„Ziel muss sein, ein Sterben in Würde zu ermöglichen“

Berlin.  Wer darf beim Sterben helfen? Sollen Ärzte oder Vereine als Sterbehelfer dienen? Der Bundestag will im nächsten Jahr die Sterbehilfe neu regeln. Im Gespräch mit der NRZ erklärt Unionsfraktionschef Volker Kauder, warum er für ein rigides Verbot ist.


Der Bundestag will die Sterbehilfe neu regeln. Wo stehen Sie?

Wir sollten jede Form der organisierten Sterbehilfe verbieten, also insbesondere auch der gewerblichen Sterbehilfe. Das gebietet der Schutz des Lebens. Mit dem Tod darf es keine Geschäfte geben. Keine Organisation sollte dazu beitragen, dass sich Menschen umbringen. Selbsttötung muss aber straffrei bleiben. Das gilt auch für die individuelle Beihilfe zur Selbsttötung.


Die meisten Deutschen wünschen sich laut Umfragen etwas anderes: organisierte Angebote für den Ernstfall. Wollen Sie einfach dagegen regieren?

Ich weiß nicht, ob die Fragestellung in diesen Meinungsumfragen immer präzise ist. Mein Eindruck aus vielen Diskussionen ist: Die Menschen haben die Sorge, dass sie am Ende des Lebens allein gelassen werden und Schmerzen erleiden müssen. Das ist mehr als verständlich. Dieser Sorgen müssen wir uns in Deutschland noch stärker annehmen und die Palliativversorgung verbessern. Sterbehilfevereine führen absolut in die Irre. Unser Ziel muss sein, ein Sterben in Würde zu ermöglichen. In der Anhörung meiner Fraktion hat ein führender Palliativmediziner versichert, dass es medizinisch heute möglich sei, dies durch eine entsprechende Schmerzbehandlung zu erreichen, wenn es notwendig ist.


Flächendeckende Palliativversorgung kostet viel Geld.

Natürlich. Aber wir können den Menschen nicht auf der einen Seite versprechen, dass sie keine Schmerzen erleiden müssen, und dann auf der anderen Seite sagen, dafür haben wir das Geld nicht. Das muss gemacht werden. Darüber werden wir reden. Das schließt auch die ambulante Palliativversorgung mit ein, denn die allermeisten Menschen wollen gar nicht in ein Hospiz, sie wollen zu Hause sterben.


Sie wollen organisierte Sterbehilfe verbieten - betrifft das auch Ärzte oder sollten sie ihren Patienten auf Wunsch bei der Selbsttötung helfen dürfen?

Nach meiner Auffassung und vieler meiner Kollegen dürfen wir nicht zulassen, dass Ärzte Sterbehilfe leisten. Ärztepräsident Montgomery sagt zu Recht: Ärzte sind in ihrer ethischen Grundausrichtung auf den Erhalt des Lebens ausgerichtet. Das müsse so bleiben. Der Patient muss wissen, dass der Arzt als Bewahrer des Lebens an sein Bett tritt und nicht als jemand, der ihn tötet.


Ihre Frau ist Ärztin. Was hält sie davon?

Als Ärztin will sie Klarheit – was sie darf und was nicht.


Ist es nicht menschenfreundlicher, Selbstmordwillige zu einem Arzt zu schicken, als ihnen die Mittel und Wege selbst zu überlassen?

Wir haben in jedem Jahr 100 000 Selbsttötungsversuche, von denen die wenigsten zum Erfolg führen – schon, weil dahinter oft gar nicht die Todesabsicht, sondern ein Appell steht. Wenn diese 100 000 Menschen die Möglichkeit hätten, zum Arzt zu gehen und zu sagen „Ich will getötet werden“, dann wären es wahrscheinlich wesentlich mehr als heute, die zu Tode kämen. Wir müssen als Gesellschaft auf die Wahrung des Lebens ausgerichtet sein.


Wann entscheidet der Bundestag?

Im nächsten Jahr, möglichst vor der Sommerpause. Aber es kommt nicht auf Schnelligkeit an. Das ist eines der schwierigsten Themen, die wir haben. Eine Freigabe der organisierten Sterbehilfe würde den Druck auf ältere Menschen erhöhen, aus dem Leben zu scheiden. Das könnte unsere Gesellschaft erheblich verändern.

 
 

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