Ausgebrannt und wieder aufgetankt - vom Burnout zurück in die Arbeitswelt

Arne Schleef
Holger Scholz (40) mit seinem Arbeitsmaterial in Duisburg.
Holger Scholz (40) mit seinem Arbeitsmaterial in Duisburg.
Foto: Ralf Rottmann
Holger Scholz aus Kamp-Lintfort driftete nach dem Verlust seines Arbeitsplatzes in die Depression ab. Diagnose: Burnout. Jetzt aber hat er es in den ersten Arbeitsmarkt zurück geschafft – und hofft, mit seiner Geschichte auch anderen Betroffenen Mut zu machen.

Duisburg. Holger Scholz kann wieder lächeln. Gut gelaunt und fröhlich wirkt der 40-Jährige, wenn er heute seinen Rundgang macht; seine Runde über das Gelände der Evangelischen Kirchengemeinde Duisburg-Baerl. Scholz sorgt hier für grüne Wiesen und saubere Kirchbänke. Er repariert, was kaputt geht, und hilft, wenn Hilfe nötig ist. Mit einem Lächeln – wieder mit einem Lächeln.

Der Verlust seines alten Arbeitsplatzes und andere Schicksalsschläge drängten Scholz vor Jahren an die Grenzen der Belastbarkeit. Der Mann aus Kamp-Lintfort war ausgebrannt, Diagnose: Burnout. Inzwischen aber lebt er sein Leben wieder. Mit einem neuen Job – und neuen Einsichten.

Es ist das Jahr 2006, als sich Holger Scholz’ Leben schlagartig ändert. Sein Arbeitgeber, BenQ, geht Pleite. „Die Lebensgrundlage ist wie ein Kartenhaus in sich zusammengefallen“, sagt der gelernte Elektroinstallateur.

Seine Frau hatte ein Jahr zuvor den Arbeitsplatz verloren, inzwischen aber eine andere Stelle gefunden. Wer sorgt jetzt für die Familie, den Nachwuchs? Scholz’ Gedanken kreisen. Und er versucht alles: besucht Weiterbildungen, geht in Kurzarbeit. Hin und Her. Trotzdem steht er eines Tages „wieder auf der Straße“.

Schicksalsschläge und Magenschmerzen

Er muss sich arbeitslos melden, obwohl er nie arbeitslos sein wollte. Ihn quälen private Schicksalsschläge und Magenschmerzen. Doch er sucht weiter, bewirbt sich für Aufgaben im Krankenhaus, wird eingestellt, arbeitet – bis er unter der Anspannung zusammenbricht.

„Ich wusste nicht, was los war“, sagt Scholz heute. „Depressionen waren für mich vorher überhaupt kein Begriff.“ Die Erkrankung sei lange nicht erkannt worden, von Ärzten nicht, von ihm nicht. Er kommt zu stationären Aufenthalten ins Krankenhaus – ein gravierender Einschnitt.

Es ist ein langer Weg, bis sich der Gesundheitszustand stabilisiert. Der 40-Jährige, seine Frau und die zwei Töchter erleben Höhen und Tiefen. „So, wie's mal war, wird's nicht mehr“, ist ein Satz, den Scholz in dieser Zeit hört – und er selber sagt, dass es gedauert hat, bis ihm das deutlich wurde.

Suche nach Rhythmus und Konstanz

Irgendwann aber geht es ihm besser. Und so stellt sich die Frage: Wie soll es beruflich weitergehen? Scholz meldet sich erneut arbeitslos, ackert in einem Berufstrainingszentrum, sucht nach Rhythmus und Konstanz. Sein Weg führt ihn 2012 zu einer Arbeitsstelle der Caritas Wohn- und Werkstätten Niederrhein (CWWN). Die CWWN hat es sich zum Ziel gesetzt, Menschen mit Behinderung oder psychischer Erkrankung in den ersten Arbeitsmarkt zu integrieren. Und Scholz leugnet nicht: „Das erste Mal waren schon Vorurteile da“ – aber ihm sei auch klar gewesen: nach „draußen“? Das gehe noch nicht, habe er gemerkt.

Heute sagt Scholz: „Es tat gut, wieder Routine zu bekommen. Ich habe meine alten Stärken wieder entdeckt. Ich danke allen in der Werkstatt Rheinberg.“ Und damit war der Weg frei für den Versuch, auf dem ersten Arbeitsmarkt Fuß zu fassen. Zunächst beginnt er als Praktikant in Baerl; dann arbeitet er auf Probe; jetzt ist er fest als zweiter Hausmeister neben Herrn Smentoch angestellt. Scholz’ Gehalt bezahlt nicht mehr die CWWN, sondern die Kirchengemeinde.

„Ich habe einen verständnisvollen Arbeitgeber vorgefunden. Das ist nicht selbstverständlich“, dankt Scholz – auch wenn anfänglich Unsicherheiten da waren. Die aber sind Geschichte. „Fragt mich doch einfach“, sagt er; Scholz geht heute locker mit dem Thema um. Wenngleich er wisse, dass Konzentrations- und Belastungsschwankungen immer zu seinem Leben dazu gehören werden.

Die Familie gab ihm Kraft

Und so werkelt er, mäht den Rasen, pflegt die Wege vor der Kirche und auf dem Friedhof. Immer mit einem Lächeln – obwohl für ihn so vieles auf der Kippe stand. „Das habe ich mir mit meiner Frau und der Familie erarbeitet“, sagt Scholz. „Ich bin froh, dass sie so stark waren.“ Der 40-Jährige hofft, mit der Öffentlichkeit auch andere wachrütteln zu können.

„Ich denke, viele haben nicht den Mut, sich rechtzeitig helfen zu lassen“, sagt Scholz. Er kämpfe im Alltag häufig gegen Vorurteile und hoffe, mit seiner Geschichte vielen Menschen Mut zu machen. Damit auch weitere Betroffene bald wieder lächeln können.