Corona bei Tönnies: Mutige Frau kämpft gegen Ausbeutung in Schlachthöfen – „Die ganze Nacht geweint“

Corona bei Tönnies: Inge Bultschneider kämpft seit Jahren gegen das ausbeuterische System in Schlachthöfen.
Corona bei Tönnies: Inge Bultschneider kämpft seit Jahren gegen das ausbeuterische System in Schlachthöfen.
Foto: imago images/privat; DER WESTEN

Rheda-Wiedenbrück. Es war eine zufällige Begegnung, die ihr Leben verändern sollte und sie zur Vorkämpferin gegen ein krankes System wurden ließ. Gegen das System Tönnies, das durch den Corona-Ausbruch unter Arbeitern mehr denn je in der Kritik steht.

2012 liegt Inge Bultschnieder (48) im Krankenhaus. Im Bett nebenan liegt Katja, eine junge Bulgarin, „völlig runtergewirtschaftet, abgemagert“, wie Bultschnieder im Gespräch mit DER WESTEN sagt. Danach ändert sich alles.

Corona bei Tönnies: Inge Bultschnieder wurde durch Zufall zur Aktivistin

Katja arbeitete in einem Schlachthof der Firma Tönnies, wo es derzeit mehr als 2000 Corona-Infizierte gibt, als Werksarbeiterin. Man sei ins Gespräch gekommen. „Sie hat die ganze Nacht erzählt und geweint.“ Und auch wenn Bultschnieder sprachbedingt nur „etwa fünf Prozent“ von dem verstand, was ihr die Frau da erzählte, so reichte es doch aus, um zu verstehen, dass sie Hilfe brauchte.

Es war der Start ihres Engagments.

12 Stunden pro Tag muss die Werksarbeiterin schuften, ohne Krankenversicherung, unter extremen Bedinungen. Als sie ein zweites Mal bei der Arbeit zusammenbrach und Angst hatte, sich im Krankenhaus behandeln zu lassen, bot Bultschnieder an, sie könne bei ihr einziehen, wenn sie ihren Job verliere. „Ein paar Tage später stand sie mit zwei Plastiktüten vor der Haustür“, erzählt Bultschnieder.

Aus Angst arbeiten sie weiter

Die Bulgarin, in ihrer Heimat Kranwagenfahrerin in einem Stahlwerk, hatte sich in Deutschland eine bessere Perspektive erhofft. Sie landete in einem Schlachthaus von Tönnies. Mit einem großen Messer musste sie den Schinken von den Knochen der Schweine schneiden. Ein brutaler Job.

„Ein Arzt hat mir einmal geschildert, dass viele Werksarbeiter entzündete Hand- und Armgelenke haben", erzählt Bultschnieder. Doch viele Arbeiter bestünden darauf nicht krankgeschrieben zu werden. Aus Angst, ihren Job zu verlieren.

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Das ist die Firma Tönnies:

  • Das Familienunternehmen Tönnies wurde 1971 gegründet.
  • Es ist der größte Schweineschlachter Deutschlands und gleichzeitig das umsatzstärkste Unternehmen in der Fleischverarbeitung.
  • 2019 setzte die Tönnies-Gruppe insgesamt rund 7,3 Milliarden Euro um.
  • Weltweit verarbeitete das Unternehmen 2019 knapp 21 Millionen Schweine.

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Jetzt sind die Werksarbeiter aus Rumänien, Bulgarien oder Mazedonien aber erstmal zum Zuhause bleiben verdammt. Ganze Wohnblöcke stehen unter Quaranäne und wurden abgeriegelt. Hundertschaften der Polizei bewachen sie. Niemand kommt raus.

Bultschnieder kennt die Zustände in einigen Unterkünften: „Ich stelle mir die Situation darin jetzt hart vor.“ Schimmel zerrt mitunter die Wände, die Wohnungen sind nicht selten überbelegt, nur wenige haben einen Balkon.

Viele der Unterkünfte hätten eigentlich längst abgerissen werden sollen. Doch stattdessen wurden hier die Werksarbeiter untergebracht. Mitunter machten die Immobilienbesitzer und Subunternehmer gemeinsame Sache. „Doppelsäue“, nennt Bultschnieder das.

Planschbecken für Kinder der Tönnies-Werksarbeiter

Gemeinsam mit "Faire Mobilität" und "Pro Arbeit e.V." hat sie eine Solidaritätsaktion ins Leben gerufen. Bürger können Pakete für die Quarantäne-Arbeiter abgeben. Denn auch wenn Clemens Tönnies angekündigt hat, dass die Firma die Versorgung der Arbeiter übernehme, sei das zum Teil nicht erfolgt.

Auch Planschbecken wollen sie über die Zäune reichen, damit die Kinder bei den heißen Temperaturen sich zumindest ein bisschen abkühlen können.

Corona-Ausbruch: „Herr Tönnies hätte das absehen können“

Doch wer ist nun Schuld für das System der Ausbeutung in der Fleischproduktion? Bultschnieder hat dazu eine klare Meinung: „Der Hauptschuldige an der aktuellen Situation ist Herr Tönnies. Er hätte das absehen können. Schon im März war klar, dass es wegen Corona nicht gut gehen kann. Das hat er billigend in Kauf genommen", sagt sie. „Doch ganz grundsätzlich hat sich die ganze Gesellschaft schuldig gemacht. Von Tönnies über die Subunternehmer bis zu jedem, der das billige Fleisch kauft.“

Bultschnieder hat den Politikern seit acht Jahren über die Zustände in den Schlachthöfen und Unterkünften berichtet. Über die Arbeitsbedingungen, die nicht ausbezahlten Überstunden, die Zustände in den Unterkünften. Es habe auch Verbesserungen gegeben, aber das ausbeuterische System blieb bestehen.

Jetzt ist bei ihr die Hoffnung so groß wie nie, dass sich etwas Tiefgreifendes ändern wird. Denn nun ist das Thema in den Köpfen der Menschen, in der breiten Öffentlichkeit.

„Die Märchenstunde ist vorbei“, sagt sie und findet, dass die Firma Tönnies auch zur Kasse gebeten werden sollte angesichts des Lockdowns in den Kreisen Gütersloh und Warendorf und der Folgen.

„Es braucht keine Versprechungen von Herr Tönnies mehr, sondern klare Vorgaben von der Politik. Ich bin optimistisch, dass Herr Laumann und Herr Heil das jetzt angehen“, schaut Bultschnieder voraus. Es wäre ein kleiner Lohn für ihren Kampf der letzten Jahre.

 
 

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