„Beim ersten Mal hab’ ich geheult“

Tafel Mitarbeiterin Elisabeth Fa§bender verteilt ) in einer Ausgabestelle der Essener Tafel Brot.
Tafel Mitarbeiterin Elisabeth Fa§bender verteilt ) in einer Ausgabestelle der Essener Tafel Brot.
Foto: WAZ FotoPool
Lebensmittel retten, die sonst im Müll landen, und sie an Leute verteilen, die von Hartz IV leben: Immer mehr Menschen engagieren sich ehrenamtlich in Tafeln, Suppenküchen und Kleiderkammern. Jetzt sagen Wissenschafter: Wer hilft, verändert die Gesellschaft – womöglich nicht nur zum Guten. Teil 1: Vor Ort bei der Tafel

Essen. Es riecht gut hier, nach frischem Obst, nach Brot und ein bisschen nach Knoblauch. Und erstaunlich wenig nach Mensch. Obwohl sie hier in einer langen Schlange stehen und andere mit mit dicken Oberarmen volle Kisten hin und her wuchten. „Paprika, die ein bisschen drüber ist, riecht fast wie Knoblauch“, erklärt Julia, eine der Helferinnen der Essener Tafel und wedelt mit dem Plastikschlauch, in dem das Gemüse in Ampelfarben steckt. „Und es ist immer die mittlere Paprika...“

Auch für „Halleluja-Joe“gibt es einen Bund Rosen

Vor ihr: eine hochgewachsene blonde Frau, vielleicht so um die 60, sorgfältig geschminkt, gut gekleidet, Schuhe mit kleinem Absatz. Dahinter: die junge Frau mit dem Wonneproppen im Kinderwagen. Und, ja sicher, auch Menschen, die mit stierem Blick und vollgepackten Hackenporsche rausmarschieren. Menschen, wie sie auch bei Rewe oder Lidl an der Kasse stehen. Manche sagen nichts, andere reden übers Wetter und andere schwatzen gern.

Wie „Halleluja-Joe“, der vor allem vor Weihnachten alle bekehren will. Er fragt, ob er auch einen Strauß Rosen bekommt. „Die stelle ich dann ins Fenster und jede junge Frau, die vorbeikommt, kriegt eine“, sagt er. Auch der Tafelkunde lebt nicht vom Brot allein.

Rosen gibt es auch für die Frau im viel zu weiten Mantel, der von weitem wie Krokodilleder und von nahem wie PVC aussieht. „Freitags 13 Uhr ist mein Tafeltermin“, sagt sie und zieht ihren Hackenporsche Richtung Ausgang. „Beim ersten Mal habe ich auf dem ganzen Weg hierher geheult“, sagt die 53-Jährige. „Aber jetzt freue ich mich auf den Besuch bei der Tafel.“ Sie zeigt ihren „Einkauf“: Nektarinen, Weintrauben, zwei Pakete Schwarzbrot, ein paar andere Vorräte. „Kartoffeln gibt es heute nur für Familien“, bedauert sie.


Die Tafel entlastet ihre Haushaltskasse, ermöglicht so etwas wie Luxus: die Tageszeitung und Katzenfutter. Der Besuch ist für sie Anlass aufzustehen und sich zu schminken. „Meine Nachbarn wundern sich allerdings, warum ich immer Freitag um die gleiche Zeit einkaufen gehe.“

250 Kunden werden heute kommen, eingeteilt in Halb-Stunden-Schichten. Wer kommt, zeigt seinen „Tafelausweis“, zahlt einen Euro fürs Einkaufen mit beschränkter Auswahl. Brot, dann Milchprodukte, dann Gemüse und Obst. Sie wählen zwischen Fladenbrot oder Schwarzbrot, zwischen Auberginen und Champignons.

Wer dreimal fehlt, ohne sich abzumelden, ist draußen. „Dafür kommen dann andere rein“, sagt Sartor. Die Liste ist lang: 2000 Tafelausweise gibt es maximal, hinter den meisten steht eine Familie, in einem Fall eine Frau mit 16 Kindern. In der Summe: 6000 Menschen. Dazu 10 000 Kinder, Jugendliche, Obdachlose, Drogenabhängige, die in über 90 Kitas, Schulen, Beratungsstellen und Treffs bekommen, was sonst auf dem Müll landen würde. „Aber wir laden nur in unsere Autos, was wir selbst noch essen würden“, sagt Sartor.

Detaillierte Fahrpläne,ausgefeilte Logistik

„Wir arbeiten, damit keine Nahrungsmittel umkommen.“ Vor neun Jahren hat er angefangen, seit sechs Jahren ist er der Vorsitzende. Mit im Boot: 120 Ehrenamtliche, 120 000 Euro Jahresetat, sechs Kühlfahrzeuge, detaillierte Fahrpläne und ausgefeilte Logistik.

„Das sind keine Spenden“, sagt Sartor. „Da hat jeder Filialleiter genau kalkuliert, was er an Entsorgung spart.“ Er war Bergmann, am Ende in leitender Funktion über Tage. Er sagt auch: „Niemand verhungert, wenn er bei uns nichts bekommt.“ Dafür gebe es ja schließlich den Sozialstaat. Doch der hat Grenzen. Und diese Grenzen verschieben sich. Vor 20 Jahren haben die ersten Tafeln mit ihrer Arbeit begonnen, heute sind 900 Tafeln beim Bundesverband organisiert. Nach eigenen Angaben speisen sie zwei Millionen Menschen. „Mitleidsökonomie“, nennt Professor Fabian Kessl von der Universität Duisburg-Essen dieses Phänomen. Warum er den Tafelboom kritisch sieht – davon bald mehr.

 
 

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