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Bordsteine aufstocken, Sportplätze fluten

Bochum. 

Erst kam das Rauschen, dann kam das Wasser, dann blieb die Furcht. Am Samstag vor dem WM-Finale griff sich ein Sturzbach Teile der Diederichstraße in Dortmund-Marten, hinterließ nasse Wände, zerstörte Möbel und verstörte Menschen. „Katastrophe, Katastrophe“, sagt Josef B.: „Man fühlt sich hilflos, wenn so starker Regen kommt, das ist pure Panik.“

Doch was für Familie B. und ihre Nachbarn ein Weltereignis war, ist für das Ruhrgebiet nur noch eine Fußnote unter vielen. Wolkenbruch, Sturzregen, Sintflut? Heute hier und morgen da, ein einziger feuchter Alptraum. Allein Herne zählt in den letzten fünf Jahren acht Jahrhundertregen. „Die Zahl wird weiter zunehmen“, sagt Jochen Stemplewski, der Vorstandsvorsitzende der Emschergenossenschaft. Wasserwirtschaftler und Wasserforscher trafen sich gestern in Bochum zu der Frage: Was tun? Wie kriegen wir die Region regenfest?

Und dann packten sie viele schillernde Ideen aus. Man könnte: Bordsteine nicht mehr absenken, sondern erhöhen, damit sie wieder als Rinnsteine dienen. Häuser zehn Zentimeter über der Erdoberfläche bauen. Wohnen in Kellern verbieten. Wasserdichte Fenster und Türen einbauen, empfohlen wird auch, sie zu schließen. Wasserforscher Jens Hasse aus Aachen: „Wenn wir jetzt daran arbeiten, können wir in zehn, fünfzehn Jahren einen großen Schritt weiter sein.“

Kanäle nur selten die Lösung

Dreizehn „Starkregen“ zählen Emschergenossenschaft und Lippeverband seit 2008 in ihrem Einzugsgebiet, teils gingen sie über mehreren Städten nieder, teils nur im Teil eines Stadtteils: Aber schlimme Folgen hinterließen sie immer. „Ich weiß nicht, wie ich das überstehen soll“, sagt ein Dortmunder Gebrauchtwagenhändler, der sieben Autos abschreiben musste; und „Ich habe nächtelang nicht mehr geschlafen“, eine Essenerin mit Platane im Dach.

Größere Kanäle seien nur selten die Lösung, sagen die Fachleute in Bochum: zu teuer, zu wenig Platz. Auen erweitern, natürlich, das wäre ein Fortschritt. Doch weil die Innenstädte des Ruhrgebiets nur in den seltensten Fällen einer Auenlandschaft gleichen: die Wassermassen in Grünanlagen lenken, wo sie zwischengespeichert blieben bis zu einem kontrollierten Abfluss. Man könne dafür natürlich auch Spiel-, Park- und Fußballplätze nehmen.

Die Lage muss sehr ernst sein.

„Das Schadenspotenzial wäre aber sicher geringer als bei einem wilden Abfließen“, sagt Stemplewski. Freilich führt der Vorschlag vom Hundertsten ins Tausendste: Welche Sicherheitsvorkehrungen gibt es für Kinder, wenn ihr Spielplatz zur Talsperre wird?

Derzeit sprechen sie mit Dortmund und Dinslaken darüber, Fließwegekarten anzulegen, wie es sie schon gibt für Unna und Teile von Bochum. Solche Karten zeigen bis hinunter zum einzelnen Grundstück an, wer was bei wie viel Regen zu erwarten hat. Die Unnaer Karte etwa ergab, dass bei einer Flut eine zentrale Unterführung in der Innenstadt umstandslos absaufen würde.