Zeltstadt, Container, Groß-Asyl - Ruhrgebiet bereitet sich auf Flüchtlingsstrom vor

Blerim Shkodra aus Albanien in einem neu errichteten Wohncontainer für jeweils vier Asylbewerber in Herne.
Blerim Shkodra aus Albanien in einem neu errichteten Wohncontainer für jeweils vier Asylbewerber in Herne.
Foto: WAZ FotoPool
Land NRW und Städte müssen kurzfristig Unterbringungsmöglichkeiten für die rasant wachsende Zahl von Flüchtlingen schaffen. Der Neubau von Heimen dauert zu lange. Daher will die Stadt Essen ein sogenanntes Groß-Asyl für 500 Menschen einrichten.

Essen. Im Herbst wird sich die ohnehin angespannte Situation der Flüchtlingsunterbringung in den Städten noch einmal drastisch verschärfen, wenn die Flüchtlinge nach etwa drei Monaten aus den Erstaufnahmestationen des Landes weiter verteilt werden. Mit ganz unterschiedlichen Strategien versuchen die Städte, kurzfristig Unterbringungsmöglichkeiten zu schaffen.

Laut NRW-Innenministeriums werden bundesweit 175 000 Erstanträge auf Asyl für 2014 erwartet, wie im Vorjahr ein rasanter Anstieg um 50 Prozent. Laut dem sogenannten Königssteiner Verteilungsschlüssel muss NRW 21,2 Prozent aller nach Deutschland kommenden Flüchtlinge muss aufnehmen, in diesem Jahr voraussichtlich 37 000. Die Zuweisung an die Gemeinden wiederum ist an Einwohnerzahl und Fläche des Gemeindegebietes gekoppelt. Das 15 000 Einwohner kleine Burbach im Siegerland hat 600 Flüchtling aufgenommen, Bürgermeister Christoph Ewers forderte gerade eine Rückführung auf 400.

Duisburg baut neue Unterkünfte

In Duisburg leben bereits 1500 Flüchtlinge. Vergangenes Jahr hat die Stadt entschieden, sieben neue Unterkünfte zu bauen, aber erst zwei sind bezugsfertig. Die restlichen werden teils erst 2016 gebaut. „Wir müssen Notmaßnahmen ergreifen“, sagt Stadtdirektor Spaniel. Eine alte Grundschule wird kurzfristig zum Wohnheim für Asylbewerber. Darüber wird im Stadtteil diskutiert, und der Vorsitzende des Duisburger Schulausschusses und SPD-Ratsherr Jürgen Edel versuchte bereits, Bedenken in der Bevölkerung gegen ein neues „Problemhaus“ in Duisburg zu entkräften.

In Witten gibt es von den in der Spitze 64 Heimen der 90er-Jahre für Asylbewerber und Aussiedler nur noch drei Übergangsheime, und die sind proppevoll. Die anderen Heime wurden Anfang der 2000er-Jahre aufgegeben, sagt Sozialamtsleiter Rolf Cremer. Das Sozialamt hat für rund 370 der rund 510 Flüchtlinge in der Stadt Wohnungen angemietet.

In Oberhausen wohnen Flüchtlinge in Containern 

Zusätzlichen günstigen Wohnraum zu finden, ist das Problem, und nicht jeder Vermieter sei bereit, „fremde Kulturen bei sich unterzubringen“, so Sozialamtsleiter Uwe Andresen. An den Neu-Bau von Heimen denkt man in Witten nicht. Das dauert zu lange und kostet zu viel, heißt es im Rathaus. Aber die Bemühungen, eine Immobilie von einer großen Wohnungsbaugesellschaft anzumieten, scheiterten bislang.

Von Containerdörfern hält man in Witten nichts. Das ist beispielsweise weiter ruhrabwärts anders. In Oberhausen leben rund 650 Asylbewerber, davon rund 450 in den zentralen Unterkünften, sprich in Containern. Diese wurden bereits 2013 für eine halbe Million Euro aufgebessert, jetzt wird die Aufstellung weiterer Container in Oberhausen geprüft.

Bochum setzt auf kleine Flüchtlingsheime

Bochum überdenkt seine Strategie. Sechs neue, kleinere und über alle Bezirke verteilte Flüchtlingsheime sollen mittelfristig auch für mehr Akzeptanz in der Bevölkerung sorgen. „Wir erwägen das“, bestätigt Sozialdezernentin Britta Anger Eine Liste mit Standortvorschlägen soll im Herbst vorliegen.

Der anhaltende Zustrom von Flüchtlingen kostet die Kommunen viel Geld, das gerade die notleidenden Städte im Ruhrgebiet nicht haben. Nach Berechnungen des NRW-Städtetages deckt die vom Land gezahlte Kostenpauschale des Landes lediglich 20 Prozent der tatsächlichen Kosten in Großstädten. In Essen glaubt man, einen Ausweg aus dem Dilemma gefunden zu haben.

Flüchtlinge fernab von Wohnbebauung untergebracht 

Auch dem Land NRW fehlen Kapazitäten, und zwar für die Erstaufnahme von Flüchtlingen. Die Freie Wohlfahrtspflege hat bereits „chronisch überbelegte Erstaufnahme- und Notunterkünfte“ kritisiert. Die Stadt Essen will NRW ein sogenanntes Groß-Asyl auf der grünen Wiese für 500 Menschen einrichten. Die Kosten trägt das Land, und Essen soll die 500 Plätze auf seine Flüchtlingsquote angerechnet bekommen. Einspareffekt laut Essens Sozialdezernent Peter Renzel (CDU): 5,85 Millionen Euro, und das pro Jahr, ein anscheinend unschlagbares Argument, das inzwischen auch in Duisburg nachgedacht wird.

Dass die Flüchtlinge in Essen fernab von Wohnbebauung auf dem Gelände des ehemals im Ruhrgebiet berühmten Milchhofs Kutel unterkommen sollen, stört selbst Kathrin Richter von Pro Asyl nicht. Die Menschen werden nicht dauerhaft abgeschottet, sondern nach drei Monaten auf die Städte in NRW verteilt.

Sie könnten dann wieder in Essen landen, jedoch in einem Stadtteil, in dem sie nicht von allen willkommen geheißen werden. Im beschaulichen Haarzopf wurden bereits Kinder zum Sammeln von Unterschriften gegen ein neues Flüchtlingsheim in einer alten Schule auf die Straße geschickt.

 
 

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