Zu Gast in der verbotenen Stadt

Richard Kiessler

Pjöngjang. Einblicke in ein geheimnisvolles Land gewinnt unser Korrespondent Richard Kiessler. In seinem nordkoreanischen Tagebuch beschreibt er am zweiten Tag seiner Reise Impressionen aus der Hauptstadt Pjöngjang.

Zu Gast in der verbotenen Stadt
Zu Gast in der verbotenen Stadt
Richard Kiessler

Ein trüber Tag. Der Blick aus dem 29. Stock fällt auf triste Plattenbauten, deren Fassaden an diesem Morgen besonders grau wirken. Anders als die ersten moderneren weißgekachelten Wohnblöcke, die in der 3,5 Millionen-Stadt Pjöngjang auf 100 000 neue Wohnungen wachsen sollten. Planziel: 2012, dann wird der 100. Geburtstag des „Ewigen Führers“ und Staatsgründers Kim Il Sung gefeiert. Bevor wir zu dessen Geburtshaus in Mangjongdä aufbrechen – ein Muss für jeden Besucher des kommunistischen Nordens – erklärt Herr Tong, mein Begleiter aus der Internationalen Abteilung des ZR in der Lobby des Hotels die politische Lage.

Er hält ein Exemplar der Parteizeitung hoch, in der er wohl schon zu früher Morgenstunde die wichtigsten Passagen rot unterstrichen hat: Die wundersame Versenkung der südkoreanischen Korvette Cheonan am 26. März im Gelben Meer – angeblich durch ein nordkoreanisches Torpedo. 46 Seeleute sind ums Leben gekommen. Seither ruft die konservative Regierung in Südkorea nach Strafmaßnahmen gegen den verhassten Feind im Norden. Die Spannungen auf der koreanischen Halbinsel beschäftigen die Welt.

Für Herrn Tong ist die Schuldfrage klar: Ein nordkoreanisches U-Boot könne es nicht gewesen sein, dagegen sprächen schon die im Internet aufgetauchten Unstimmigkeiten, die südkoreanische Fachleute geäußert hätten, seit der Untersuchungsbericht einer Internationalen Expertenkommission auf dem Tisch liegt – an der die Nordkoreaner aber nicht beteiligt wurden.

Handynetz aus Ägypten

Internet? Der gewöhnliche Nordkoreaner hat dazu ebenso wenig Zugang wie der ausländische Besucher. Auch mein Handy musste ich am Flughafen abgeben, bei der Ausreise soll ich es wiederbekommen. Seit kurzem gibt es in Nordkorea ein Handynetz, von einer ägyptischen Firma installiert. Damit wäre weder ich erreichbar gewesen noch hätte ich mich in dieses Netz einwählen können. Aber das Handy bleibt unter Verschluss.

Pjöngjang ist, bei aller Tristesse eine saubere Stadt – ohne Graffiti, dafür mit Propaganda-Parolen oder riesigen Bildnissen der beiden Kims, des „Ewigen“ und des „Geliebten“ Führers, der seinem vergötterten Vater 1994 gefolgt ist und nun meist als „unser General“ bezeichnet wird. Wir hören von Gerüchten, dass Kim Jong Il, der letztes Jahr einen Schlaganfall gehabt haben soll, möglicherweise in diesen Tagen seinen Sprössling Kim Jong Un für die Nachfolge nominieren will. Niemand unserer Begleiter erwähnt derzeit den jungen Mann, der im Eilverfahren mit 29 Jahren zum General der Volksarmee aufstieg und ein Schweizer Internat besucht hat.

Auf der Fahrt zum Zentralkomitee sehe ich Straßenkehrer und junge Frauen, die mit Handfegern die Bürgersteige säubern oder mit Scheren die Rasenflächen am Rand pflegen. Arbeitsbeschaffungsmaßnahmen á la Nordkorea?

Wie eine verbotene Stadt

Das Hauptquartier der Arbeiterpartei ist abgeriegelt – wie eine verbotene Stadt für die Normalsterblichen. In einem der zahlreichen Sitzungssäle treffen wir unseren Gastgeber vom ersten Abend. Die Begrüßung ist nicht herzlich, eher pflichtgemäß und business-like.

Ri liest aus einem vorbereiteten Text vor, was er – oder die Partei – den Besuchern aus dem Westen vermitteln will. Er spricht von „Errungenschaften“ in Industrie und Landwirtschaft, von einem neuen Wasserkraftwerk, von einem nordkoreanischen Verfahren zur Vergasung von Anthrazit, mit dem Kunstdünger erzeugt werden kann.

Alles Maßnahmen, schwärmt der Funktionär, mit denen sich die Partei, „die gute Seele des Volkes“, auf den 100. Geburtstag Kim Il Sungs vorbereitet. „Wir werden ein blühendes Land sein“, lautet die Sprachregelung.

Auch bei Nachfragen weicht Herr Ri kaum von seinen Papieren ab. Aber wir hören, es gebe noch „Schwierigkeiten“ bei der Versorgung der Bevölkerung mit Nahrungsmitteln. Die gescheiterte Währungsreform, mit der das Regime in Pjöngjang die Kaufkraft einer zaghaft wachsenden Mittelschicht abschöpfen wollte, die auf Märkten und im Handel einen minimalen Wohlstand erreicht hatte, erwähnt er nicht. Durchgesickert ist nur, dass der für das Desaster verantwortliche Funktionär hingerichtet worden ist.

Dennoch scheint, zumindest in der Hauptstadt, das Warenangebot leicht verbessert zu sein. Über Monate geschlossene Geschäfte sind wieder geöffnet, mit einem bescheidenen Warenangebot wie wir es aus fernen sozialistischen Tagen kennen. Dafür ist die Zahl fliegender Händler rapide gesunken, aber die kleinen Bauernmärkte am Rande Pjöngjangs blühen wieder auf. Ein Kilo Tomaten kostet dort allerdings umgerechnet sechs Euro.

Weiße Haut gilt als schön

An Kim Il Sungs monumentaler Statue aus Bronze legen auch an diesem Morgen Hochzeitspaare künstliche Blumen nieder. Dies ist ein übliches Ritual, doch kaum von den Verwandten geknipst, machen sich die herausgeputzten Brautleute wieder davon.

Inzwischen brennt die Sonne. Manche jung vermählte Ehefrau hat einen Schirm aufgespannt, weil die makellos weiße Haut – wie anderswo in Asien – auch in diesem letzten Hort des Kommunismus ein Schönheitsideal geblieben ist. Die männlichen Nordkoreaner scheren sich nicht um den Schutz vor der Sonne.

Die riesige Statue des „Ewigen Führers“ soll ursprünglich aus purem Gold gewesen sein. Bis der chinesische Ministerpräsident Tschou En-lai die kommunistischen Brüder bei einer Staatsvisite erzürnt maßregelte und sich die pure Verschwendung verbat.

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