„Da zählt kein Mensch mehr“

Düsseldorf..  Zwei Stunden lang machte sich die Nachtschicht noch an die Arbeit, dann ging nichts mehr im Daimler-Werk in Derendorf. Seit Mitternacht lief dort gestern kein Sprinter mehr vom Band, weil rund 3000 Mitarbeiter gegen einen möglichen Jobabbau demonstrierten. Auch die Arbeiter der Früh- und Spätschicht folgten dem Aufruf der Gewerkschaft und versammelten sich vor dem Werk, um pfeifend und fahnenschwenkend zur Geschäftsstelle der IG Metall zu ziehen.

„Damit sendet die Belegschaft ein klares Signal, dass sie mit den Plänen des Konzerns nicht einverstanden ist“, sagte Knut Giesler, Bezirksleiter der IG Metall NRW. Vor rund zwei Wochen war bekannt geworden, dass Daimler darüber nachdenkt, einen Teil der Produktion in die USA zu verlagern. Demnach sollen die Sprinter für den nordamerikanischen Markt nicht mehr in Düsseldorf, sondern in einem neuen Werk vor Ort produziert werden. Die Gewerkschaft fürchtet daher den Wegfall der Nachtschicht und damit den Abbau von rund 1800 Stellen.

Rentabler Standort

Der Ärger der Belegschaft darüber entlud sich gestern erstmals in Protesten. Mit dabei war auch Nicol Heider, seit 43 Jahren in der Produktion für Mercedes tätig. Für ihn sind die Pläne des Konzerns völlig unverständlich. „Wir in Düsseldorf sind der Leistungsträger. Wir finanzieren gerade unser eigenes Grab in Amerika“, sagte er und hatte auch gleich den passenden Titel für die Verlagerung der Kleintransporter-Produktion parat: „Das ist der totale Van-sinn.“

In die gleiche Kerbe schlug auch Giesler: „Das Geschäft mit dem Sprinter boomt. Hier geht es nicht darum, eine Krise abzuwenden. Das Düsseldorfer Werk ist eine goldene Kuh, wirtschaftlich einer der besten Standorte. Es gibt keine Notwendigkeit, anderswo neue Kapazitäten zu schaffen.“

Sollte Daimler diesen Schritt dennoch gehen, käme das einem Dammbruch gleich. Denn bisher sei es Konsens gewesen, keine neuen Werke im Ausland zu bauen, wenn dafür Arbeitsplätze in Deutschland wegfallen würden. „Da zählt kein Mensch mehr, da zählt nur noch Gewinnmaximierung um jeden Preis“, so Heider.

Gewerkschaft und Betriebsrat warten jetzt auf ein Signal von der Konzernspitze. „Vorher Angebote zu formulieren, kommt gar nicht in die Tüte“, sagte der Betriebsratsvorsitzende Thomas Weilbier. Und Giesler ergänzte: „Oberstes Ziel ist die Beschäftigungssicherung. Solange das nicht Grundlage der Gespräche ist, wird sich Daimler Ärger einhandeln.“ Heißt im Klartext: Weitere Aktionen könnten folgen. „Wir haben heute bewiesen, dass wir sehr gut in der Lage sind, diesen Poker mitzuspielen“, sagte Giesler, „und wir haben nicht nur ein Pärchen in der Hand.“

Der Daimler-Aufsichtsrat wollte gestern in Bremen und heute in Stuttgart über die Pläne diskutieren. Eine Entscheidung wird für den 21. Oktober erwartet.

Wachstumsmarkt USA

Hintergrund der angedachten Produktionsverlagerung sind unter anderem Strafzölle, die die USA bei der Einfuhr von Kleintransportern wie dem Sprinter erheben. Um diese zu umgehen, lässt Daimler die fertigen Fahrzeuge im Düsseldorfer Hafen in ihre Einzelteile zerlegen. Diese werden dann getrennt auf verschiedene Schiffe verladen und in den USA wieder zusammengebaut. Das ist günstiger als der Strafzoll, verursacht dem Unternehmen aber dennoch Kosten von etwa 3000 Euro pro Sprinter. Weitere Argumente für ein neues Daimler-Werk in den USA seien die Nähe zum US-Markt und mögliche Subventionen.

Doch auch das Düsseldorfer Werk hat gute Argumente. Eines ist die Verbundenheit der Mitarbeiter zum Produkt – so wie bei Uwe Meyer (55): „Vor Kurzem war ich in den USA im Urlaub. Als ich die Sprinter auf der Autobahn gesehen habe, dachte ich: ‘Das sind unsere Autos, alle aus Düsseldorf.’“

 
 

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