Billiger als eine neue Autobahn

So soll die Radautobahn aussehen.
So soll die Radautobahn aussehen.
Foto: rvr
Regionalverband bereitet Beschlüsse für den Radschnellweg vor. Die Idee für die 101 Kilometer lange Verbindung durchs Revier entstand beim „Still-Leben“ auf der A40

Ein 101 Kilometer langer Radschnellweg quer durchs Ruhrgebiet von Duisburg nach Hamm ist realisierbar, er würde aber teurer als bisher angenommen. Eine gestern beim Regionalverband Ruhr (RVR) vorgestellte Machbarkeitsstudie geht von Kosten in Höhe von 183,7 Mio statt der bisher geschätzten 110 Mio Euro aus. Mit dem Projekt wäre die Region bundesweit Vorreiter. Ähnliche Überlegungen gibt es derzeit auch in Hannover und München. Der Regionalverband hofft, dass der Radschnellweg, RS 1 genannt, bis zum Jahr 2020 durchgängig befahrbar ist – pünktlich zum 100-jährigen RVR-Jubiläum.

„Nun kommt es darauf an, dass sich die Region geschlossen hinter das Projekt stellt“, sagte RVR-Planungschef Martin Tönnes (Grüne). Der Verband will in den nächsten Wochen auf Regionalkonferenzen in Dortmund, Bochum und Duisburg für die „Radautobahn“ werben. Sie soll zehn Städte und da Universitäten, große und kleine Firmen, Wohnquartiere und Naherholungsgebiete miteinander verbinden. Weil der Schnellweg kreuzungsfrei ist, Radfahrer immer Vorrang haben, ergeben sich enorme Zeitvorteile, die das Fahrrad gegenüber dem Auto attraktiv machen.

Offen ist noch die Finanzierung. Der Regionalverband setzt auf einen Kraftakt mit Land, Bund sowie Kommunen. Katharina Reiche (CDU), Staatssekretärin im Bundesbauministerium, deutete gestern an, dass der Bund beim Bau einzelner Abschnitte, etwa an der B1 in Dortmund oder am Kanal in Hamm, einsteigen könnte. Die Landesregierung hatte sich in der Vergangenheit sehr deutlich zum Radschnellweg bekannt.

Auf der Trasse der Rheinischen Bahn

Zumindest im Westen kann der Radschnellweg auf Vorarbeiten aufbauen. Zwischen Essen und Duisburg baut der RVR derzeit die Trasse der alten Rheinischen Bahn als Radweg aus. Ein erster, etwa 5 Km langer Abschnitt zwischen Essener Uni und Stadtgrenze Mülheim ist bereits fertig. Wichtig über das Ruhrgebiet hinaus: Ein späterer Weiterbau des Radschnellweges bis zum neuen Fachhochschulstandort in Kamp-Lintfort ist angedacht, ebenso ein Anschluss nach Krefeld. Die Machbarkeitsstudie sieht vor, dass der Schnellweg linksrheinisch in Duisburg-Rheinhausen beginnt. Die Hochfelder Eisenbahnbrücke soll als Rheinquerung ausgebaut werden. Das alleine kostet knapp 10 Mio Euro.

Beim „Still-Leben“ im Sommer des Kulturhauptstadtjahres 2010 war die Idee geboren worden. Einen Tag war die A40 da für Autos gesperrt, Fußgänger, aber eben auch Radfahrer hatten freie Bahn. Was wäre, wenn Fahrräder im Ruhrgebiet stets freie Fahrt hätten? Nicht auf der A40, die wird doch noch für Autos gebraucht, aber vielleicht auf alten Bahntrassen. Man könnte doch, eventuell...

Ja, man kann. Das steht mit der seit gestern vorliegenden Machbarkeitsstudie fest. Der 101 Kilometer lange Radschnellweg von Duisburg bis Hamm ist möglich, haben die beteiligten Planungsbüros in enger Abstimmung mit den beteiligten Städten festgestellt. Vor allem der Streckenverlauf im östlichen Ruhrgebiet hatte als Hindernis gegolten. Während es sich zwischen Essen und Duisburg ganz komfortabel auf der Trasse der früheren Rheinischen Bahn bauen lässt, fehlt eine solche durchgängige Möglichkeit in Bochum und Dortmund. Die Planer sind dennoch fündig geworden; zum Teil behilft man sich mit innerstädtischen Straßen, die zu Fahrradstraßen erklärt werden – immer noch für Autos passierbar, aber die müssen dann Rücksicht nehmen.

„Der Radschnellweg besitzt Pilotcharakter mit bundesweiter Strahlkraft“, ist Karola Geiß-Netthöfel, Direktorin beim Regionalverband Ruhr, überzeugt. Dass das Projekt bei einer Realisierung teurer wird als zunächst angenommen, hat mit den Brücken zu tun. Nur wenige müssen neu errichtet werden, meist führt der Weg über oder neben alten Bahnbrücken, die dann aber aufwändig hergerichtet werden. So oder so: Mit Kosten von rund 1,8 Millionen Euro pro Kilometer, Bauwerke inklusive, ist der Radschnellweg immer noch deutlich billiger als etwa der Autobahnbau an der A 40 im Kreuz Dortmund-West (29,4 Millionen/km) oder an der A 44 in Bochum (14,1 Millionen/km). Dabei sei der Nutzen des Radschnellweges um fast das Fünffache so hoch wie die Kosten, rechnet die Machbarkeitsstudie vor. So werde der Schnellweg etwa dafür sorgen, dass täglich bis zu 50 000 Autos weniger die Straßen der Region verstopfen.

Allein in Essen bis zu 4000 Radler pro Tag

Das Potenzial des geplanten Radschnellwegs ist laut Machbarkeitsstudie enorm. 1,8 Millionen Menschen leben im direkten Einzugsbereich der Trasse. Für einige Abschnitte sagen die Planer schon jetzt Hochbetrieb voraus. Am Stadthaus in Dortmund etwa rechnen sie damit, dass täglich bis zu 5000 Räder unterwegs sein werden. Auch auf großen Teilen des Essener Stadtgebietes wird mit bis zu 4000 Fahrrädern pro Tag gerechnet.

Wie geht es nun nach der Studie weiter? Dass die Staatssekretärin Reiche sich gestern schon für den Einstieg in die Finanzierung einzelner Streckenabschnitte offen zeigte, wird von Beobachtern als gutes Zeichen gewertet. Rein von der Aufgabenteilung beim Radwegebau her könnte sich der Bund darauf zurückziehen, dass er 370 000 Euro für die Machbarkeitsstudie gegeben und damit seine Schuldigkeit getan habe. Das scheint er offenbar nicht zu tun.

Durch Beschlüsse in den Stadträten und der Verbandsversammlung hofft der RVR nun auf ein klares Signal für die weitere Planung des Schnellweges – freilich erst, nachdem die Regionalkonferenzen in Duisburg, Bochum und Dortmund gelaufen sind. „Wir sind für Anregungen offen“, heißt es ausdrücklich beim RVR. Die Finanzierung soll in Gesprächen mit allen Beteiligten geklärt werden, ebenso wie die Trägerschaft – dabei geht es auch um jährliche Unterhalts- und Pflegekosten von etwa 3,3 Millionen Euro. Als möglicher Träger käme der Landesbetrieb Straßen-NRW infrage.

Weiterbau auf Mülheimer Stadtgebiet

Noch sind beim Radschnellweg Ruhr viele Fragen offen. Seit gestern aber ist die Zuversicht bei den Machern beim Regionalverband Ruhr deutlich gewachsen. Auf Mülheimer Stadtgebiet läuft derweil der Weiterbau des ohnehin auf der Trasse der Rheinischen Bahn geplanten Radweges nach Westen. Ob zumindest ein Teil davon schon vier Meter breit gebaut wird, mit Extrafußweg und Beleuchtung, will der RVR in Absprache mit dem Land klären. Das würde eine spätere Nachrüstung überflüssig machen – und wäre dann tatsächlich schon ein erstes Stückchen „Radschnellweg Ruhr“.

 
 

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