Clan-Mitglied büchst aus Gefängnis aus und lebt im Ausland in Saus und Braus – auf Kosten von IHNEN

Clan-Kriminalität in Deutschland: Woher kommen die Clans und wie kriminell sind sie?

Clan-Kriminalität in Deutschland: Woher kommen die Clans und wie kriminell sind sie?
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Es klingt nach einer schier unfassbaren Geschichte.

Ein Clan-Mitglied büchst aus einer Gefängniszelle aus, setzt sich ins Ausland ab und führt hier ein Leben in Saus und Braus. Auf Kosten deutscher Rentner. Deutsche und türkische Ermittler sind überzeugt: sie hat sich genau so zugetragen.

Clan-Mitglied bricht aus Gefängnis aus und zockt deutsche Rentner ab

Es ist die Geschichte von Amar S., einem der Köpfe des libanesischen Miri-Clans aus Bremen. Die Polizei ermittelte in Bremen schon mehr als hundertmal gegen das Kriminelle Clan-Mitglied. 2012 ist Amar S. wegen schwerem Bandendiebstahl vor Gericht. Aus einer Vorführzelle des Bremer Landgerichts gelingt ihm die spektakuläre Flucht. Er setzt sich in der Folge in die Türkei ab.

Dort, davon sind die Ermittler überzeugt, baute er in Izmir ein Callcenter auf, von dem aus deutsche Seniorinnen und Senioren mit der „Falsche Polizisten“-Masche abgezockt wurden.

Amar S. soll System perfektioniert haben

„S. hat das System 'Falsche Polizisten' nach unserer Einschätzung perfektioniert“, ist Hans-Peter Chloupek, Soko-Leiter der Polizei München, im Gespräch mit dem „Spiegel“ überzeugt

Das Vorgehen der Kriminellen war dabei immer identisch.

Eine heimlich gedrehte Aufnahme, die im türkischen Fernsehen zu sehen war, zeigt, wie die Betrüger vorgehen. Vor einem Laptop sitzend telefoniert ein junger Mann mit seinem deutschen Opfer. Er verwendet dazu wohl eine Software, die auf dem Telefon die Nummer der örtlichen Polizei erscheinen ließ.

„Wir haben drei Tatverdächtige festnehmen können und wir fanden eine Notiz bei den Tatverdächtigen, wo ihre Angaben drin waren“, erklärt der Anrufer. Was im Video nicht mehr zu sehen ist, aber immer folgt: die Rentner sollen ihr Hab und Gut in Sicherheit bringen und es an die Polizei übergeben.

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Anfang Dezember ist die Party vorbei. Die türkische Polizei nimmt zwei Callcenter in Izmir hoch. Die Ermittlungen hatten schon 2016 begonnen. Federführend sind die Polizei München und das Landeskriminalamt NRW. 16.000 Datensätze werden ausgewertet - und führt die Ermittler letztlich auf die Spur der Betrüger.

Hocheffektives Netzwerk aus Keilern, Logistikern und Abholern

Die haben sich ein hocheffektives Netzwerk aufgebaut. In Deutschland arbeiten die Abholer, die Geld und Wertsachen bei den betrogenen Senioren einsammeln. Sie übergeben es an die Logistiker, die das Geld in die Türkei transferieren. In geschlossenen Facebook-Gruppen wird offen kommuniziert und geprahlt. „Ich mache im Monat 250.000 Euro durch meine Betrugsmasche… Ab und an vergebe ich Jobs. Als Abholer kannst du bei mir bis zu 15.000 Euro verdienen. Da ich neue suche, könnt ihr unter meinen Kommentaren Leute markieren, die seriös sind. Für eine anständige Vermittlung bekommt ihr 5000 Euro“, schreibt einer der Hintermänner.

In den Callcentern in der Türkei sitzen die Keiler. Sie mussten vor allem Deutsch können. Wie der „Spiegel“ berichtet, soll das Geschäft so gut gelaufen sein, dass sich die Betrüger auf die wertvollsten Sachen fokussierten.

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Kein Schmuck, nur Gold sollte es sein

Ein Hintermann sagte in einem abgehörten Telefonat zu einem Abholer: „Schmuck und so lasst ihr weg, Digga. Das ist nur Kopfschmerzen. Gold ja, aber kein Schmuck. Dieses deutsche Schmuck ist nichts wert, das ist das Problem.“

Nicht selten werden die Opfer, ahnungslose Seniorinnen und Senioren, die glaubten mit der echten Polizei gesprochen zu haben, anschließend noch lächerlich gemacht. „Eine Frau hat ihr gesamtes Erspartes von rund 200.000 Euro den Betrügern gegeben. Sie hat auch noch ihren Dispo bei der Bank ausgeschöpft. Sie hat also nicht nur kein Geld mehr, sondern auch Schulden. Und die Täter haben später bei ihr noch angerufen und sie verhöhnt“, sagte der Ermittlungsleiter der „Rheinischen Post“.

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Ermittler pfänden sogar drei Hotels

Welche Dimensionen der Betrug hat, zeigen die Sicherstellungen der türkischen Polizei. Bei der Aktion werden über 100 Millionen Euro Vermögen, einschließlich Immobilienbesitz beschlagnahmt. Neben 1,5 Millionen Euro stellten die türkischen Behörden noch 200.000 US-Dollar, fünf Kilogramm Gold, 41 hochwertige Fahrzeuge sicher und pfändeten 3 Hotels und über 80 Luxuswohnungen und Büroräume.

In den sozialen Netzwerken hatten die Betrüger zuvor ihren Reichtum offen zur Schau gestellt: schnelle Autos, Geldbündel mit 500-Euro-Scheinen und eine vergoldete Inneneinrichtung. Man ließ es sich gutgehen in der Türkei.

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Betrüger protzt auf Instagram

Ein mutmaßlicher Betrüger namens „Papa Kralle“, er soll der mächtigen Saado-Familie angehören und beste Verbindungen ins Ruhrgebiet haben, posierte regelmäßig auf Instagram, machte Videos mit dem abgeschobenen Skandal-Rapper „Jigzaw“ aus Hagen oder lümmelte auf einer Luxus-Couch mit Kumpel Engelsgesicht, der 2019 vergeblich versuchte als Rapper bei „Deutschland sucht den Superstar“ auf sich aufmerksam zu machen.

Damit ist jetzt Schluss. Den Betrügern soll in der Türkei der Prozess gemacht werden. Ob die betrogenen Seniorinnen und Senioren allerdings ihr Geld zurückbekommen werden, ist noch unklar. (ms)