400.000 Messie-Haushalte in NRW – Experte erklärt: Deshalb ist die Zahl hier besonders hoch

NRW entwickelt sich zu einer Messie-Hochburg. Hier eine verlassene Messie-Wohnung in Essen, die 2009 geräumt worden war.
NRW entwickelt sich zu einer Messie-Hochburg. Hier eine verlassene Messie-Wohnung in Essen, die 2009 geräumt worden war.
Foto: imago images / Rupert Oberhäuser

Bonn. Völlig vollgestellte Wohnungen, Müll, Ratten: Das typische Bild einer Messie-Wohnung, wie man es kennt.

Deutschlandweit gibt es Schätzungen zufolge etwa drei Millionen Betroffene, die am Messie-Syndrom leiden, offizielle Statistiken gibt es dazu nicht.

Nordrhein-Westfalen scheint sich dabei zur Hochburg zu entwickeln: Hier soll es mittlerweile 400.000 Haushalte geben, in denen dieser Zustand herrscht – und das bei knapp 8,77 Millionen Privathaushalten.

Immer mehr Messies in NRW: Das steckt hinter dem Syndrom

Ein Messie ist dabei nicht nur ein unordentlicher Mensch, sondern leidet an einer psychische Erkrankung, der oft eine Depression zugrunde liegt, erklärt Michael Schröter von der ersten deutschen Messe-Akademie aus Gauting bei München.

„Oft erfuhren Messies in ihrer Kindheit Gewalt und haben ein geringes Selbstwertgefühl“, sagt er im Gespräch mit DER WESTEN.

Die Ursachen der Erkrankung seien aber sehr komplex und müssen von Fall zu Fall erforscht werden.

Warum gibt es ausgerechnet in NRW so viele Betroffene?

Im November kommt der Experte aus Bayern nach Bonn, um dort ein Seminar zu halten. Der traurige Grund: Die Akademie erreichen immer mehr Anrufe aus NRW, das Problem scheint in dem Land besonders groß zu sein.

Doch warum ausgerechnet hier? „Diese Frage ist schwierig zu beantworten“, fängt Schröter an. Unter anderem sei „es so, dass in Städten, in denen es viel Arbeitslosigkeit gibt, auch die Hoffnungslosigkeit herrscht.“

Messie-Syndrom hat oft gesellschaftliche Hintergründe

Derzeit liegt die Arbeitslosenquote im Bundesdurchschnitt bei 5,1 Porzent, in NRW bei 6,6 Prozent. Gelsenkirchen ist die Stadt mit den meisten Arbeitslosen: Die erschütternde Zahl: 13,3 Prozent (Stand: Juli 2019).

Oft hätten Menschen Angst, die sie dazu veranlasst, Dinge zu sammeln und zwanghaft zu horten – „weil sie denken, dass sie vielleicht bald nicht mehr das kaufen können, was sie wollen. Aber auch das ist sehr komplex und muss von Fall zu Fall betrachtet werden.“

Eines steht aber fest: Sehr oft stecken hinter dem Messie-Syndrom gesellschaftliche Hintergründe.

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Sachen werden zweckentfremdet – von hundert Schuhen passt nur die Hälfte

Auch wenn Messies ihre Wohnung selbst vermüllen, leiden sie unter ihrer Wohnsituation, gewisse Bereiche der Wohnung, zum Beispiel Küche oder Badezimmer, sind oft nur noch schwer bis gar nicht mehr zugänglich.

Ein Messie hortet zwanghaft. Was er sammelt, geht dabei von Lebensmitteln über Verpackungen bis hin zu Tieren. „Es gibt Messies, die alles mitnehmen, was sie auf der Straße finden. Sie 'retten' die Dinge praktisch“, sagt der Spezialist weiter.

Die Sachen werden dabei stets ihrem Zweck entfremdet, der Zusammenhang zwischen Zweck und Nutzung entfällt komplett. Ein Beispiel: „Eine Frau hat Hundert Paar Schuhe. Ist sie ein Messie, hat sie aber nicht Hundert Paar Schuhe, die ihr passen, sondern in ganz verschiedenen Größen oder auch für Männer und Kinder.“

Tragen kann sie die Schuhe damit nicht – ein typisches Symptom des Messie-Syndroms.

Messies: Beängstigende Entwicklung

Die Anzahl der Messies in Deutschland steigt immer weiter. „Es gibt eine sehr beängstigende Entwicklung“, so Schröter. Er erklärt:Grundsätzlich unterscheidet man zwischen drei Arten von Messie-Wohnungen: die reine Sammlerwohnung, die vermüllte Wohnung und die Mischwohnung.

Die vermüllten Wohnungen werden dabei immer mehr und auch der Anteil an Müll in den gemischten Wohnungen.

Das Tragische: Bei Messies, die im Müll leben, ist das Selbstwertgefühl besonders gering. Michael Schröter: „Es ist nicht bei 0, sondern im roten Bereich.“ Die Betroffenen sehen sich selbst nur noch als Dreck an.

 
 

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