Bistum Essen kritisiert: Zu viele Kirchen werden Denkmäler

Die Liebfrauenkirche in der Stadtmitte Duisburgs: Hier gilt die Nutzung als Kulturzentrum als vorbildlich.
Die Liebfrauenkirche in der Stadtmitte Duisburgs: Hier gilt die Nutzung als Kulturzentrum als vorbildlich.
Foto: Fabian Strauch
Sollen aus nicht genutzten Kirchen eher Moscheen oder besser Altenwohnungen werden? Je nachdem, wen man fragt, fällt die Antwort unterschiedlich aus.

An Rhein und Ruhr.. Mit großer Sorge betrachten die Denkmalschützer im Rheinland Pläne der katholischen und evangelischen Kirche, Gotteshäuser aufzugeben oder neu zu nutzen. Mit einer Kirchengemeinde in Gelsenkirchen liegen die Denkmalschützer bereits vor Gericht wegen der Frage, ob eine Kirche ein Denkmal ist.

Rund ein Viertel der 4500 Kirchen im Rheinland sind nach Einschätzung der Denkmalschützer bis 2026 von der Schließung bedroht. Besonders tragisch für Denkmalschützer: Fast die Hälfte der Kirchen im Rheinland entstand nach dem Zweiten Weltkrieg – nach Ansicht der Experten ein besonderer historischer Schatz. Das Bistum Essen hingegen spricht bei den Nachkriegskirchen von „Kirchenbauten in Massenfertigung“.

Denkmalschützer sitzen in einem umgenutzten Kloster

Daher sind die Vertreter des Bistums Essen gar nicht erst hingefahren zur Tagung „Kirchen im Strukturwandel – Prozesse – Konzepte – Perspektiven“. Dabei residieren die Denkmalschützer in einer ehemaligen Benediktinerabtei und zeigen damit auf das Schönste, was aus alten Kirchengebäuden werden kann.

Bei „Prozessen“ kommt Thomas Tebruck, dem Diözesanbaumeister des Ruhrbistums, womöglich zuerst das Gerichtsverfahren in den Sinn, in dem es um die Nutzung der Kirche St. Elisabeth in Gladbeck geht. Erst vor einer Woche urteilten Gelsenkirchener Verwaltungsrechtler: Wenn Denkmalschützer sagen, es ist ein Denkmal, dann ist es eines. In der Bistumsverwaltung ging gestern die Urteilsbegründung ein. Von der Lektüre wird abhängen, ob man in Berufung geht.

Lieber eine Moschee als Altenwohnungen in die Kirchen

Die Konzepte nämlich gehen weit auseinander, was die Nutzung von Kirchen angeht, wenn die Gläubigen nicht mehr kommen und die Gelder nicht mehr reichen, um das marode Dach zu sanieren. Landeskonservatorin Andrea Pufke, selbst „gelernte Katholikin“ kann sich eher eine Nutzung als Moschee vorstellen als Altenwohnungen.

„Für uns ist entscheidend, ob der Kirchenraum noch als Raum erlebbar bleibt“, sagt sie. Die Gemeinde hingegen wollte vier Geschossdecken einziehen und altengerechte Wohnungen ins Kirchenschiff einbauen. Senioren lagen der Gemeinde mehr am Herzen als der Raum – und bringen Geld. Zudem: „Dann bleibt wenigstens der Baukörper äußerlich erhalten“, so Tebruck.

Auch er – da sieht er sich mit den anderen Bistümern und der evangelischen Landeskirche in einem Boot – versteht sich als Denkmalschützer. Auch sie wollen die Kirche im Dorf lassen und haben beim Kirchturmdenken auch den Sozialraum im Blick. Die Denkmalschützer jedoch sind aufgeschreckt durch den schnellen Rückzug der Kirchen.

Die Konservatoren fürchten: Die Christen vor Ort trennen sich schneller vom Nachkriegsbau mit oft kühler Architektursprache als von neugotischen oder gar mittelalterlichen Kirchenbauten. Für sie ist das verheerend: „Nordrhein-Westfalen ist das führende Bundesland bei der Nachkriegsarchitektur im Kirchenbau. In keinem anderen Land gibt es einen so umfassenden Bestand. Diese wichtigen Zeugnisse gilt es zu erhalten“, so Denkmalpfleger Ludger Sutthoff.

Diözesanbaumeister Tebruck hingegen spricht von „Massenproduktion mit manchmal minderwertigen Materialien“ bei vielen „Pantoffelkirchen“, die das junge Ruhrbistum nach seiner Gründung 1958 in die Stadtlandschaft pflanzte, damit jeder Katholik binnen zehn Minuten vorm Altar stehen konnte. Wo sich die Bistümer aus Kostengründen eine Art Hitliste oder ein „Best of“ der Kirchen mit dem höchsten Denkmalwert wünschen, sehen sich die Denkmalschützer in der Pflicht, jede Kirche erst einmal für sich zu betrachten – und gegebenenfalls unter Schutz zu stellen. Bei etwa jeder vierten Kirche ist das der Fall.

Kirchendenkmäler an die Städte abgeben?

Im Bistum Essen prüft man daher, ob es möglich ist, überflüssige Kirchen, die Denkmal geworden sind, den Kommunen zu geben. Das geht, wenn man ökonomisch nicht in der Lage ist, das Bauwerk zu erhalten. Landeskonservatorin Pufke hingegen lässt durchblicken, dass die unteren Denkmalbehörden bei den Städten um des lieben kirchenpolitischen Friedens willen in der Vergangenheit vielleicht zu nachsichtig waren. Klingt ganz so, als wären die Denkmalschützer und Kirchenvertreter in den nächsten Jahren noch so manches Mal über Kreuz.

>>Überblick: Wo überall die Kirche nicht mehr im Dorf bleibt

Allein das Bistum Köln, zu dem unter anderem Düsseldorf gehört, hat rund 1200 Kirchen. Priorität hat hier der Umbau der Kirchen zu Sozialstationen, Altenheimen oder Kitas, meist bleibt ein Teil der Gebäude für Gottesdienste. Nur 22 Kirchen wurden seit 2001 entwidmet, sechs Gebäude abgerissen.

Die Evangelische Kirche im Rheinland (zu dem auch große Teile von Rheinland-Pfalz sowie fast das komplette Saarland und Teile Hessens gehören) hat seit 2004 174 Kirchen, Kapellen und Gottesdiensträume entwidmet, 30 davon wurden abgerissen.

Das Bistum Essen hat von einst knapp 400 Kirchen bereits rund 130 aufgegeben. Fernziel für das Jahr 2030: 100 Kirchen, deren Erhalt man leisten kann. Weitere 150 auf der roten Liste...

Im Bistum Münster sind zumindest im Bereich Niederrhein derzeit keine Aufgaben von Kirchen im Gespräch.

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