Critical Mass – Demonstration oder Schwarmradeln?

Ein, zwei , drei Runden im Kreisverkehr... ab wann gefährdet eine Radlergruppe die öffentliche Ordnung?
Ein, zwei , drei Runden im Kreisverkehr... ab wann gefährdet eine Radlergruppe die öffentliche Ordnung?
Foto: WAZ
In vielen Städten treffen sich Radfahrer freitags zu so genannten „Critical Mass“-Radtouren. In Essen wurde dies von der Polizei verboten.

An Rhein und Ruhr.. 69mal ist nichts passiert – und dann ist die Sache plötzlich eskaliert. Am vergangenen Freitag radelten etwa 170 Fahrradfahrer durch die Essener Innenstadt. So, wie sie das seit mehr als fünf Jahren jeden zweiten Freitag im Monat tun. Dieses Mal jedoch stoppte die Polizei die Tour unter dem Motto „Critical Mass“ (dt. kritische Masse), löste sie schließlich auf. Nicht zum ersten Mal steht nun ein Phänomen auf dem Prüfstand, das schwer zu greifen ist. Freizeitspaß oder Kundgebung? Party auf Pedalen oder Provokation?

Auch mal mehr als nur eine Runde durch den Kreisverkehr

Die Idee dahinter: Radfahrer wollen gemeinsam radeln. Weil es mehr Spaß macht und weil Gruppen ab 15 Teilnehmern Sonderrechte genießen. Dann spricht die Straßenverkehrsordnung von einem „Verband“, der wie ein einziges Fahrzeug zu sehen ist. Heißt: Wenn der erste noch bei Grün in die Kreuzung einfährt, darf der Rest folgen, auch wenn die Ampel umspringt. Man darf zu zweit nebeneinander radeln – und ist nicht an Radwege gebunden. „Es macht einfach Spaß, in großen Gruppen geschützt auf Hauptverkehrsstraßen durch die Stadt zu fahren“, erklärt ein Teilnehmer. Für ihn ist die monatliche Radtour, die es in vielen Großstädten gibt (u.a. in Duisburg, Düsseldorf, Bochum, Wuppertal) ein Freizeitspaß für Jung und Alt.

Dass die Essener Polizei nun mit quasi lesbarer Empörung schreibt, da seien ja sogar Kinder mitgeradelt als handle es sich um eine Demo gewaltbereiter Extremisten, sorgt bei ihm für Kopfschütteln. Vom Bambusradbesitzer über den Lastenradfahrer, vom Studenten auf dem Leihrad bis zum Rentner auf dem E-Bike sind alle dabei und haben Spaß. Sie radeln auch schon mal mehr als eine Runde durch den ein oder andren Kreisverkehr. Das nehmen einige Autofahrer wohl eher zähneknirschend hin.

Die Auseinandersetzung mit der Polizei indes ist kein Einzelfall. Im September 2015 stoppte die Polizei die „Critical Mass“-Tour in Köln mit einer vierstelligen Teilnehmerzahl. Die Polizei sah 2500 Radler, ein Teilnehmer jedoch nur rund 1000. Bei Demonstrationen ist es ja oft umgekehrt. Aber dies ist, so sagen es die Teilnehmer, ja auch keine Demo, sondern ein Flash Mob: eine spontane Massenbewegung. Im Internet oder durch Mundpropaganda treffen sich Menschen an jedem zweiten Freitag im Monat um 19 Uhr – Ausdruck eines Lebensgefühls wie ein Autokorso nach Fußballspiel oder Hochzeit. Beim Rudelradeln gilt: Wer vorne ist, bestimmt die Richtung, man ist sich unausgesprochen einig, dass nach etwa zwei Stunden wieder der Ausgangspunkt erreicht wird.

Die Polizei hält das ganze für eine anmeldepflichtige Veranstaltung wie eine Demo. Der Allgemeine Deutsche Fahrradclub (ADFC) beobachtet die Entwicklung zunächst: „Wir finden alles, was dem Radverkehr hilft, unterstützenswert“, so Sprecherin Isabelle Klarenaar. Die „Critical Mass“-Bewegung mache eben deutlich, dass für die zunehmende Zahl von Radfahrern auch Raum geschaffen werden müsse. „Aber es geht uns immer um ein konstruktives Miteinander, nicht um Provokationen“, so Klarenaar. Es radelten oft auch ADFC-Mitglieder mit, aber dies sei jeweils Privatsache. Im November will sich der ADFC auf seinen nächsten Aktivenforum mit dem Phänomen beschäftigen. „Es kann gut sein, dass wir das auch juristisch bewerten müssen.“

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