Fremdenangst: Psychologe mit krasser These: „Wir haben ein Gefühl der Befriedigung“

Angstforscher Borwin Bandelow sagt über Fremdenhass: „Man muss sich das so vorstellen, dass das intelligente und das archaische Gehirn miteinander kämpfen. Und in solchen Fällen das 'Urgehirn' gewinnt.“
Angstforscher Borwin Bandelow sagt über Fremdenhass: „Man muss sich das so vorstellen, dass das intelligente und das archaische Gehirn miteinander kämpfen. Und in solchen Fällen das 'Urgehirn' gewinnt.“
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„Wer hat Angst vorm bösen Mann?“, heißt das Buch von Borwin Bandelow.

Der 67-Jährige ist einer der führenden Angstforscher weltweit und behandelt an der Psychiatrischen Klinik der Universität Göttingen Angstpatienten. Die Angst vor allem Fremden, sagt der Experte, sei vor Jahrtausenden sogar produktiv gewesen. Heute schlägt sie nicht selten in Fremdenhass um. Woher Angst kommt und wie schnell wir sie adaptieren, hat der Psychiater im Gespräch mit dieser Redaktion verraten.

Was machen Vorfälle wie in Frankfurt und Voerde mit uns und unseren Ängsten?

Borwin Bandelow: Die Menschen schätzen die Sicherheitslage aktuell als nicht gut ein, glaubt man Umfragen. Ich habe den Eindruck, dass ein solches Empfinden stark schwankt. Bedingt etwa durch Vorfälle wie in Voerde und Frankfurt.

Die Häufung der Vorfälle führt dazu, dass Menschen glauben, es gibt eine neue, unberechenbare Gefahr. Dabei klammern wir die tägliche Gefahr aus. Auf dem Fahrrad von einem Auto zu erfasst werden, ist viel häufiger.

Es waren zwar tragische Ereignisse, die uns fassungslos machen, aber die Gefahr, vor den Zug gestoßen zu werden, wird statistisch gesehen überschätzt. Im Jahr sterben 9000 Menschen bei Freizeitunfällen, 3000 Menschen bei Autounfällen. Das vergisst man. Die meisten Menschen sterben mit 43 Prozent aber an Herz-Kreislauferkrankungen.

Sind die Medien daran schuld, dass wir mehr Angst vor Terroranschlägen als vor einem Herzinfarkt haben?

Die Medien sind nicht schuld, sie müssen über so etwas berichten. Menschen wollen so etwas auch lesen. Ein Beispiel: Bei einem Zugunglück in der Nähe denkt man sich: 'Ich oder meine Kinder hätten in diesem Zug sitzen können.' Durch solche Nachrichten entsteht Angst. Wenn wir Angst haben, werden Endorphine ausgeschüttet. Wenn die Angst weg ist, bleiben die Endorphine im Blut. Wir haben dann paradoxerweiße ein Gefühl der Befriedigung.

Wie lange dauert es, bis sich unsere Ängste - etwa vor einen Zug geschubst zu werden - wieder legen?

Etwa vier Wochen. Ich merke das bei ähnlichen Ereignissen immer daran, dass keine Interviewanfragen mehr kommen. Dann ist auch für die Leute das Thema erledigt, dann wollen sie nichts mehr davon hören. In Fukushima zum Beispiel war die Gefahr Wochen nach dem Unfall besonders hoch. Aber das Interesse der Menschen ist abgeebbt. Das zeigen auch Umfragen nach Terroranschlägen.

Woran liegt das?

Menschen können Gefahren adaptieren. In Städten wie Bagdad oder Kabul haben sich die Menschen mit der Zeit an Bombenanschläge gewöhnt. Auch aus den Erzählungen meiner Eltern aus dem Zweiten Weltkrieg habe ich Ähnliches herausgehört.

In Voerde war der mutmaßlicher Täter ein serbischer Kosovare, in Frankfurt ein Eritreer. In Deutschland herrscht bei vielen Menschen eine Angst vor Überfremdung. Woher kommt diese Fremdenangst?

Wir haben ein Vernunftgehirn, das intelligent die Vor- und Nachteile der Zuwanderung ablegen kann. Das sieht Gefahren. Dann haben wir das archaische Gehirn, in dem alles Fremde böse ist. Das geht auf die Zeit zurück, als wir Menschen in Stämmen organisiert waren. Wer ein Stammesdenken hatte, der hat überlebt. Wenn nicht, wurde man von Tieren gefressen. Menschen passen sich Gefahren an, das geht seit Jahrtausenden so. Und das ist noch heute so in unseren Gehirnen drin.

Ist denn Fremdenangst vergleichbar mit der Angst vorm Fliegen oder vor Spinnen?

Spinnenphobie ist ein gutes Beispiel. Die Menschen, die früher Angst vor Spinnen hatten, haben überlebt. Heute ist die Angst vor Spinnen überflüssig, weil wir in Deutschland keine giftigen Spinnen haben. Aber die Angst wurde in unseren Genen von Generation zu Generation vererbt.

Wann wird aber Fremdenangst zu Fremdenhass?

Ich will nicht bestreiten, dass im Zuge der Migration tatsächliche Probleme entstanden sind. Die Kriminalitätsrate ist insgesamt gesunken, aber der Ausländeranteil daran gestiegen. Solche Fakten verarbeitet das intelligente Gehirn. Mir wurde einmal vorgeworfen, dass laut meinen Aussagen nur dumme Menschen fremdenfeindlich seien. Das stimmt natürlich nicht. Es gibt genauso gut fremdenfeindliche Professoren.

Man muss sich das so vorstellen, dass das intelligente und das archaische Gehirn miteinander kämpfen. Und in solchen Fällen das 'Urgehirn' gewinnt.

Was kann man gegen Fremdenangst tun?

Nächste Frage (lacht). Das ist nicht so einfach. Jeder für sich muss die Fakten checken. Sich selbst fragen, welche Nachteile ich habe. Ich für mich kann sagen, dass ich keine Nachteile durch die Migration erlebt habe, ich wurde nicht angegriffen.

Man sollte versuchen, dass das Vernunftgehirn über das Urgehirn gewinnt.

 
 

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