Bergung unter schweren Bedingungen

Seyne-les-Alpes.. Hubschrauber donnern über Seyne-les-Alpes. Von dem kleinen Bergdorf aus fliegen sie zur Absturzstelle der Germanwings-Maschine in den französischen Hochalpen. „Ich bin oft zum Jagen dort oben“, sagt der pensionierte Feuerwehrmann Louis Boisson bei seinem täglichen Espresso im Café und blickt in die Richtung der schneebedeckten Bergkette. Der 75-Jährige ist etwas genervt, hat aber auch Verständnis für die Unruhe, die Journalisten aus ganz Europa in den sonst so beschaulichen Ort gebracht haben. „Das ist ja nicht nur für uns eine Tragödie, sondern für die ganze Welt.“

Alle 150 Menschen an Bord sind bei dem Absturz am Dienstag wohl ums Leben gekommen, unter ihnen laut Germanwings 72 Deutsche. Es ist einer der schwersten Unfälle in der deutschen Luftfahrtgeschichte. „Das Wichtigste ist, das Gebiet abzusichern und die Leichen zu bergen“, sagt Polizeichef David Galtier.

Der Felsen im Massiv des Tête de l’Estrop (Gipfel bei 2961 Metern), an dem der Airbus A320 der Lufthansa-Tochter zerschellte, liegt nur 15 Kilometer entfernt. Augenzeugen, die die Absturzstelle überflogen haben, beschreiben ein „Bild des Horrors“. Über mehrere Hektar verteilen sich die Trümmer des Flugzeuges und die Überreste der Insassen über einen zerklüfteten und bis zu 40 Grad steilen Berghang. Allein das Fahrwerk des Airbus ist nach dem Aufprall an einem Stück geblieben. „Ich habe nichts sonst gesehen, was größer als ein Aktenkoffer gewesen wäre“, berichtet ein Gendarmerie-Offizier: „Die Identifizierung wird ausgesprochen schwierig“

Der Zugang ist extrem schwierig. Das Gelände ist unwegsam. „Wir sind hier im Hochgebirge“, sagt Galtier über den Unfallort. Er koordiniert die mehr als 500 Einsatzkräfte - und bleibt kurz angebunden. Der Einsatz hat Priorität.

Die Helfer arbeiten oben am Berg unermüdlich. Noch mit umgeschnallten Klettergurt und in Hochgebirgsausrüstung kehrten am Vormittag fünf Gendarmen wieder ins Tal zurück, die bei frostigen Temperaturen die Nacht an der Unfallstelle verbracht und sie abgesichert hatten. Die Anspannung steht ihnen ins Gesicht geschrieben. Über den Einsatz reden wollen sie nicht.

Zumindest das Wetter habe gehalten, sagt der Pilot Roy Xavier, der den Einsatz der Helfer in den Helikoptern koordiniert. Es seien die ganze Zeit Flüge möglich gewesen. Am Dienstagabend waren zudem rund 50 Spezialkräfte zu Fuß von Seyne gestartet, um zur Unglücksstelle vorzudringen. Von der Siedlung Vernet aus sei das selbst für geübte Bergwanderer ein Weg von vier Stunden, sagt Boisson.

Angehörige der Opfer werden in dem 1500-Seelen-Ort erwartet. Sie werden psychologisch betreut, sagte Innenministeriumssprecher Pierre-Henry Brandet. Für sie wurde eine Art Kapelle eingerichtet - ein Ort zum Trauern. Wann die sterblichen Überreste ihrer Angehörigen geborgen werden können, ist unklar. „Ein Timing zu geben, ist unmöglich“, sagt Brandet. Unklar ist auch, wo sie aufgebahrt werden.

„Auf eine solche Katastrophe sind wir nicht vorbereitet“, sagt Fanette Borel von der Gemeindeverwaltung - „aber wie könnte man sich auch darauf vorbereiten?!“ Viele Bewohner in der dünn besiedelten Region haben sofort Hilfe angeboten. Ghislaine Payanne ist aus dem Nachbardorf Selonnet gekommen: „Ich habe in der Verwaltung angeboten, zwei Familien von Angehörigen aufzunehmen. Wir möchten gerne den verzweifelten Menschen beistehen, die jetzt aus Deutschland an diesen Ort der Tragöde kommen.“

Die ganze Gemeinde steht unter Schock. Auf den Straßen gibt es kein anderes Thema. Die Flugzeugkatastrophe hat Seyne-les-Alpes von einem Moment zum anderen aus seiner stillen Beschaulichkeit gerissen. Polizisten fahren auf Motorrädern durch die engen Straßen. Bundeskanzlerin Angela Merkel, Spaniens Ministerpräsident Mariano Rajoy, der französischen Staatspräsidenten François Hollande und NRW-Ministerpräsidentin Hannelore Kraft besuchen den Ort.

„Ich liebe es, im Sommer in den Bergen zu wandern, war auch oft in den Felsen nahe der Absturzstelle“, sagt Payanne. In der unberührten Natur gebe es sogar noch Wölfe. Der nur langsam einsetzende Frühling aber ist in diesem Jahr so traurig wie nie. „Die Menschen hier werden Monate brauchen, um diese Tragödie zu verarbeiten“, sagt die ehemalige Altenheimdirektorin. „Aber es wird die Zeit kommen, in der diese Region ihre Ruhe wiederfindet.“

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