Coronavirus: Verschwörungstheorien in der eigenen Familie? Forscherin aus Düsseldorf spricht Klartext: „Im schlimmsten Fall...“

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Experten gehen von einer Zunahme der Häuslichen Gewalt während der Coronakrise aus. Durch Kontakt- oder Ausgangssperren sind Menschen gezwungenermaßen mehr mit ihrem Lebensgefährten zuhause. Wenn dieser gewalttätig ist, kann die Situation schnell eskalieren.

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Das Coronavirus in einem chinesischen Labor gezüchtet, über 5G-Masten weiterverbreitet und das alles zur Rettung des Kapitalismus! Nutznießer? Natürlich Bill Gates, der allen Menschen über Zwangsimpfungen Mirko-Chips implantieren will. Gebilligt und genehmigt von Angela Merkel und Co., die uns alle unterwerfen wollen. Soweit nur ein Ausschnitt aus Verschwörungstheorien zum Coronavirus, die derzeit im Netz und auf den Plätzen der Republik verbreitet werden.

Zum Glück – so der Glaube der Anhänger dieser Theorien – gibt es da noch die Speerspitze der Erleuchteten um Attila Hildmann oder Xavier Naidoo, die die Coronavirus-Lüge durchschaut haben.

Ihnen und anderen Verschwörungstheoretikern rennen derzeit auffällig viele Menschen hinterher. „Im Moment ist es wirklich schlimm“, sagt Prof. Dr. Christiane Eilders von der Heinrich-Heine-Universität Düsseldorf gegenüber DER WESTEN.

Sie erklärt, wie man Verschwörungstheorien erkennt, wer von ihnen profitiert und wie man im besten Fall darauf reagiert.

Coronavirus befeuert wilde Verschwörungstheorien: „Man muss schon sehr blind sein“

„Dass so viele Menschen gleichzeitig auf Verschwörungstheorien hereinfallen, das war selten der Fall“, so die Professorin für Kommunikations- und Medienwissenschaft.

Wer nicht selbst aus dem Bekanntenkreis krude Theorien über Whatsapp und Co. zugeschickt bekommt, beobachtet den massiven Zulauf der so genannten „Hygienedemos“ in vielen deutschen Städten. Hier laufen Bürger teilweise Seite an Seite mit Reichsbürgern und der extremen Rechten.

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„Man muss die Augen schon sehr fest zudrücken, um nicht zu sehen, dass man neben Antisemiten läuft oder, dass einem das egal ist. Hauptsache der Kapitalismus wird besiegt.“ Eine einfache Erklärung dafür gibt es aus Eilders Sicht nicht.

Unsinn mit System

Allein durch die Unsicherheit in der Corona-Krise, etwa bedingt durch Ansteckungsgefahr oder Existenzsorgen, sei das Phänomen für sie nicht zu erklären.

Kurzarbeit, Langeweile im Homeoffice, „vielleicht hat es auch etwas mit der Suche nach Unterhaltung zu tun, die die Leute ins Netz gehen lässt.“, mutmaßt Eilders und weiter: „Dort werden sie so bombardiert mit dem Unsinn, dass sie früher oder später glauben: ‚Da muss doch etwas dran sein.‘“

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Fakt ist: Nahezu jeder Mensch ist in der Corona-Krise unmittelbar von politischen Entscheidungen betroffen. „Deswegen schauen die Leute Nachrichten mit einer anderen emotionalen Involviertheit“, sagt Eilders.

Wunsch nach Vereinfachung

Die Lage ist komplex. Für jede kommunizierte Einschränkung des Alltagslebens gibt es Gegenargumente. Jede Entscheidung ist eine Gratwanderung zwischen Freiheit und Gesundheit.

Da kommen Verschwörungstheorien gerade recht. Sie liefern für jeden, der nach Orientierung sucht, einfache Lösungen und klare Feindbilder. Häufig sind das Eliten, etwa aus Wirtschaft, Politik oder Wissenschaft. Das allein reiche allerdings als Anhaltspunkt nicht aus, um eine Verschwörungstheorie zu erkennen, warnt die Professorin.

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Denn Kritik an Eliten sei wichtig und des Öfteren auch angebracht. Auch wenn Verschwörungstheoretiker häufig mit Eliten als Feindbildern arbeiten, sei ein Erkennungsmerkmal viel eindeutiger.

Daran erkennst du eine Verschwörungstheorie wirklich

Laut Eilders werden in jeder Verschwörungstheorie Bruchstücke von Informationen in Beziehung gesetzt, die überhaupt nichts miteinander zu tun haben (Beispiel: 5G und die Corona-Krise, mehr dazu hier >>>).

„Dieser Zusammenhang enthält so simple Wahrheiten, dass er attraktiv wird, weiterzuleiten, vor allem über soziale Medien“, so die Düsseldorfer Professorin. „Das zu erkennen erfordert Nachdenken oder im schlimmsten Fall Recherche. Meistens reicht schon Nachdenken“, sagt Eilders mit einem Augenzwinkern.

So reagierst du am besten auf Verschwörungstheorien

In hartnäckigen Fällen käme man über eine intensive Nachforschung jedoch herum. Schließlich versuchen einige Portale ihre Thesen auch durch selbst ernannte Experten oder wissenschaftliche Quellen zu belegen.

„Dann muss man sich tatsächlich die Glaubwürdigkeit des wissenschaftlichen Journals anschauen“, empfiehlt Eilders. Dafür gebe es Rankings. In manchen Journals würden etwa auch Hausarbeiten veröffentlicht, die im wissenschaftlichen Diskurs keine Beachtung finden.

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Solche Diskussionen sollten unbedingt im persönlichen Gespräch geklärt werden und nicht über einen Chat, betont Sebastian Herrmann, der Buch zum Thema Umgang mit Verschwörungstheoretikern („Starrköpfe überzeugen“) geschrieben hat.

DAS darfst du im Gespräch mit einem Verschwörungstheoretiker auf keinen Fall tun

Der Autor empfiehlt dabei, unbedingt die Ruhe zu bewahren: „Sobald der Ton ruppig wird, ist eigentlich alles verloren“, so Herrmann. Zu Beginn eines klärenden Gesprächs sei die Suche nach Gemeinsamkeiten sinnvoll.

Denkbar ist, das Gespräch mit der Bemerkung zu eröffnen, dass man sich auch über das Thema Gedanken mache und gerne darüber sprechen will. Im nächsten Schritt könne man sagen, an welchem Punkt man nicht der gleichen Meinung ist und dies dann erklären.

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Hilfreich sei etwa ein Lob zu Beginn des Gesprächs. „Es darf natürlich nicht gelogen sein“, sagt Herrmann. Man könne zum Beispiel betonen, welche Argumente man gut fand, bevor man erklärt, mit welchen Punkten man nicht einverstanden ist.

„Je mehr Vertrauen zwischen zwei Menschen herrscht, desto mehr kann man eine Haltung zu etwas ändern“, sagt Herrmann. Schließlich seien es nicht die Fakten, die unsere Meinungen ändern, sondern Freundschaften.

Wem nutzen Verschwörungstheorien?

Bei all dem könnte auch helfen, sich die Kehrseite der Medaille anzuschauen mit der Frage: Was wollen eigentlich die Wortführer solcher Theorien? „Die treiben andere Ziele an als diejenigen, die das glauben wollen“, erklärt Prof. Dr. Eilders.

Politisch motivierte Initiatoren aus dem Reichsbürger-Milieu könnten möglicherweise weitreichende Ziele haben, wie die Destabilisierung der Demokratie. Manch einer möchte dann aber auch demnächst vielleicht nur sein veganes Kochbuch verkaufen. Denn: „Aufmerksamkeit lässt sich immer irgendwann in Geld übersetzen“, so die Düsseldorfer Professorin. Und sei es nur durch Werbeeinnahmen auf dem eigenen Youtube-Kanal. (mit dpa)

 
 

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