Coronavirus in NRW: Krise treibt Hebammen in die Insolvenz – „Ein riesengroßer Fehler im System“

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Experten gehen von einer Zunahme der Häuslichen Gewalt während der Coronakrise aus. Durch Kontakt- oder Ausgangssperren sind Menschen gezwungenermaßen mehr mit ihrem Lebensgefährten zuhause. Wenn dieser gewalttätig ist, kann die Situation schnell eskalieren.

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Das Coronavirus hat innerhalb kurzer Zeit alles auf den Kopf gestellt. Um das Gesundheitswesen nicht zu überlasten, müssen wir uns alle in unserem Alltag einschränken.

Die Maßnahmen der letzten Wochen zur Eindämmung des Coronavirus haben Wirkung gezeigt. Im Gegensatz zu anderen Ländern sind die Krankenhäuser in Deutschland nicht kollabiert. Doch ein Berufsstand, der schon vorher über einen akuten Personalnotstand geklagt hatte, ruft jetzt umso mehr um Hilfe.

Coronavirus verschärft den Hebammen-Notstand in NRW

Barbara Blomeier seufzt. Auf die Frage, wie es in der Corona-Krise läuft, sagt die Vorsitzende Landesverbandes der Hebammen in NRW im Gespräch mit DER WESTEN: „Zwölf-Stunden-Tage. Wir versuchen hier irgendwie alles am Laufen zu halten.“

Vier Entbindungen in einer Schicht, das sei keine Seltenheit, sagte Blomeier schon im September 2019 dem „WDR“. Durch die Pandemie habe sich die Lage extrem verschärft. Das hat viele Gründe.

Coronavirus und die Angst vor der Hebamme

Etwa weil Geburtshelferinnen ausfallen, wenn sie bei Corona-Verdachtsfällen für zwei Wochen in Quarantäne müssen. Der Verband versucht an der Stelle sein Netzwerk zu nutzen, damit Kolleginnen füreinander einspringen können.

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Fehlende Schutzausrüstung führe außerdem dazu, „dass Frauen Angst haben, sich durch den Kontakt zu einer Hebamme anzustecken“, so die Vorsitzende. Das habe zum Teil erschreckende Konsequenzen.

Zahl der Hausgeburten ohne Hebamme steigt

„Man hört von Einzelfällen, die ihr Kind ganz alleine bekommen, ohne Hebamme und nicht in der Klinik“, berichtet Blomeier. „Das ist wirklich eine riskante Angelegenheit“.

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Zwar betonen Hebammen, dass eine Geburt ein natürlicher Vorgang sei, der in den meisten Fällen gut geht. „Aber wenn niemand dabei ist, der die Erfahrung hat zu beurteilen, ob alles in Ordnung ist, dann wird es echt schwierig“, warnt sie.

„Wir Hebammen fallen durch alle Raster“

Schuld an der Misere gibt die Vorsitzende des Hebammen-Verbandes der Politik. „Wir Hebammen fallen durch alle Raster“, klagt Blomeier. Das verdeutliche die Corona-Krise ganz besonders.

Von der Bezirksregierung, die ihre Schutzkleidung vom Land erhält, würden etwa automatisch nur Ärzte, Kliniken und Pflegeheime versorgt. Nur wenn etwas übrig bleibt, falle optional etwas für Hebammen ab.

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Der Grund: Hebammen werden keiner Gruppe zugerechnet, weder der Pflege noch Heilmittelerbringern (zum Beispiel: Physiotherapeuten). Werden sie bei politischen Entscheidungen nicht explizit genannt, gibt es auch keine Zuwendungen. „Ein riesengroßer Fehler im System“, sagt die Landesvorsitzende.

Rettungsschirm? Nicht für Hebammen

Bei den letzten Rettungsschirm-Verordnungen wurden Zahnärzte und Heilmittelerbringer berücksichtigt. Sie dürfen nun mit Ausgleichszahlungen für Verdienstausfälle rechnen.

„Wir haben alles versucht, um das Wort Hebamme in die Verordnung einzufügen zu lassen - sind aber gescheitert“, sagt Blomeier resigniert.

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Dabei haben auch Hebammen mit immensen Verdienstausfällen zu kämpfen.

Jetzt droht die Insolvenz

Zwar erweitern viele Hebammen zuletzt ihr Online-Angebot. „Das ersetzt aber nicht die Wochenbettuntersuchungen vor Ort, um Wundheilungsstörungen frühzeitig zu erkennen oder den Nabel des Neugeborenen zu untersuchen“, betont die Vorsitzende.

Ein Neugeborenen-Schwimmkurse könne zudem auch nicht digital durchgeführt werden. „Die Hebammen, die ausschließlich mit Kursen ihr Geld verdienen, stehen zum Teil vor der Insolvenz“, sagt Blomeier.

„Wir lassen die Frauen nicht alleine“

Immerhin wurde Ende April festgelegt, dass Hebammen für einen befristeten Zeitraum Zuschläge für den Mehraufwand von Schutzausrüstung zustehen.

Doch für viele ist das angesichts von Verdienstausfällen durch ausfallende Hausbesuche und Kurse ein Tropfen auf den heißen Stein.

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Blomeier versichert trotz des akuten Notstands: „Wir lassen die Frauen nicht alleine“, gibt sie sich kämpferisch und ergänzt: „Unsere Stärke besteht schon immer auch im Durchhalten und Aushalten.“

 
 

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