Corona in Köln: Frau hat dringende Bitte – „Es macht wenig Sinn …“

Corona NRW (13.3.)
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Köln. Das Coronavirus hat die Stadt Köln fest im Griff. Seit gut anderthalb Wochen steht das öffentliche Leben weitestgehend still. Schulen und Kitas sind geschlossen, ebenso wie Einzelhandelsbetriebe, Kinos oder Theater. Mit Eintreten der am Wochenende beschlossenen Kontaktsperre wird sich Zahl der Menschen auf den Straßen voraussichtlich noch einmal verringern.

Trotz Kontaktsperre geht für einige zumindest der Berufsalltag weiter. Nicht in jedem Job ist Home-Office möglich oder erlaubt. Dabei sind Arbeitnehmer mitunter auch auf den öffentlichen Nahverkehr angewiesen. Vera Müller* (54) aus Köln hat sich deshalb mit einer dringenden Bitte an Der WESTEN gewandt. Sie macht der Zustand in den Bussen und Bahnen große Sorgen.

Corona in Köln: Eingeschränkter Nahverkehr sorgt für Kritik

Schon in der vergangenen Woche entschieden die Kölner Verkehrsbetriebe (KVB): Der Fahrplan wird drastisch reduziert. Seit Mittwoch fahren Busse und Bahnen deswegen nach dem Samstagsfahrplan. In der Nacht zwischen 1 und 4 Uhr gibt es allerdings keine Fahrten, zudem wurde die Taktung einiger stark frequentierte Linien in den Morgenstunden erhöht.

Bei weitem nicht genug – findet Vera Müller. Die 54-Jährige war in der vergangenen Woche bis einschließlich Donnerstag jeden Tag mit dem Nahverkehr unterwegs, um zu ihrer Arbeit zu kommen. 50 Minuten braucht sie für die Strecke von ihrem Wohnort Refrath in Bergisch Gladbach bis zu ihrer Arbeitsstelle in Köln-Niehl, einmal muss sie umsteigen.

„Man merkt schon, dass es leerer ist als sonst in den Bahnen“, sagt Vera Müller. Aber es sei „nicht so leer, dass man den empfohlenen Abstand von anderthalb bis zwei Metern immer einhalten kann. Bei meinen Fahrten musste ich permanent hin und her laufen, um einen entsprechenden Platz zu finden.“ Gerade in den Bahnen stehe die Luft häufig regelrecht. Die Durchlüftung sei schlecht, Fenster häufig geschlossen.

„Das ist widersinnig“

Sie fürchtet, dass unter solchen Bedingungen selbst die zwei Meter in Bussen und Bahnen dann nicht ausreichen könnten, um sich nicht anzustecken. „Es macht wenig Sinn, im Rahmen des Kontaktverbotes im öffentlichen Raum einen Mindestabstand von 1,50 Metern, besser zwei Metern, zu fordern und den Aufenthalt dort nur mit einer weiteren Person oder im Kreis der Angehörigen des eigenen Hausstands zu gestatten, wenn gleichzeitig Berufstätige in öffentlichen Verkehrsmitteln auf engem Raum, teilweise über eine lange Fahrtzeit, zusammenstehen. Das ist widersinnig“, meint die 54-Jährige. Weniger Sorge hat sie dabei um sich selbst, als um ihre Eltern, die mit ihr in einer Wohngemeinschaft leben.

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Beide gehören mit einem Alter von über 80 Jahren und risikorelevanten Vorerkrankungen zur Risikogruppe. Seit diesem Montag konnte Vera Müller kurzfristig ins Home-Office wechseln. Wie lange das geht, weiß sie nicht. Sollte sie wieder nach Köln-Niehl fahren müsse, wäre sie aufgeschmissen. „Ich weiß nicht was ich dann machen soll. Ich habe keinen Führerschein und bin in Wohngemeinschaft mit Menschen, die zur Hochrisikogruppen gehören“, sagt sie verzweifelt.

Sie fordert eine Erhöhung des Taktes statt seiner Reduzierung. Dafür müsse man gegebenenfalls auch in Kauf nehmen, dass Fahrten unwirtschaftlich seien. Der aktuelle Fahrplan sei „absolut fahrlässig“. Sie ist nicht allein mit ihrer Kritik: Auch auf Twitter findet die Maßnahme wenig Gegenliebe. Dort kritisiert ein Nutzer „mehr Menschen auf engsten Raum. Das Krisenmanagement in dieser Stadt ist wirklich beispiellos.“

KVB: Normaler Fahrplan nicht möglich

Stephan Anemüller, Sprecher der KVB, kann die Sorgen von Vera Müller verstehen. Er würde ihr den Wunsch nach mehr Zügen prinzipiell auch gern erfüllen, doch: „Es geht uns nicht um Wirtschaftlichkeit, sondern darum, dass wir mit unseren verringerten Potenzialen einen verlässlichen Fahrplan liefern wollen.“

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Man habe sich lange Gedanken darüber gemacht, ob man den Betrieb beschränken müsse, aber „wir haben selbst Kollegen und Kolleginnen, die Kinder betreuen müssen“. Der normale Fahrplan sei unter den aktuellen Bedingungen „betrieblich nicht leistbar“.

Wie in anderen Städten in NRW gibt es bereits seit Anfang vergangener Woche keinen Vordereinstieg in den Bussen mehr in Köln. Zusätzlich öffnen die Türen an den Haltestellen automatisch. Fahrgäste müssen also nicht mehr auf den Türöffner drücken. Außerdem bleiben die Türen während der Standzeiten an den Endhaltestellen geöffnet.

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Eine grundsätzliche Weisung, die Fenster offen zu halten, gebe es jedoch nicht: „Wegen der Kälte und der Gefahr von Grippe oder Erkältungen ist das aktuell sicher auch nicht ratsam.“ Durch den geringeren Verkehr kämen Busse und Bahnen aktuell jedoch schneller an den Haltestellen an und könnten die Türen länger offen halten.

KVB: Menschen haben es verstanden

Anemüller glaubt, dass sich am Wochenende noch einmal vieles in den Köpfen der Menschen verändert hat: „Wir stellen seit etwa zwei Tagen fest, dass die Menschen es wirklich verstanden haben. Da müssen wir jetzt Kurs halten, auch wenn es schwer fällt. Wir müssen alle achtsam sein und Kontakte dort, wo es geht, vermeiden.“ Niemand würde sich mehr unter den Wartehäuschen oder den Bahnsteigen drängen.

„Wenn man ein persönliches, höheres Risiko empfindet, beispielsweise weil man mit Menschen der Hochrisikogruppe zusammenlebt, können wir aktuell nur darum bitten, selbst sehr genau darauf zu achten, wo man sich hinsetzt. Die Fahrzeuge sind inzwischen so leer, dass ein Abstand von zwei Metern zu anderen Personen möglich ist“, führt der KVB-Sprecher mit Blick auf Vera Müllers Situation aus. Bei kürzeren Arbeitswegen könne man zu Fuß gehen oder auf Leihräder zurückgreifen. „Aber das ist natürlich extrem abhängig von der Entfernung.“

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Für Vera Müller greifen die bisherigen Maßnahmen weiter zu kurz: „Das Potenzial sich anzustecken, ist einfach zu groß, das kann ich nicht riskieren.“ (dav)

*Name geändert, der Redaktion bekannt

 
 

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