Essen

Clans aus dem Ruhrgebiet tyrannisieren ganz Deutschland mit fieser Masche – ausgerechnet HIER machten sie besonders fette Beute

Clan-Mitglieder aus dem Ruhrgebiet zocken immer wieder Menschen als Schlüsselnotdienst oder Schädlingsbekämpfer ab.
Clan-Mitglieder aus dem Ruhrgebiet zocken immer wieder Menschen als Schlüsselnotdienst oder Schädlingsbekämpfer ab.
Foto: Imago images/privat; Montage: DER WESTEN

Essen. Sie kommen als vermeintliche Helfer in der Not - und entpuppen sich als fiese Betrüger.

Schlüsseldienst-Betrüger sind ein leidiges Thema für Justiz und Betroffene. Immer wieder führt die Spur zu Clans ins Ruhrgebiet.

Ein besonders krasser Fall ereignete sich diesen Februar in Niederösterreich. Eine wohlhabende ältere Dame (73) hatte mehrmals den falschen Code für ihren Tresor eingegeben. Ihr Geldschrank ließ sich nicht mehr öffnen. Im Internet suchte sie nach Hilfe und landete bei einem Schlüssel-Notdienst.

Clan-Kriminalität in Deutschland: Woher kommen die Clans und wie kriminell sind sie?
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Clans aus Ruhrgebiet geben sich als falscher Schlüsseldienst aus

Wie vereinbart erschienen am nächsten Tag drei vermeintliche Techniker. Sie entpuppten sich als Mitglieder eines Clans aus dem Ruhrgebiet.

Doch zunächst machte sich das Trio mit Winkelschleifer, Schweißgerät und schwerem Gerät an die Arbeit. Die ältere Dame machte den fleißigen Handwerkern noch etwas zu Essen und holte ihnen Zigaretten vom Automaten.

Zu fortgeschrittener Stunde erklärte das Trio, noch Spezialwerkzeug holen zu müssen und am nächsten Tag wiederkommen zu wollen. Hastig verließen sie das Haus.

>>> mehr auf DER WESTEN: Clankriminalität in NRW: Großfamilie soll mit Menschen gehandelt und Arbeiter brutal ausgebeutet haben

Als ein Bekannter der 73-Jährigen nach dem Rechten schaute, folgte der Schock. Der Tresor hatte ein Loch und war komplett leergeräumt. Der Inhalt: Goldbarren und Münzen im Wert von mehr als 700.000 Euro, eine hohe Bargeldsumme sowie zwei Sparbücher. Alles war weg. Den Betrügern gelang der scheinbar ganz große Coup.

Ermittler schnappen in Thermenhotel zu

Tatsächlich kamen sie aber nicht weit. Nur Tage später können die österreichischen Ermittler zwei Männer in Wien-Favoriten festnehmen. Unter ihnen Ali A. (22) aus Essen. Kurz darauf dann noch ein Zugriff. In einem Thermenhotel in Laa beendeten die Ermittler den Wellnessurlaub von drei Verdächtigen, darunter Ibrahim K. (23) aus Gelsenkirchen.

Die beiden Männer wurden im Frühjahr in Wiener Neustadt wegen schwerem Diebstahl zu zwölf Monaten verurteilt. Auf Bewährung. Wie diese Redaktion aus österreichischen Justizkreisen erfuhr, wurde gegen sieben weitere Verdächtige des Schlüsseldienst-Clans das Verfahren von der Staatsanwaltschaft eingestellt. Ihnen konnte keine Tatbeteiligung nachgewiesen werden.

>>> hier mehr zu dem Fall auf DER WESTEN

Ausgeklügeltes System steckt dahinter

Schlüsseldienst-Clans tyrannisieren seit Jahren ganz Deutschland. Gegen einen Mann aus Essen hatte die Polizei in Niedersachsen unglaubliche 177 Verfahren wegen des Verdachts auf Wucher im Zusammenhang mit Schlüsselnotdiensten eingeleitet. Auch im NRW-Lagebild „Clankriminalität 2019“ ist die Rede von „Schlüsseldiensten, die von Clanangehörigen betrieben werden.“

Selbst in der Schweiz und Österreich machen sie längst fette Beute, wie das Beispiel aus Wiener Neustadt zeigt. Immer wieder führt die Spur nach Essen und ins Ruhrgebiet.

Dahinter steckt ein ausgeklügeltes System, verrät ein Kriminalist: „Der Clan bietet über das Internet diverse Notdienste an und erkauft sich eine gute Reihung bei der Google-Suche. Über ein Call-Center werden die Anrufe dann zu einem Handy der Bande weitergeleitet“.

Experte: „Wie eine riesige Krake“

Auch Dietmar Isbaner kennt dieses Phänomen. Der Frankfurter hatte früher selbst einen Schlüsseldienst. Doch die Betrüger haben auch die Preise für seriöse Schlüsseldienste kaputt gemacht, sagt er. „Sie sind wie eine riesige Krake, ist ein Arm abschlagen, kommen zehn neue Arme nach.“

Isbaner ist inzwischen Vorsitzender der Schutzgemeinschaft technischer Notdienste. Sie betreiben eine Weiße und Schwarze Liste, auf der ortsansäßige bzw. unseriöse Schlüsseldienste als solche kenntlich gemacht werden. Ihm zufolge ist das Geschäft in den Händen von Großfamilien aus dem Ruhrgebiet, er schätzt die Zahl der Mitarbeiter auf 200 bis 300.

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Landet man bei einem solchen unseriösen Anbieter, kommen nicht selten Autos mit Essener Nummernschildern, ohne Firmenlogo, vorgefahren. Diese angeblichen Schlüsseldienste sind keine Fachleute, entsprechend wenig professionell ist die Arbeit.

Anschließend folgen Wucherpreise, die unter Druck sofort per EC-Karte oder bar bezahlt werden sollen. Auch Ali A. machte so sein Geld.

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In einem Fall soll er 49 Minuten Arbeit ausgewiesen und dafür 1.151,44 Euro verlangt haben. Das Geld bezahlte die eingeschüchterte junge Frau auch angesichts der körperlichen Präsenz der vermeintlichen Schlüsseldienst-Männer per Scheck.

Die Rechnung führte zu einer Adresse nach Altenessen. Doch als gerichtlich eine Rückzahlung durchgesetzt worden war, war der Übeltäter unbekannt verzogen. Und hatte anschließend in Österreich munter weiter gemacht.

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Darauf solltest du bei Schlüsseldiensten, Rohrreinigung oder Schädlingsbekämpfung achten:

  • Tagsüber kostet eine Türöffnung zwischen 80 bis 125 Euro, nachts, Sonn- oder Feiertags zwischen 180 bis 200 Euro .
  • Die Entfernung eines normal zugänglichen Wespennests kostet zwischen 150-250 Euro.
  • Auf der Seite „Weiße Liste“ findest du Unternehmen, deren Ortsansässigkeit überprüft wurde.
  • Auf Rechnung bezahlen, Leistungen vorher besprechen und Arbeitsvorgang beobachten.

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Inzwischen hat die Suchmaschine Google reagiert und spielt Anzeigen für Schlüsseldienste nicht mehr prominent aus. Doch die Betrüger haben sich längst angepasst und sich eine neue Masche einfallen lassen.

Betrüger setzen jetzt auf neue Methoden

Davon kann ein Familienvater aus der Nähe von Hannover ein Lied singen. Er hatte einen Mottenbefall an einem alten Schaukelpferd im Keller entdeckt, über Google einen Schädlingsbekämpfer gesucht.

Später kam ein Transporter mit Essener Kennzeichen vorgefahren. „Ich habe mich noch gewundert, aber nicht weiter drüber nachgedacht“, erzählt der Hausbesitzer. Der vermeintliche Schädlingsbekämpfer sprayte den Mottenbefall mit einem Abwehrspray ein und stellte anschließend eine Rechnung über 189,90 Euro aus. Im Preis inklusive: eine Nachkontrolle.

Falscher Betrag ausgewiesen

Er zahlte sofort mit EC-Karte per Kartenlesegerät. Dann wartete er auf die Nachkontrolle. Doch niemand meldete sich. Stattdessen erlebte er beim Blick auf seine Kontoabrechnung den Schock. Denn statt der auf der Rechnung ausgewiesenen 189,90 Euro wurden 810,26 Euro abgebucht.

Der Mann aus der Nähe von Hannover hat nur eine Erklärung: „Ich gehe davon aus, dass im Kartenlesegerät ein anderer Betrag eingegeben war als auf der Rechnung stand. Das habe ich in der Eile nicht nochmal genau kontrolliert.“ Er hat Anzeige erstattet und versuchte sein Geld zurück zu bekommen. Vergebens. Der Betrüger ist auch nicht mehr zu erreichen. Die Adresse der Fake-Rechnung verliert sich in einer Problemimmobilie in Oberhausen-Alstaden.

Experte hadert mit Rechtsprechung

Für Experte Isbaner ist das längst kein Einzelfall. „Ich kenne Beispiele, in denen Leute für die Entfernung von Wespennestern 4.000 Euro bezahlt haben.“

Er hadert insbesondere mit der Rechtsprechung: „Ich kann nur jedem raten nicht noch in Rechtsanwälte und Gerichte zu investieren. Denn es passiert nichts“, sagt er desillusioniert.