Abiturnoten werden immer besser - „Früher wurde mehr gesiebt, leider“

Jörg Bartel
Früher sind zu viele Kinder aussortiert worden, die das Abitur locker geschafft hätten, meint Schul-Profi Werner Kehren.
Früher sind zu viele Kinder aussortiert worden, die das Abitur locker geschafft hätten, meint Schul-Profi Werner Kehren.
Foto: Martin Möller / WAZ FotoPool
Immer mehr Schüler an Rhein und Ruhr machen das Abitur, und zugleich werden die Noten immer besser. Schul-Profi Werner Kehren erklärt, wie das funktioniert - und spricht im Interview über Lehrer, die Schülern nicht die Laufbahn verbauen wollen und Schülern, die nicht fürs Leben, sondern für die Prüfung lernen.

Essen. Er ist 61 Jahre alt, war 36 Jahre lang Lehrer, zuerst an der Gesamtschule Bockmühle in Essen, dann lange Jahre an der Leibniz-Gesamtschule in Duisburg-Hamborn, und das meistens gern. Früher war er als didaktischer Leiter unter anderem zuständig für die Richtigkeit der Leistungsbewertung an seiner Schule, jetzt ist er frühpensioniert, der Werner Kehren. Wir wollten von dem NRZ-Leserbeirat und Schul-Profi wissen, wie das sein kann, dass immer mehr junge Leute an Rhein und Ruhr das Abitur machen - und zugleich die Noten immer besser werden.

Gibt es sowas wie eine wundersame Hirnvermehrung, Herr Kehren?

Werner Kehren: Nein, die gibt es leider nicht. Das hat andere Gründe.

Wurde früher mehr gesiebt?

Kehren: Leider, ja.

Anders gefragt: Wird den Schülern heute das Abitur nachgeworfen?

Kehren: Nein, aber die Art der Leistungsbeurteilung hat sich völlig verändert.

Erklären Sie das bitte.

Kehren: Früher gab es nur sechs Noten, wobei es eigentlich nur vier waren, denn Einsen und Sechsen wurden praktisch nicht vergeben. Wer eine Eins wollte, der musste nicht nur alles richtig haben, sondern das auch noch formvollendet. Heute gibt es eine 15er-Skala, die bei einer 1 plus anfängt und bei der 6 aufhört, und sehr gut ist mittlerweile, was den Leistungsanforderungen „in besonderem Maße“ entspricht. Das heißt: Die Arbeit muss nicht fehlerfrei oder perfekt sein, um sehr gut zu sein. Ausreichend bedeutete früher, die Hälfte richtig zu haben, heute reichen rund 40 Prozent für ein Ausreichend aus.

Hat auch ein Mentalitätswechsel bei den Lehrern stattgefunden?

Kehren: Das glaube ich schon. Lehrer versuchen heute, ihre Schüler möglichst alle das Abi bestehen zu lassen, anstatt sie abzusägen, und dazu suchen sie regelrecht nach Bewertungspunkten. Sie sind sich heute sehr bewusst, welche Bedeutung Noten für ihre Schüler haben. Und die meisten würden den Teufel tun, ihnen durch zu harte Notengebung Chancen zu verbauen. Der Konkurrenzdruck ist ja heute enorm groß, was ich bedaure. Außerdem können es sich Schulen gar nicht mehr erlauben, auszusieben, denn auch da gibt es ja heute eine gewisse Konkurrenz.

Spielt eine Rolle, dass die Gesamtschulen damals den Auftrag hatten, die „Bildungsreserven abzuschöpfen“ und so politisch gewollt das Niveau gesenkt wurde?

Kehren: So einen Auftrag gab es nicht. Und spätestens seit dem Zentralabitur 2007 weiß man, dass es Unsinn war, von hinterhergeschmissenen Gesamtschul-Abis zu sprechen. Die Gesamtschulen hatten ihren vorherigen Schnitt von 2,6 halten können. Und wenn man unterstellen darf, dass noch immer die besten Schüler das Gymnasium besuchen, dann dürfte klar sein, dass bei gleichen Anforderungen dort ein besserer Schnitt herauskommt.

Stimmt: 2,4 gegen 2,6. Was macht heute sonst noch die Noten besser als früher?

Kehren: Das Zentral-Abitur verhindert die berüchtigte „Gauß’sche Normalverteilung“, mit der Lehrer gewöhnlich ihre Leistungsbewertung so hinkriegen, dass der Schnitt immer irgendwo zwischen 3 und 4 liegt, egal, wie gut die Schüler sind. Wenn früher mal eine Arbeit „zu gut“ ausfiel, dann war das automatisch für den Lehrer ein Zeichen, dass die Arbeit zu leicht war. Darauf, dass alle Schüler schlicht und einfach alles kapiert haben könnten, wären sie nie gekommen.

Und?

Kehren: Heute zählen auch die Sport-, Kunst- und Musiknoten fürs Abitur. Und die „sonstigen Leistungen“, zum Beispiel im Mündlichen, die machen 50 Prozent aus.

Früher war man mit drei schriftlichen Fünfen geliefert...

Kehren: ...und heute kommt man da mit einer mündlichen 3 auf eine glatte 4. Ich finde das auch völlig richtig.

Sind die Anforderungen nicht doch geringer geworden?

Kehren: Nein, im Gegenteil. Sie sind gestiegen, und damit steigen auch die Chancen, etwas falsch zu machen. In der Oberstufe machen sie heute Inhalte, die wurden zu meinen Zeiten im 1. bis 4. Semester an der Uni gelernt. Und vom Bereich IT will ich gar nicht erst reden.

Spielt das Zentral-Abi eine Rolle, oder sind die Schüler heute einfach fleißiger als früher?

Kehren: Die Schulen machen sich mehr Gedanken, wie der Bildungsanspruch zu sichern und richtig zu verteilen ist. Und die Schüler können sich besser auf Prüfungen vorbereiten, und viele tun das auch.

Das bedeutet, man lernt in der Schule nicht mehr „fürs Leben“, falls man das je getan hat, sondern für die Prüfung?

Kehren: Tja, das sollte zwar verhindert werden, aber ich wüsste nicht, wie man das verhindern kann.

Wenn heute fast 50 Prozent der Jugendlichen in NRW das Abi schaffen und früher nur vielleicht 15 Prozent, wenn die IQs nicht gestiegen und die Anforderungen nicht gesunken sind...

Kehren: ...dann sind früher zu viele Kinder aussortiert worden, die das Abi locker geschafft hätten, richtig. Das war, als noch die Lehrer-Empfehlung entscheidend für die Schulart war. Heute entscheidet der Elternwille.

Das ist ja mal was ganz Neues: ein gutes Zeugnis für die Bildungspolitik in Nordrhein-Westfalen...

Kehren: Ja, auch wenn es im System noch viele Macken gibt.