffnen will.

Es ist am späten Mittwochabend, als eine seltsame, fast andächtige Stille sich über die kleine Krankenstation legt. Und als Dr. Angelika Mosch ihre Hand unters Röntgengerät legte, Walburga Koep auf „Start“ drückte und wenige Sekunden später das erste digitale Röntgenbild zu sehen war. Die linke Hand mit dem Ring am Finger - so wie damals, Ende des 19. Jahrhunderts: Das erste Röntgenbild der Welt schoss Roentgen von der linken Hand seiner Frau...

 
 

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