Brutale Vergewaltigung in Bonn - Kann ein Paar ein solches Trauma überhaupt verarbeiten?

Linda Schreiber
  • Paar zeltete in der Nacht zu Sonntag in der Siegaue in Bonn
  • In der Nacht wurden sie von einem Mann mit einer Machete überfallen
  • Er vergewaltigte die junge Frau brutal vor dem Zelt
  • Wie kann ein solch traumatisches Erlebnis verarbeitet werden?

Bonn/Herne. Es ist der ultimative Albtraum, der in der Bonner Siegaue am Wochenende schreckliche Wirklichkeit geworden ist: Ein bewaffneter Fremder nutzt die Verwundbarkeit eines zeltenden Paares, um es zu überfallen.

Während ihr Freund (26) wenige Meter daneben sitzt, muss eine junge Frau (23) eine brutale Vergewaltigung über sich ergehen lassen. Es herrscht die reine Hilflosigkeit.

Wie kann es gelingen, solch ein Erlebnis zu verarbeiten? Ist das überhaupt möglich?

Ja, sagt Psychologe Sebastian Bartoschek aus Herne. „Bei einem solch hoch traumatisierenden Fall ist es schwierig. Aber schaffbar.“

Wichtig sei es für das Paar, sich von Anfang an einem Therapeuten anzuvertrauen - und zwar jeder für sich. „Es gibt Dinge, die erzählt man lieber erst einmal jemandem, der einem nicht zu nahe steht. Jemandem, der sich auskennt.“

Mit dem Kontrollverlust umgehen lernen

Bartischek nennt das „psychologische Krisenintervention“. Dabei müsse es am Anfang gar nicht um den konkreten Fall der Vergewaltigung gehen. Zentral sei es, Resilienz - also Widerstandsfähigkeit - aufzubauen.

Verarbeitungs-Strategien zu erlernen. Den Kontrollverlust aufzuarbeiten. Denn der sei es, der den Opfern neben dem rein körperlichen Übergriff am meisten zu schaffen mache.

„Es ist kein Automatismus, traumatisiert zu sein“

Wie die Opfer solcher außergewöhnlichen Krisensituationen hinterher damit umgehen, ist vollkommen individuell, sagt Bartoschek. Jeder habe sein eigenes Tempo, damit umzugehen. Und: „Es ist kein Automatismus, traumatisiert zu sein.“

Weil aber die meisten Menschen eben das glauben, fühlen sie sich zusätzlich auch noch schuldig, wenn es ihnen gar nicht so schlecht geht, wie sie es für normal und angemessen halten.

Wie baut man eine Vergewaltigung sinnvoll in die Biographie ein?

„Man muss sich die Zeit nehmen, sich so zu fühlen, wie man sich eben fühlt.“ Und dann versuchen, das Erlebnis sinnvoll in die Biografie einzubauen.

Klingt fast unmöglich. Sinnvoll in die Biografie einbauen? Eine Vergewaltigung? „Die Opfer können zum Beispiel versuchen, den Übergriff als ein Ereignis anzusehen, an dem sie später gewachsen sind. Nach dem sie vielleicht sogar später als Paar näher zusammengerückt sind.“

Schuldgefühle programmiert

Das gelinge natürlich nur, wenn beide viel miteinander reden. Die Vergewaltigung in den Bonner Siegauen etwa sei „ein Fall, bei dem einer erstmal - zumindest rein theoretisch - etwas hätte verhindern können.“

Auch, wenn das in der Realität nicht machbar gewesen sei. Zu bedrohlich war die Situation, der mit einer Machete bewaffnete Täter hätte die Frau auch töten können. Oder beide.

Trotzdem: „Der Mann könnte glauben, dass sie sauer ist, weil er den Übergriff nicht verhindert hat.“ Selbst dann, wenn sie das gar nicht glaubt und ihm schon gar nicht vorwirft. „Wir reden ja beim Bonner Fall von dem vollkommenen Kontrollverlust. Mitanzusehen, wie einem geliebten Menschen Leid und Schmerz zugefügt wird, ist das Maximum dessen.“

Hilft es Vergewaltigungsopfern, wenn der Täter gefasst wird?

„Im Allgemeinen ja“, sagt Bartoschek. Aber auch das sei nicht so wichtig, wie die Gesellschaft glaubt. Man könne eben nichts zurückdrehen. Außerdem würden Opfer die Strafen für sexuelle Gewalt sehr oft als zu mild empfinden.

Immerhin: „Wenn der Täter in der JVA sitzt, gibt das den Opfern wenigstens die Gewissheit, dass diese spezielle Person ihnen nichts mehr anhaben kann.“

Ein Trost, der dem Bonner Opfer noch verwehrt bleibt. Der Vergewaltiger ist noch auf freiem Fuß.

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