70 Kinder aus Angola im Friedensdorf angekommen

Matthias Maruhn
Die vor kurzem aus Angola eingetroffenen Jungen Domingos Julio, Mario und Joao posieren im Friedensdorf International in Oberhausen für den Fotografen.
Die vor kurzem aus Angola eingetroffenen Jungen Domingos Julio, Mario und Joao posieren im Friedensdorf International in Oberhausen für den Fotografen.
Foto: WAZ FotoPool
Die kleinen Gäste aus Afrika warten auf ihre Behandlung in Oberhausen. Einer der Ärzte, die die kleinen Patienten versorgen, ist Dr. Yagura. Der Orthopäde kommt aus Japan. Die Arbeit des Friedensdorfes Oberhausen hat ihn so beeindruckt, dass er regelmäßig aus Fernost anreist, um zu helfen.

Oberhausen.  Mario saugt die Luft scharf durch die Zähne ein, als der Arzt mit dem Wattestäbchen die Wunde am linken Unterschenkel nur leicht berührt. Der Junge aus Angola verzieht zwar leicht das Gesicht, aber kein Mucks, kein Jammern, keine Träne. Hängt natürlich auch damit zusammen, dass seine Kumpel Julio und Joao mit im Zimmer sind, Indianerherz kennt keinen Schmerz gilt natürlich auch für zehnjährige Jungs aus dem Süden Afrikas.

Dr. Yukihisa Yagura gibt die Probe Krankenschwester Bärbel Arens, die den Abstrich in einem Koffer verstaut. Erst das Ergebnis aus dem Labor und die Bestimmung der Bakterien wird mit den Blutwerten zusammen zeigen, wie schlimm die Knochenhautentzündung im Bein des Jungen wirklich ist. „Das Loch ist ziemlich klein“, sagt Dr. Yagura, „aber man weiß noch nicht, wie es drinnen ausschaut.“ Die Knochenhautentzündung ist eine typische und tückische Erkrankung in der dritten Welt, Folge einer manchmal nur kleinen Verletzung, die unbehandelt aber meist zur Amputation und viel zu oft auch zum Tod des Patienten führt. Mario wird jetzt, so schnell ein Platz zu finden ist, in einer Klinik stationär behandelt.

Arzt und Schwester werden sich nun noch die Wunden der anderen 70 Kinder anschauen, die erst am Morgen in Düsseldorf gelandet sind, die sich nach langem Flug aus Luanda, der Hauptstadt Angolas, nun plötzlich in einer ziemlich fremden Welt zurechtfinden müssen. Draußen im Hof des Friedensdorfes toben Kinder aus Afghanistan oder aus dem Kaukasus, die Krankenschwestern haben blonde Haare, und ihre Gesichter sind so hell wie die Kacheln im Badezimmer. Und dann der Arzt...

Ich vergesse Mario zu fragen, ob er irgendetwas über Japan weiß. Im Moment ist ihm das eh völlig schnuppe. Wie alle Patienten der Welt ist er froh, dass die Behandlung erst mal vorbei ist. Er schiebt sein Käppi in den Nacken und macht sich mit Julio und Juao auf, die neue Welt zu erforschen.

Alles begann mit Chizuru

Dass mit Dr. Yagura ein japanischer Arzt die Kinder untersucht, hat mit einem schicksalhaften Besuch im Kinderdorf vor 15 Jahren zu tun. Die in Japan äußerst populäre Schauspielerin Chizuru Azuma kam mit einem Filmteam nach Oberhausen und war von der Arbeit derart berührt und begeistert, dass sie fortan daheim die Werbetrommel schlug. Dr. Yagura sah vor Jahren einen solchen Beitrag im TV und erinnerte sich an sein Studium, an seine Motivation damals, Orthopäde zu werden: „Ich bin eigentlich Arzt geworden, um verletzten und behinderten Kindern zu helfen.“

So lässt er sich in seinen Vertrag als Chefarzt einer Klinik auf Hokkaido im Norden des Landes eine Klausel schreiben, die ihm die sporadische Mitarbeit in Oberhausen gewährt. Vier- oder fünfmal im Jahr kommt er und stellt zwei Wochen lang sein Wissen und Können in den Dienst der Sache. Wie jetzt bei der Ankunft der 71 Kinder aus Angola, eine Hilfsaktion, die genau vor 20 Jahren noch während des Bürgerkrieges dort begann

.

Der 50-Jährige zieht nun seinerseits durch Japan und wirbt um Spenden und Unterstützung. Mit Erfolg. Was nach Erdbeben, Tsunami und Reaktorkatastrophe in Fukushima vor drei Jahren auch nicht selbstverständlich ist. Aber noch immer kommt ein nicht unerheblicher Teil der Spenden, die das Friedensdorf zum Überleben braucht, aus der Industrienation mit der aufgehenden Sonne im Wappen.

Der Arzt ist nicht der einzige Japaner in Oberhausen. Chie Miyamoto (40) hat selbst ein Jahr in der Küche ausgeholfen, jetzt kümmert sie sich um die Freiwilligen aus Fernost, vier sind es gerade, es können auch schon mal zehn sein, die für ein Jahr ins Dorf kommen und helfen. Meist sind es junge Frauen, Chie kennt ihre Motivation. „Sie wollen helfen, sie wollen Praxiserfahrungen sammeln, weil sie etwa Physiotherapeutin werden wollen. Oder sie wollen einfach besser Deutsch lernen.“

Der Kampf gegen die Not kennt auch keine Grenzen

Längst ist die Hilfe made in Japan ein wichtiger Faktor im Dorf geworden, unverzichtbar. Und wer das Foto von Dr. Yagura aus Hokaido und von Mario Luanda anschaut, wird nicht ohne Freude feststellen: Nicht nur die Not kennt keine Grenzen, auch der Kampf dagegen nicht.

Das Friedensdorf wurde 1967 gegründet, um kriegsverletzten Kindern aus Vietnam und aus dem Nahen Osten zu helfen. Viermal im Jahr fliegt das Friedensdorf Hilfseinsätze und betreut stets durchschnittlich 300 Kinder aus über zehn Nationen. Gleichzeitig hilft das Friedensdorf mit weltweiten Projekten, die medizinische und humanitäre Versorgung in den Heimatländern der Kinder zu verbessern. Wer helfen möchte, findet alle Informationen auf der Internetseite: www.friedensdorf.de