Zwei Milliarden Euro für Modernisierung der Schulen in NRW

Das wäre der Idealfall: Für jeden Schüler einen Rechner, an dem sie unter Anleitung selbstständig arbeiten. Doch leider sieht es so bislang an nur wenigen Schulen aus.
Das wäre der Idealfall: Für jeden Schüler einen Rechner, an dem sie unter Anleitung selbstständig arbeiten. Doch leider sieht es so bislang an nur wenigen Schulen aus.
Foto: Photothek/Getty Images
Neue Computer oder ein neues Dach? An den Schulen fehlt es an vielen Enden. Landes- und Bundesprogramme sollen nun die gröbsten Missstände beseitigen.

Essen.. Vertraut man den Plänen der Politiker, geht in Kürze ein Milliarden-Regen auf Deutschlands Schulen nieder. Nachdem die NRW-Landesregierung kürzlich ein Zwei-Milliarden-Euro-Programm für die Modernisierung von Schulen ab 2017 gestartet hat, legt nun die Bundesregierung noch etwas drauf.

Bis zum Jahr 2021 sollen mit fünf Milliarden Euro alle 40.000 Schulen mit Computern und Internetzugang (W-Lan) ausgerüstet werden, kündigte Bundesbildungsministerin Johanna Wanka (CDU) überraschend an. „Schüler müssen heute digital lernen und arbeiten können, statt nur zu daddeln“, begründete sie ihren Vorstoß, den sie Mittwoch vorstellen will. „Dafür brauchen wir einen Digitalpakt zwischen Bund und Ländern.“

Hintergrund sind alarmierende Befunde aus internationalen Vergleichsstudien, die Deutschland einen großen Nachholbedarf bei der Digitalisierung des Unterrichts attestieren. Danach liegen deutsche Schüler bei den IT-Kenntnissen gerade einmal im Mittelfeld.

Pakt mit den Bundesländern

Dieser Pakt bedeute für die Bundesländer, dass sie sich im Gegenzug verpflichten, „digitale Bildung zu realisieren“. Sie sollen demnach die Lehrer entsprechend ausbilden, Konzepte für den Unterricht entwickeln, die technische Infrastruktur bereitstellen und sich um Wartung und Betrieb der Geräte kümmern. Der Haken: Laut Grundgesetz sind allein die Länder für die Bildung zuständig. Wanka sieht darin aber offenbar kein rechtliches Hindernis.

In Düsseldorf zeigte man sich überrascht von den Berliner Plänen. „Wir sind gespannt, was die Ministerin verkünden wird“, hieß es aus dem NRW-Schulministerium. Zusätzliche Mittel des Bundes seien aber jenseits strittiger Zuständigkeitsfragen willkommen.

Es fehlen Geräte

Aber haben die Schulen in NRW die Milliarden des Bundes überhaupt nötig? Gibt es nicht längst in jedem Klassenraum Rechner, Beamer, Tablets und interaktive Schreibtafeln, also Whiteboards? „Das ist immer noch eine schöne Vision“, sagt Michael Schulte, Geschäftsführer der Bildungsgewerkschaft GEW in NRW.

Zwar haben inzwischen alle Schulen Rechner und Beamer, ergab eine Erhebung des Digitalverbands Bitkom, doch in drei Viertel der Fälle gibt es nur Einzelgeräte an den Schulen. Jeder zweite Lehrer würde gerne häufiger digitale Medien einsetzen, doch das scheitere oft an fehlenden Geräten, ergab die Studie. In der Realität ist der digitale Wandel also noch nicht in allen Klassenräumen angekommen.

Schüler unzufrieden

„Die technische Ausstattung der Schulen ist höchst unterschiedlich“, sagt Schulte. „Manche Schulen haben schon genug damit zu tun, dass kein Wasser durchs Dach tropft.“ Zuständig für die Sanierung und Modernisierung der Gebäude sind die Schulträger, also die Kommunen. „Manche haben die Mittel, andere nicht“, sagt Schulte.

Auch die Schülerschaft ist unzufrieden. Aus Sicht der Landesschülervertretung NRW sind Investitionen in Computer und digitale Lernmedien dringend nötig. Ob Schüler auf moderne Technik zurückgreifen können oder nicht, hänge zu sehr von der Finanzlage der jeweiligen Stadt ab. NRW-Schülervertreter Frederic Koch berichtet: „In der einen Schule gibt es noch alte Röhrenbildschirme, in der anderen schon Whiteboards.“

Schule benötigt zunächst ein neues Dach

Die Landesregierung verweist auf das neue Programm „Gute Schule 2020“, das die Kommunen über vier Jahre mit insgesamt zwei Milliarden Euro bei Schulsanierungen unterstützt. Mit dem Geld soll zudem der „digitale Aufbruch unserer Schulen“ vorangetrieben werden, wie NRW-Schulministerin Sylvia Löhrmann (Grüne) betont. „Da, wo Unterstützung am nötigsten ist, greift das Programm besonders.“

Neue Rechner indes sind noch das geringste Problem von Julia Gajewski. Sie leitet die Gesamtschule Bockmühle in Altenessen, ein dringend sanierungsbedürftiger Bau von 1972. „Das Gebäude ist marode, das müsste zuerst gemacht werden“, sagt die Schulleiterin. Das Dach sei undicht, viele Fenster defekt. „Allein die Erneuerung unseres Flachdachs soll zwölf Millionen Euro kosten“, sagt die engagierte Pädagogin. Die Stadt Essen bekommt aus dem NRW-Programm im nächsten Jahr rund 20 Millionen Euro – eine stattliche Summe, doch angesichts des großen Bedarfs „ein Tropfen auf den heißen Stein“.

Über drei Computerräume mit je 15 Rechnern verfüge die Essener Gesamtschule – für 1400 Schüler. „Die Geräte sind alt und langsam“, sagt Gajewski. „Eigentlich benötigen wir mindestens zwei Rechner pro Klasse, um unser neues pädagogisches Konzept mit Selbstlernzeiten und Rechercheaufgaben umzusetzen.“ Doch zum Glück hätten einige Schüler ja ein eigenes Internet-fähiges Handy.

 

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