Zukunft des Verkehrsverbunds Via ist strittig

Gerd Heidecke
Sitz des Verkehrsverbunds VIA in der Zweigertstraße in Essen.
Sitz des Verkehrsverbunds VIA in der Zweigertstraße in Essen.
Foto: WAZ FotoPool
Der 2010 euphorisch gegründete Verbund Via der Verkehrsgesellschaften von Essen, Duisburg und Mülheim wird in Frage gestellt. Hinter den Kulissen gibt es Knatsch. Die Zukunft ist ungewiss. In der Diskussion geht es auch um Macht und Posten.

Essen. Das 2010 als Leuchtturm-Projekt für die viel beschworene engere Zusammenarbeit von Städten im Ruhrgebiet begonnen hat, ist jetzt, nur vier Jahre später, ins Gerede gekommen: der Via genannte Zusammenschluss der Verkehrsgesellschaften der Städte Essen (mit der EVAG), Mülheim (MVG) und Duisburg (DVG). Kein politisch Verantwortlicher will das Wort von einer Wiederauflösung von Via in den Mund nehmen, hinter vorgehaltener Hand heißt es jedoch: So kann es bei Via nicht weitergehen, sonst droht der Leuchtturm zu kippen.

Auslöser der Diskussion um das Verkehrsunternehmen, das jährlich über 210 Millionen Menschen im westlichen Ruhrgebiet von A nach B bringt, waren deftige Äußerungen des neuen stellvertretenden Vorsitzenden im EVAG-Aufsichtsrat Lothar Grüll. Die EVAG ist mit knapp 50 Prozent Herzstück des Verbunds, für den 600 Busse und Bahnen rollen. Grüll, gleichzeitig Verdi-Geschäftsführer in Essen, sagte Ende August scheinbar aus heiterem politischen Himmel im EVAG-Aufsichtsrat: „Es ist an der Zeit, Bilanz zu ziehen und zu fragen: Was bringt uns das?“

„Wenn es bleibt, wie es ist, ist es besser, Via abzuwickeln“

Der Chef der Mülheimer Beteiligungsholding, mit 17 Prozent Anteil der kleinste der drei Via-Gesellschafter, brachte es daraufhin knallhart auf den Punkt. Hendrik Dönnebrink gegenüber der WAZ: „Wenn es bleibt, wie es ist, und man sich nicht auf das Wesentliche konzentriert, Kosten zu sparen, ist es besser, Via abzuwickeln.“ In Oberhausen, das sich 2010 dem Verbund verweigert hat, sieht man sich in seiner ablehnenden Haltung bestätigt.

So weit will in der Politik der drei Städte öffentlich niemand gehen. Mülheims Kämmerer Uwe Bonan über die Konsequenzen eines Scheitern von Via: „Dann haben wir die Privatisierungsdiskussion wieder im Haus.“ Der Via-Vorstand und MVG-Geschäftsführer Klaus-Peter Wandelenus betont das erreichte: Vom Einsparziel durch die Via-Gründung von 13,5 Millionen Euro jährlich bis zum Jahr 2020 seien bereits 6,5 Millionen Euro erreicht. „Via hat sich als Modell bewährt“, sagt DVG-Vorstandsvorsitzender Marcus Wittig. In Essen bemühte man sich um Schweigen, um die Kirchtumsdenken-Diskussion nicht weiter anzuheizen.

Doch von Via-Aufsichtsratssitzungen wird von Essener Teilnehmern hinter vorgehaltener Hand berichtet: „Es herrscht Gefrierschranktemperatur“. Aus Mülheimer Kreisen ist zu hören, es gehe um die Lufthoheit beim Personal von Via, über 2800 Mitarbeiter. Noch sind sie bei den drei örtlichen Gesellschaften angestellt, aber dies ist bald aus gesetzlichen Gründen dauerhaft nicht mehr möglich. Würden sie etwa in eine neue Via-Personalgesellschaft wechseln, dann könnten örtliche Arbeitnehmervertreter an Einfluss verlieren. Und angeblich wird bereits um die Besetzung eines kommenden Arbeitsdirektor gerungen, ein gut dotierter Posten, der traditionell mit einem hochrangigen Gewerkschaftsfunktionär besetzt wird.

Duisburg hat seine Personalverwaltung jedoch längst bei seiner Stadtwerke-Holding verankert, das spare bereits Millionen. „Die Duisburger machen ihr eigenes Ding“, hat Lothar Grüll angeklagt. Als Blockierer wollen sich die Duisburger nicht hinstellen lassen, wenn sich die Essener EVAG via Via zu Lasten der kleineren Partner neu aufstellen will. Hintergrund: Der Essener Kämmerer Lars-Martin Klieve verlangt von der EVAG hohe Einsparungen als Ausgleich für die eingebrochene Dividende der bei der EVAG geparkten RWE-Aktien der Stadt.

Die paritätisch besetzte Via-Geschäftsführung ist im Juni vom Aufsichtsrat angewiesen worden, bis Jahresende Zukunftsszenarien für den Verbund aufzuzeigen. Im Oktober sollen erste Ergebnisse vorgelegt werden. Dass sie eine Euphorie auslösen könnten wie die Via-Gründung 2010, ist nicht zu erwarten.