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Critical Mass in Essen: Massenradeln unter Polizeischutz

Critical Mass in Essen: Massenradeln unter Polizeischutz

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Foto: FUNKE Foto Services
Die Septemberausgabe der monatlichen Critical-Mass-Radtour in Essen verlief friedlich – mit neuer Rekordbeteilung von knapp 500 Menschen.

Essen. 

Auf der Bundesstraße, in den Ausläufern des Freitagsfeierabendverkehrs radeln um halb acht 500 Menschen durch. Wenn es keine Provokation ist, so ist das zumindest eine Demonstration. Aus dem Lautsprecher auf dem Lastenfahrrad dröhnt Jan Böhmermanns Rap. „Ich hab Polizei!“, bei dem man nicht weiß, um wie viele ironische Ecken das gedacht und gemeint ist.

Bei der zweistündigen Tour der „Critical Mass“ hatten sie Polizei: Ein Dutzend warnwestengrüne Beamte auf dem Rad eskortierten die Tour. Und bekamen — gewiss eine Seltenheit — am Ende Applaus von den Teilnehmern. Und das, wo es vor vier Wochen noch reichlich Frust, Verbitterung und Wut auf beiden Seiten gegeben hatten.

Damals waren 180 Radfahrer von der Polizei gestoppt worden, die vehement nach einer Anmeldung verlangte und zunächst ein Verbot durchzusetzen versucht – bis Radfahrverbände und Polizeispitze vergangene Woche mal miteinander redeten.

So kam die Deeskalation – und die dreifache Anzahl Radler. Was gewiss am Wetter lag, aber auch daran, dass die Bewegung zeigen will: Wir wollen uns nicht stoppen lassen. Weder von polizeilichen Auflagen noch von nörgelnden oder hupenden Autoverkehr. Dafür gab es Unterstützung von Radfahrern aus ganz NRW. Was zeigt: In der Verkehrspolitik ist gutes Rad teuer. Die Idee der autogerechten Stadt ist auf dem Schrottplatz der Geschichte gelandet. Im Zeitalter von Klimaschutz und Verkehrsinfarkt überlegen die Verkehrsplaner jedoch vielerorts, wie man Menschen zum Umstieg auf Nahverkehr und in den Sattel bewegen kann.

Immer mehr Radeltrassen

Essen zum Beispiel, als grüne Hauptstadt 2017, hat sich auf die Fahnen geschrieben den Anteil der Radfahrer von derzeit 5-7 Prozent auf 25 Prozent zu erhöhen. Schon 2018 sollen doppelt so viele Verkehrsteilnehmer im Sattel sitzen wie heute. Das ist nicht unrealistisch: E-Bikes machen auch Nichtsportler fit bei Schwäche, Steigung und Gegenwind. Immer mehr Radeltrassen wie der Radschnellweg quer durchs Revier verhelfen dem Ruhrgebiet mancherorts zu niederländischen Verhältnissen..

Die Freitags-Radtouren der „Critical Mass“ machen jedoch deutlich: Verkehrsraum ist begrenzt und umkämpft. Ohne Polizeibegleitung, die zudem mit drei Motorrädern den Fahrradcorso an großen Kreuzungen absicherte, hätte es womöglich noch drastischere Auseinandersetzungen und brenzligere Verkehrssituationen gegeben. Wobei auch nicht jeder Mitradler, der eine Nebenstraße „korkt“, freundlich erklärt, warum der Autofahrer warten muss.

Hinzu kommt: In Essen und anderen Großstädten kommt hinzu: Radfahrer sind oft Opfer des motorisierten Verkehrs. Die Radtour am Freitagabend führte auch an Essens erstem „Ghostbike“ vorbei: Am Bismarckplatz erinnert ein weißes Fahrrad daran, dass dort vor zwei Wochen eine Radfahrerin vom Auto erfasst wurde und an den Folgen des Unfalls starb.

Unter anderem in Berlin und Köln gibt es diese Mahnmale seit mehr als fünf Jahren. Sie sollen an die Opfer erinnern und gleichzeitig zur vorsichtigen Fahrweise an den Gefahrenstellen ermahnen. Weil im Alltag eben nicht jeder Radfahrer sagen kann. „Ich hab Polizei!“

Das NRW-Innenministerium sieht die „Critical Mass“-Radtouren als Versammlung. Als solche, so eine Sprecherin, muss sie angemeldet werden und Ordner stellen – eigentlich. Einen Grund, die Tour aufzulösen gibt es dennoch nicht ohne weiteres, so das Ministerium. Erst wenn aus der Menge heraus Straftaten verübt oder die Sicherheit gefährdet ist, steht es im Ermessen der Polizei, die Versammlung zu beenden.


Die „Crititcal Mass“ sieht sich als „Schwarm“: Alle wissen – dank Internet und Mundpropaganda – von gemeinsamen Radtouren. In Duisburg z.B. immer am letzten Freitag im Monat um 18 Uhr am Hbf, in Essen (Hbf) und Düsseldorf (Fürstenplatz) um 19 Uhr immer am zweiten Freitag im Monat.