Coronavirus in NRW: Virologe aus Essen stellt eine Sache klar – „Völlig falsch ist...“

Professor Ulf Dittmer leitet das Institut für Virologie am Essener Uni-Klinikum. Im Interview mit DER WESTEN spricht er über das neuartige Coronavirus.
Professor Ulf Dittmer leitet das Institut für Virologie am Essener Uni-Klinikum. Im Interview mit DER WESTEN spricht er über das neuartige Coronavirus.
Foto: Privat
  • Das Coronavirus breitet sich rasant aus - auch in NRW
  • Mehrere Menschen aus der Region starben an Covid-19
  • Virologe Ulf Dittmer aus Essen erklärt Hintergründe zum Virus – und räumt mit einem Irrglauben auf

Das Coronavirus stürzt die Welt in eine Krise und macht auch vor NRW nicht Halt. Mehrere Menschen sind in NRW bereits durch das Coronavirus gestorben, über 1000 Menschen sind infiziert. Sämtliche Großveranstaltungen und Klassenfahrten fallen aus wegen des Coronavirus in NRW aus, Schulen werden möglicherweise bald ganz geschlossen.

Intensiv mit dem Coronavirus setzt sich Professor Ulf Dittmer, Direktor am Institut für Virologie in Essen, auseinander. Seiner Herkunft, der aggressiven Verbreitung und den Heilungschancen.

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Im Interview mit DER WESTEN erklärt Dittmer Hintergründe zu der heimtückischen Infektionskrankheit.

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Herr Dittmer, zwei Menschen aus NRW sind am Montag am Coronavirus gestorben. Wie bewerten Sie diese tragischen Fälle?

Es ist tragisch, dass diese Virusinfektion bei älteren Menschen so schwer verlaufen kann. Und wenn solche Menschen dann noch irgendwelche Vorerkrankungen haben, ist das Coronavirus für diese Person leider lebensbedrohlich. Es war leider zu befürchten, dass das bei mehreren Fällen in Deutschland eintritt.

Das bedeutet, dass das Virus vor allem für ältere Menschen und Menschen mit Vorerkrankungen eine Gefahr darstellt?

Ja, das ist eindeutig so. Das geben auch die Zahlen wieder, die wir aus China haben. Und dort hat es die am Abstand meisten Infektionen und schweren Verläufe gegeben.

Welche Personengruppen haben wenig zu befürchten?

Am wenigsten haben Kinder zu befürchten. Kinder, die in einem Umfeld mit infizierten Erwachsenen leben, waren teilweise gar nicht infiziert. Es hat nur ganz wenige schwere Verläufe bei Kindern gegeben, selbst in China.

Gibt es eine Erklärung dafür?

Bislang nicht, es wird allerdings gerade untersucht. Auch mit dem Immunsystem von Kindern ist das nicht erklärbar.

Es gibt ganz neue Befunde darüber, was eigentlich der Rezeptor des Coronavirus ist - also das Protein, das das Virus braucht, um in die nächste Zelle eindringen zu können. Zudem wird noch ein zweites Protein zur Infektion benötigt. Vielleicht liegt es an der Verteilung dieser beiden Proteine, dass Kinder besser vor dem Coronavirus geschützt sind.

Wie ansteckend ist das Coronavirus wirklich? Im Vergleich zu einer Grippe?

Es gibt darauf keine leichte Antwort. Denn: Noch viel mehr als bei einer normalen Grippe sehen wir, dass Menschen zwar infiziert sind, das Virus aber überhaupt nicht verbreiten. Und einige Infizierte übertragen das Virus auf sehr viele andere Menschen. Wir nennen diese Menschen „Superspreader“. Und dieses Phänomen ist beim Coronavirus viel ausgeprägter als bei einer echten Grippe.

Offensichtlich hängt es davon ab, wie viel Virus ein Mensch in sich trägt und wo das Virus sitzt. Es gibt Coronavirus-Patienten, bei denen liegt das Virus tief in der Lunge. Diese übertragen die Krankheit nicht ganz so leicht. Anders als Menschen, bei denen das Virus weiter oben im Rachen sitzt.

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Aktuell kann man fast schon von einer Desinfektionsmittel-Hysterie sprechen. Ist es überhaupt sinnvoll, oft Desinfektionsmittel zu verwenden?

Es hilft schon, weil dieses Virus sehr empfindlich auf Desinfektionsmittel reagiert. Händewaschen mit Seife ist allerdings genauso gut. Wenn man aber in einer Situation ist, in der man sich nicht mit Seife die Hände waschen kann, macht es durchaus Sinn, ab und zu mal Desinfektionsmittel zu verwenden. Nicht zu häufig - denn da gehen die Hände eher von kaputt.

Wie kann man sich jetzt schützen? Reicht Händewaschen oder haben Sie noch einen Geheimtipp?

Wir wissen, dass die Tröpfchen bei Tröpfcheninfektionen nicht weiter als 1,80 Meter fliegen können. Selbst wenn Wind geht. Das heißt: 2 Meter Abstand zu Personen ist eine relativ sichere Sache.

Und wenn man das dann kann, ist es sicherlich auch sinnvoll, sich nicht mit den Händen ins Gesicht zu fassen.

Derzeit werden viele Großveranstaltungen in NRW abgesagt, das Revierderby findet ohne Zuschauer statt. Ist das eine gute Maßnahme, um eine weitere Verbreitung zu verhindern?

Wir haben politisch entschieden, dass wir versuchen wollen, das Virus so lange wie möglich aufzuhalten. Bei Influenza, die nicht weniger gefährlich ist, entscheiden wir das nicht so.

Wenn man das also tun will, dann kann man auch keine Fußballspiele mit Zuschauern durchführen. Denn völlig falsch ist der Mythos, dass sich das Virus in einem offenen Stadion nicht verbreiten kann. Das Virus verbreitet sich bei kalter Luft hervorragend. Ein Fußballspiel ist sicher ein Ort, an dem sich viele Menschen infizieren könnten.

Werden Forscher das Coronavirus bald eindämmen können?

Wir versuchen, die Fallzahlen zu reduzieren. Ich bin mir ziemlich sicher, dass die Infektionszahlen im Sommer, wenn es warm wird, zurückgehen werden. Das Virus ist UV-sensitiv, auf Oberflächen würde es durch UV-Strahlung also besser abgetötet werden. Und auch die Übertragung von Mensch zu Mensch funktioniert bei warmem Wetter nicht so gut.

Vielen Dank für das Gespräch, Professor Dittmer.

 
 

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