Essen

Clan-Kriminalität in NRW: Ermittler redet Klartext – darum brauchen viele Clan-Mitglieder nicht arbeiten: „250 Euro für Autowäsche!“

Am 12. Januar 2019 rücken die Ermittler von Polizei, Zoll und Ordnungsamt zur bisher größten Razzia gegen Clan-Kriminalität aus.
Am 12. Januar 2019 rücken die Ermittler von Polizei, Zoll und Ordnungsamt zur bisher größten Razzia gegen Clan-Kriminalität aus.
Foto: Polizei

Essen. Es ist ein Samstagabend vor einem Jahr, als der Rechtsstaat Ernst macht.

In einer bisher nie da gewesenen Razzia rücken 1.300 Beamte aus, durchsuchen Shisha-Bars, Wettbüros und Teestuben im Ruhrgebiet. Auch NRW-Innenminister Herbert Reul begleitet die Kräfte bei dem Großeinsatz. Es ist der Auftakt der „Strategie der 1.000 Nadelstiche“ gegen Clan-Kriminalität in NRW.

Clan-Kriminalität in NRW: Über 300 Festnahmen im letzten Jahr

Ein Jahr ist seitdem vergangen. Neue Zahlen zeigen, in welchem Ausmaß die Behörden gegen Clan-Kriminalität in NRW vorgehen.

Wie die „Welt am Sonntag“ unter Berufung auf das NRW-Innenministerium berichtet, gab es vom 1. Januar bis 31. Dezember 2019 870 Kontrollaktionen zur Bekämpfung der Clan-Kriminalität. Dabei wurden 1.900 Objekte kontrolliert, es kam zu 2.900 Sicherstellungen oder Beschlagnahmungen. Das Ergebnis: 8.300 Straftaten oder Ordnungswidrigkeiten und knapp 330 vorläufige Festnahmen.

Das erste Fazit des Innenministers fiel Ende des vergangenen Jahres entsprechend positiv aus. Reul: „Die Bürger sind ein Stück weit beruhigt. Sie merken, der Staat kümmert sich wieder. Sie quatschen nicht nur rum, sondern sie handeln. Und die Clans werden unruhig und nervös.“

Essener Clan-Ermittler: „Mittlerweile kennen wir die Strukturen“

Essen gilt in NRW nach Zahlen des ersten Lagebilds als die Clan-Hochburg. Seit Dezember 2018 geht die Essener Polizei mit einer „Besonderen Aufbauorganisation“ gegen die kriminellen Machenschaften der Clans vor. Bis zu viermal pro Woche fahren die Einsatzkräfte gemeinsam mit Zoll, Ordnungsamt oder Finanzbehörden zu Kontrollaktionen bei Shisha-Bars, Wettspielbüros oder Gaststätten raus.

Dabei wurden im vergangenen Jahr allein von der Essener Polizei mehr als 500 Objekte und über 7.000 Fahrzeuge kontrolliert. Das teilte die Essener Polizei auf DER WESTEN-Anfrage mit. Das Ergebnis: etwa 250 Festnahmen, 39 sichergestellte Waffen, 233 Kilo unverzollter Tabak und 15 geschlossene Betriebe.

Doch die Polizeiaktionen haben noch einen weiteren, wichtigen Zweck, wie ein erfahrener Ermittler der Essener „BAO Aktionsplan Clan“ im Gespräch mit DER WESTEN erklärte: „Die Einsätze haben auch dazu gedient, die Szene kennenzulernen. Wenn man bis zu viermal die Woche Einsätze in Etablissements wie Teestuben, Barbiere, Spielhallen und Shisha-Bars fährt, kennt man die Szene gut. Das ist wie ein Puzzle. Mittlerweile kennen wir die Strukturen.“

Heißt konkret: Finden die Ermittler bei einer Straftat im Clan-Milieu einen Verdächtigen, sind dank der guten Kenntnislage der Polizei auch weitere Mittäter schnell ausfindig gemacht.

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Ermittler wollen Clans ans Vermögen

Wie erfolgreich der Kampf gegen Clan-Kriminalität bislang ist, lässt sich nur schwer messen. Denn die Arbeit der Ermittler ist vielschichtig: da ist der massive Sozialbetrug auf Kosten der Stadt, den die Behörden im Essener Norden aufdeckten. 82 Menschen waren in einer Schrottimmobilie gemeldet und bezogen staatliche Leistungen, wohnten dort nachweislich nicht mehr. Oder der Mann, bei dem zweimal mehrere Hunderttausend Euro sichergestellt wurden. Obwohl er ausstehende Schulden in Millionenhöhe hatte.

Bildgewaltig war auch die Sicherstellung einer Nobelkarosse eines Clan-Mitglieds. 42 Fahrzeuge mit einem Schätzwert von 1,3 Millionen Euro haben die Ermittler in Essen insgesamt sichergestellt. Doch dabei muss es nicht bleiben. In Berlin wurden im Sommer 2018 77 Immobilien des berüchtigten Remmo-Clans beschlagnahmt. Ein solcher Coup ist auch in Nordrhein-Westfalen längst nicht ausgeschlossen.

„Im gesamten Portfolio der Maßnahmen spielt Vermögensabschöpfung eine Rolle. Wenn wir das Gefühl haben, dass sich Clan-Angehörige über illegal erwirtschaftetes Vermögen Luxusgegenstände oder Immobilien gekauft haben, dann versuchen wir natürlich, die sicherzustellen“, so LKA-Chefermittler Thomas Jungbluth im Gespräch mit DER WESTEN.

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Schlag gegen Essener Clan-Größe

Noch stehe man diesbezüglich bei der Clan-Kriminalität am Anfang. Jungbluth: „Die Clan-Mitglieder sind ja auch nicht dumm, sie wissen, wie man Gelder verschleiern kann. Entsprechend sind das sehr aufwendige Ermittlungen.“ Ermittlungen, die schon einmal zwei und mehr Jahre dauern können und nicht selten verdeckt geführt werden.

Clan-Fehde in Essen: Eine Chronologie
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Ein erster Schlag gegen ein größeres Clan-Kaliber war die Festnahme von Jamal R. Anfang Dezember, dem im Frühjahr wegen gefährlicher Körperverletzung der Prozess gemacht werden soll. Vorausgegangen war eine Clan-Fehde im Sommer, die durch einen Friedensrichter geschlichtet werden sollte. Die Polizei war zur Stelle, unterband das Treffen mit einem Großaufgebot.

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Zahl der Tumultdelikte rückläufig

Die Null-Toleranz-Strategie scheint auch bei den Clans Wirkung gezeigt zu haben. „Wir haben erste Indizien, dass die Aggressivität ein bisschen nachgelassen, der Respekt vor staatlichen Maßnahmen zugenommen hat. In großen Bereichen sind sie zurückhaltender geworden“, so der Essener Clan-Ermittler.

Pöbelten Clan-Leute früher gerne mal wüst in Richtung Ordnungshüter, wechselten sie inzwischen schon mal die Straßenseite, um Ärger aus dem Weg zu gehen, berichten die Ermittler. Eine Zahl, die die Essener Polizei positiv stimmt, ist daher auch die Anzahl der Tumultdelikte, die von 11 (2018) auf 4 im vergangenen Jahr zurückgegangen ist.

„Wir haben viel Zuspruch aus der Bevölkerung und nahezu keine Beschwerden mehr von Anwohnern, Gewerbetreibenden und Passanten. Das ist ein gutes Zeichen für die Polizei. Viele sind von unserer Reaktionsschnelligkeit auf Beschwerden überrascht. Das liegt daran, dass wir ein gutes Netzwerk haben und die handelnden Köpfe sich kennen und regelmäßig treffen“, so der Ermittler der BAO Aktionsplan Clan.

Weitere Vernetzung geplant

Während innerhalb der Städte die beteiligten Behörden bereits gut vernetzt sind, soll das auch innerhalb des ganzen Ruhrgebiets ausgebaut werden. Dazu nimmt Mitte des Jahres die neue Sicherheitskooperation Ruhr ihre Arbeit auf. Ziel: In einer behördenübergreifenen Dienststelle in Essen-Rüttenscheid sollen Experten Informationen sammeln und Maßnahmen bündeln und koordinieren.

Auch das Thema Prävention soll hier im Fokus stehen. Das ist das schwierigste, sind sich alle Beteiligten einig. „Wenn ein Angehöriger eines Clans für das Autowaschen einer Clan-Größe 250 Euro kriegt, dann wäscht der jede Woche einmal das Auto und verdient 1.000 Euro“, erzählt Thomas Jungbluth vom LKA. „Wenn sie dem eine Lehrstelle anbieten, wo er einen dreistelligen Betrag kriegt, wird es mit Prävention schwierig.“

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Dennoch laufen die Planungen für ein spezielles Präventionsprojekt für Kinder und Jugendliche aus den arabischen Großfamilien. Zugleich suchen Experten aus der Forschung wissenschaftliche Ansätze, die Erfolg in der Prävention im Clan-Milieu versprechen.

Kriminelle Clans: Neue Dienststelle soll Clan den Kampf ansagen
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Innenminister Reul richtet einen klaren Appell an die Clans: „Die Ansage ist relativ einfach. Ihr könnt so weiter eure Geschäfte machen, dann kriegt ihr keine ruhige Minute hier. Oder ihr kapiert es und lasst euch auf ein ordentliches Leben ein. Das heißt selber das Geld erarbeiten und lernen, die Angebote dieser freiheitlich demokratischen Grundordnung, die nirgendwo so gut ist wie hier, zu nutzen. Dann könnt ihr friedlich in Essen, Duisburg, Recklinghausen und Dortmund leben.“

 
 

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