Blutspur der NSU-Mordserie führt bis nach Dortmund

Kriminalhauptkommissarin Barbara Lichtenfeld zeigt eine Pistole des Typs der Tatwaffe in der Döner-Mordserie. Mehmed Kubasik, Kioskbetreiber aus Dortmund, wurde im April 2006 zum Opfer. Archiv-Foto: Luthe
Kriminalhauptkommissarin Barbara Lichtenfeld zeigt eine Pistole des Typs der Tatwaffe in der Döner-Mordserie. Mehmed Kubasik, Kioskbetreiber aus Dortmund, wurde im April 2006 zum Opfer. Archiv-Foto: Luthe
Die NSU-Mordserie kostete 2006 auch ein Menschenleben im Ruhrgebiet. Kiosk-Betreiber Mehmed Kubasik aus der Dortmunder Nordstadt starb durch gezielte Schüsse in den Kopf. „Es hatte Züge einer Hinrichtung“, sagte der Dortmunder Staatsanwalt Heiko Artkämper damals. Jetzt steht die Mordserie vor der Aufklärung.

Dortmund.. Die Blutspur zog sich durch die ganze Republik. Neun Morde, neun tote Kleinunternehmer. Acht von ihnen mit türkischen Wurzeln, der neunte ein Grieche. Jeder Fall für sich mysteriös, aber in der Gesamtheit erst recht. Das galt auch für das Verbrechen in der Dortmunder Nordstadt.

Es ist 10.20 Uhr am 4. April 2006, als Kiosk-Betreiber Mehmed Kubasik seine Frau Elif hinter dem Tresen ablöst. Eine kurze Verabschiedung zwischen Zeitungen und Süßigkeiten im kleinen Laden an der Mallinckrodtstraße, es ist ein Abschied für immer. Wenig später wird der 39-Jährige ermordet, gezielte Schüsse in den Kopf. „Der Mord hatte Züge einer Hinrichtung“, sagte der Dortmunder Staatsanwalt Heiko Artkämper damals.

„Döner-Mordserie“ erschreckte wegen ihrer Brutalität

Staatsanwälte in anderen deutschen Großstädten sagten Ähnliches über acht weitere Morde zwischen September 2000 und April 2006. Die „Döner-Mordserie“, wie sie genannt wurde, weil zwei Opfer Imbissbetriebe geführt hatten, erschreckte wegen ihrer Brutalität. Für die Polizei war nach der zweiten Tat, dem Mord an einem Nürnberger Gemüsehändler im Juni 2001, klar, dass sie einen Serientäter suchte. Weil die Waffe immer die selbe war: eine tschechische Pistole der Marke Ceska, Kaliber 7,65 Millimeter.

Genau so eine Waffe fanden die Fahnder diese Woche in der Wohnung von zwei Männern in Zwickau. Aber nicht nur das: Hier scheinen zwei der rätselhaftesten Kriminalgeschichten der vergangenen Jahre zusammenzutreffen. Die Fahnder dürften vor der Aufklärung der Döner-Mordserie stehen und auch vor der Aufklärung des Mordes an einer Polizistin in Heilbronn 2007.

Anhaltspunkte für rechtsextremistische Tat

Bei der Zwickauer Wohnung handelt es sich um den Wohnsitz von zwei Männern, die vor einer Woche eine Bank in Eisenach überfallen haben sollen. Nach der Tat fanden Polizisten die Leichen der beiden, 34 und 38 Jahre alt – und augenscheinlich auch die Tatwaffen der Döner-Mordserie und des Polizisten-Mordes.

Inzwischen hat die Bundesanwaltschaft die Ermittlungen übernommen. „Es liegen Anhaltspunkte vor, dass die Mordtaten einer rechtsextremistischen Gruppierung zuzurechnen sind“, gab sie gestern bekannt. Nach bisherigen Erkenntnissen hatten die beiden inzwischen toten Männer sowie eine verhaftete Komplizin seit Ende der 90er-Jahre Verbindungen zu rechtsextremistischen Kreisen. In der Zwickauer Wohnung habe man Beweismaterial sichergestellt.

Leichen, aber keine brauchbaren Spuren

Aus Routine überprüfen die Ermittler nun auch, ob es Zusammenhänge mit dem Nagelbombenanschlag 2004 mit 22 Verletzten in einem Kölner Viertel mit überwiegend türkischer Bevölkerung gibt und mit dem Bombenanschlag an der S-Bahn-Station Düsseldorf-Wehrhahn im Jahr 2000 mit zehn Verletzten.

Die „Döner-Mord“-Serie hatte mit der Ermordung eines Nürnberger Blumenhändlers am 9. September 2000 begonnen. Von einem „unheimlichen Killer“ war die Rede, der Leichen hinterlässt, aber keine brauchbaren Spuren. Auch das Motiv blieb lange im Dunkeln. Obwohl immer Spekulationen über Fremdenhass auftauchten. Denn die einzige Gemeinsamkeit der Opfer war ihre ausländische Herkunft.

Auch Elif Kubasik, die Witwe des ermordeten Dortmunders, sprach in ihrer Trauer aus, dass es für sie nur eine Erklärung gebe: Fremdenfeindlichkeit. Sie, ihr Mann Mehmed und die drei gemeinsamen Kinder seien nicht erpresst worden, hätten nichts mit Rauschgift zu tun gehabt, keine Bedrohungen, nichts.

Soko wurde 2008 aufgelöst

Elif Kubasik nahm Kontakt zu den Hinterbliebenen der anderen Opfer auf. So hofften sie alle, schnellsten zu erfahren, wenn es etwas Neues gab. Lange Jahre gab es nicht viel.

Die neun „Döner-Morde“ hatten in ganz Deutschland Ermittlerteams beschäftigt. „In Spitzenzeiten haben sich bis zu hundertsechzig Beamte damit befasst“, sagte der Nürnberger Kripochef Wolfgang Geier ein Jahr nach der Tat von Dortmund. Er leitete die Soko „Bosporus“, die im Laufe der Jahre 11 000 Menschen überprüft hatte – ohne Erfolg. Anfang 2008 wurde die Soko aufgelöst, da lag der letzte Fall ungefähr zwei Jahre zurück. Es war der Mord an dem Chef eines Internetcafés in Kassel.

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