7000 Waggons in 24 Stunden

An Rhein und Ruhr.  Thomas Pawlowski aus Dinslaken hat ein im wahrsten Sinne des Wortes ganz enges Verhältnis zur Betuwe. Die Bahntrasse läuft in Steinwurfweite von seinem 1935 erbauten Haus gewissermaßen durch den Vorgarten – knapp 30 Meter bis zur Schiene. Während der versprochene Schall- und Gefahrenschutz noch auf sich warten lässt, ist die Betuwe hinsichtlich des Verkehrs längst Realität geworden. Eine aktuelle Zugzählung ergab, dass binnen 24 Stunden rund 7000 Waggons in 300 Zügen durch Dinslaken und damit quasi durch Pawlowskis Garten rollen. Vor zehn Jahren waren es noch keine 2000 Waggons in 190 Zügen. Die aktuellen Entwicklungen machen es dem Dinslakener und seiner Frau immer schwerer, nachts zwischen zwei Zügen Schlaf zu finden.

Deshalb kann es Pawlowski nur begrüßen, dass endlich Geld in die Hand genommen wird, um mit dem Ausbau der Betuwe-Strecke auch für einen angemessenen Lärm- und Gefahrenschutz zu sorgen. Aber bei den Bürgerinitiativen der Region, die sich wegen und gegen Betuwe gebildet haben, ist Skepsis geblieben.

Karl-Heinz Jansen zum Beispiel, der Vorsitzende der Bürgerinitiative Betuwe Initiative Sicherheit Siedlungsfern (IG-Biss) aus Emmerich, nimmt die Vertragsunterzeichnung eher mit einem Achselzucken zur Kenntnis: „Es ist eine Vereinbarung von vielen“, sagt er. Die Planfeststellungsverfahren liefen aktuell noch, die wahren Kosten könne letztlich noch keiner abschätzen. Jansen würde sich für die Details der Verträge interessieren: Wie sieht etwa der Lärmschutz aus? „Wir müssen abwarten, was da tatsächlich auf uns zukommt.“

Manfred Flore, Sprecher der Oberhausener Bürgerinitiative, warnt vor meterhohen Lärmschutzwänden, die den Sterkrader Bahnhof regelrecht zubauen könnten. „Wir wollen keinen Bunker am Sterkrader Bahnhof“, sagt Flore. „Der Lärmschutz muss zeitgemäß sein.“ Er will sich für transparente oder geschwungene Lärmschutzwände einsetzen.

„Bislang weiß ich keine Details“

Gert Bork von der Bürgerinitiative „Betuwe - so nicht!“ aus Wesel reagiert verhalten. „Bislang weiß ich keine Details“, sagt er und verweist auf den Termin am morgigen Freitag am Bahnhof in Rees-Haldern, an dem neben dem NRW-Minister für Bauen, Wohnen, Stadtentwicklung und Verkehr Michael Groschek auch Bahnchef Rüdiger Grube teilnehmen wird. Auf eigenes Drängen sei Bork dort nun auch dabei, um gezielte Fragen zu stellen, die die Menschen entlang der Güterstrecke gern beantwortet hätten. Denn vieles in Sachen Lärmschutz werde vermutlich nicht so werden, „wie wir uns das vorstellen“, schätzt der Weseler die Situation ein.

„Wir haben lange darauf gewartet, jetzt können wir uns freuen“, meinte hingegen Heinz Mülleneisen. Damit ist für den Vorsitzenden der Dinslakener Bürgerinitiative endlich sichergestellt, dass mit dem Streckenausbau samt Lärm- und Sicherheitsschutz begonnen wird. Ob die jetzt vereinbarten 1,5 Milliarden Euro am Ende reichen, ist für ihn eher zweitrangig: „Wenn sie den Ausbau beginnen, werden sie ihn auch abschließen, falls es teurer wird“, schätzt der BI-Vorsitzende. Für ihn geht es nun weiter darum, zügig die Planfeststellung abzuschließen, ohne dabei das Bürgerrecht Sicherheit zu vernachlässigen. Eher verhalten fällt die Reaktion des Voerder Betuwe-BI-Vorsitzenden Heinz Markert aus. Angesichts noch nicht beendeter oder noch nicht einmal eröffneter Planfeststellungsverfahren fragt er sich, welche Fakten der jetzt beschlossenen Investitionssumme zugrunde liegen, ob etwa die Anregungen und Bedenken darin berücksichtigt sind. Markert erinnert an den Flughafen Berlin, bei dem die Kosten den geplanten Rahmen bekanntlich deutlich übersteigen. Was, fragt er sich, könnte am Ende beim Betuwe-Projekt dem Rotstift geopfert werden? Für Aufatmen sei es daher noch zu früh.

Auch der Betuwe-Geplagte Thomas Pawlowski fragt sich, was ihm das alles bringen wird. Die Pläne der Bahn sehen im Bereich seines Hauses keine Lärmschutzwand vor. Der Grund: Das Gebiet ist zu dünn besiedelt. Pawlowski und die Dinslakener Initiative kämpfen für den Lückenschluss, weil das Leben an der Betuwe für ihn sonst nicht länger lebenswert wäre. Zu den vereinbarten 1,5 Milliarden Euro müssten für den Dinslakener schon mal 2,3 Kilometer Lärmschutzwand plus Erschütterungsschutz oben drauf gerechnet werden.

 
 

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