Alleinerziehende Mutter aus NRW: „Mama, hast du geweint?“

Dagmar Lanfermann-Coerds lebt als Alleinerziehende in Werl (NRW).
Dagmar Lanfermann-Coerds lebt als Alleinerziehende in Werl (NRW).
Foto: Alexander Keßel / Der Westen

Werl. „Hakuna Matata“ (Swahili: Es gibt keine Probleme) steht auf ihrem Unterarm geschrieben. Sorgenfrei von Tag zu Tag gleiten und das Leben genießen wie Timon und Pumba aus „Der König der Löwen“? Das liegt Dagmar Lanfermann-Coerds (47) fern.

Vor zehn Jahren stand die Mutter zweier Kinder (damals 1 und 4) vor einem Scherbenhaufen. Die Beziehung zu ihrem Mann ging in die Brüche. Sie wagte den Neustart als Alleinerziehende.

Rückblickend kreidet sich die Frau aus Werl in NRW einen großen Fehler an - und hat einen wichtigen Tipp für andere Alleinerziehende.

Alleinerziehende aus NRW: „Das war ziemlich blauäugig“

Die Trennung an sich bereut die 47-Jährige keineswegs. Es habe einfach nicht mehr funktioniert. Der Zeitpunkt allerdings sei das Problem gewesen.

Keine finanziellen Rücklagen, fehlende Großeltern als familiäre Unterstützung und ohne Chance auf den alten Job: „Ich bin damals ziemlich blauäugig in den Neustart gegangen“, sagt sie heute.

Abhängig machen von staatlicher Unterstützung? Das kam für die gelernte medizinische Fachangestellte aber nicht in Frage.

Ein Job? Vier!

Der Weg zurück in ihre alte Stelle in der Kinder- und Jugendhilfe war verbaut. „Ich hatte meinem Chef großspurig erzählt, dass ich drei Jahre in Elternzeit gehe.“ Der hatte für die Zeit eine Vertretung eingestellt.

Also hielt sich die frisch alleinerziehende Mutter zunächst mit 450-Euro-Jobs über Wasser. Bis zu vier gleichzeitig - darunter zwei als Putzhilfe. In der Phase wäre Dagmar Lanfermann-Coerds auf Hilfe angewiesen. Aber sie fand: nichts.

Alleinerziehende vermisst Beratungsstelle

Das Jugendamt kümmere sich etwa bei Problemen zwischen Eltern und Kindern. Doch was tun, wenn arbeitswillige Alleinerziehende flexible Alltagslösungen suchen?

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„Es gibt keine Anlaufstelle, die in solchen Situationen berät“, klagt die 47-Jährige. Einer von acht Punkten, den auch der „Verband allein erziehender Mütter und Väter NRW“ (VAMV NRW) anprangert.

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Das fordert der VAMV NRW von Entscheidungsträgern in Politik und Verwaltung:

  • Schutz vor Familien- und Kinderarmut
  • Steuergerechtigkeit
  • Schutz vor Altersarmut
  • Bedarfsgerechte Angebote in der Kinderbetreuung
  • Teilhabe am Arbeitsmarkt
  • Gesundheitsprogramme
  • Entlastung von Wohnkosten
  • Niedrigschwelliger Zugang zu Informationen

Welche konkreten Maßnahmen dahinter stecken, erfährst du hier >>>

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Wichtiger Tipp ändert alles

Ans Jugendamt wollte sich die Werlerin zunächst nicht wenden, aus Angst einen überforderten Eindruck zu machen. „Ein falscher Satz und du hast keine Hilfe, sondern Probleme“, erinnerte sie sich aus ihren Tagen in der Kinder- und Jugendmedizin.

Die Rettung kam nur durch einen Zufall. So erfuhr Lanfermann-Coerds, dass Alleinerziehende unter bestimmten Voraussetzungen Anspruch auf die Finanzierung einer Tagemutter haben. Der Tipp kam von der neuen Partnerin ihres Ex-Manns, einer alleinerziehenden Polizistin.

Flexible Tagesmutter

Mit der Info stellte sie einen Antrag beim Jugendamt, der bewilligt wurde. „Mein Glück war, dass die Tagesmutter sogar zu uns nach Hause kam“, so die zweifache Mutter.

So konnte sich Lanfermann-Coerds wieder einen Vollzeitjob in ihrer Branche suchen. Seit 2012 arbeitet sie in einer Praxis für Orthopädie und Chirurgie. Immer pünktlich raus komme sie nicht. Aber die Tagesmutter fing die anfallenden Überstunden ab.

„Da werde ich in zehn Jahren noch dran denken“

„Das hört sich zunächst gut organisiert an, aber das war es teilweise überhaupt nicht“, sagt die Alleinerziehende.

In der Probezeit habe sie sich nicht getraut, eine Krankmeldung abzugeben. Einmal sah sie sich gezwungen, ihren damals sechsjährigen Sohn vormittags allein mit einer Magen-Darm-Grippe zuhause zu lassen.

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Die Tagesmutter konnte so spontan nicht einspringen. Die Nachbarn hätten dann von Zeit zu Zeit nach dem Rechten gesehen. Auch eine Kollegin hatte sie eingeweiht. Die schickte sie überpünktlich zu ihrem kranken Kind. „Da werde ich in zehn Jahren noch dran denken.“

Ihr Chef habe erst später davon erfahren. „Warum hast du denn nichts gesagt“, habe er gefragt. „Weil ich in der Probezeit bin“, habe sie nur geantwortet.

„Sag mal Mama, hast du geweint?“

Rückblickend weiß sie, dass er ihr niemals einen Vorwurf gemacht hätte, wäre sie daheim geblieben. Doch zu dem Zeitpunkt habe sie das noch nicht einschätzen können, sich unter Druck gesetzt, um auf der Arbeit nicht als unflexibel zu gelten. Eine Sorge, die viele Alleinerziehende teilen.

„Ich war teilweise nervlich am Ende: Von der Arbeit überfordert, mit zwei Kindern. Was tun, wenn eines krank ist. Wo krieg ich das Geld her für die Weihnachtsgeschenke? Da hat es Situationen gegeben, wo die Kinder mich gefragt haben: ‚Sag mal Mama, hast du geweint?‘“ Das ist eigentlich eine Situation, die man vermeiden möchte“, so die Werlerin.

Ein gemeinsamer Urlaub in zehn Jahren

Häufig sei sie verzweifelt gewesen, „aber dann kommt so ein kleines Mäuschen um die Ecke und sagt: ‚Mama, ich hab dich lieb.‘ Und dann ist das eigentlich alles schon wieder vergessen.“

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Immerhin: Der Vater der Kinder kommt seinem Erziehungsauftrag nach, man ziehe in Konfliktsituationen an einem Strang. Die Vereinbarung: Alle zwei Wochen holt er die Kinder für das Wochenende ab und nimmt sie regelmäßig mit in den Urlaub.

Hakuna Matata

Sie selbst habe sich in letzten zehn Jahren genau einen gemeinsamen Urlaub mit den Kindern leisten können. Jetzt mit 11 und 14 seien die aus dem Gröbsten raus.

Und vielleicht ziehe sie irgendwann auch mal mit ihrem jetzigen Freund zusammen. „Hakuna Matata“, vielleicht wird das ostafrikanische Mantra dann zur Realität bei der Alleinerziehenden aus Werl.

 
 

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