Wirtschaft und Wissenschaft sind sich fremd im Revier

Patente, Erfindungen und Verfahren aus den Hochschulen könnten der Wirtschaft nutzen. Doch es fehlt an enger Zusammenarbeit. Experten sehen Potenziale

Essen.. „Heiratsmarkt“ nennen sie es Witten. Doch geht es nicht um die Liebe, sondern die Karriere. Regelmäßig veranstaltet die Universität Witten/Herdecke (UWH) unter diesem Titel zwanglose Treffen zwischen Unternehmern und Studenten. Der an der Privatuni traditionell enge Kontakt zwischen Wirtschaft und Wissenschaft zahlt sich für beide Seiten aus.

Doch was an der kleinen UWH ganz prima zu funktionieren scheint, ist an den großen Massenunis der Region nicht in gleichem Maße möglich. Seit Jahrzehnten wird beschworen, dass der Technologietransfer, der Wissensfluss vom Labor an die Werkbank segensreich wäre. Was Forscher herausfinden, könnten Betriebe im Ruhrgebiet in Produkte und neue Märkte verwandeln, zum Vorteil aller.

„Wir müssen bessere Brücken bauen“

Doch so einfach ist es nicht. Immer noch sind sich die beiden Welten fremd. „Wir müssen bessere Brücken bauen, da muss etwas geschehen“, forderte der ehemalige Rektor der Ruhr-Uni Bochum, Elmar Weiler. Beide Seiten, Hochschulen und Unternehmen, müssten mehr aufeinander zugehen.

Wie wenig ausgeprägt die Zusammenarbeit zwischen Unternehmen und Forschern noch ist, zeigt eine nüchterne Zahl: Nur 20 Prozent der Unternehmen in der Ruhr-Region kooperieren mit hiesigen Wissenschaftseinrichtungen, ergab eine Studie von Prof. Bernd Kriegesmann, Leiter des Instituts für Angewandte Innovationsforschung an der Ruhr-Uni Bochum. Viele Betriebe suchen sich ihre Forschungspartner in Süddeutschland. Dieser Befund sei angesichts der räumlichen Nähe und der Ballung von Forschungseinrichtungen zwischen Duisburg und Dortmund mindestens überraschend.

Hochschulen sollen sich öffnen

Kriegesmann bringt das Problem auf den Punkt: „Wie findet die Mikroelektronik in den Schlüssel?“ Was er meint: Auf der einen Seite stehen die Forscher, die eine Entdeckung gemacht haben, auf der anderen der Unternehmer, der ein Problem hat. Leider wissen sie oft nichts voneinander. „Wir brauchen neue Formate, um beide Seiten zusammenzubringen“, sagt er. Transfer sei kein selbstlaufender Prozess, sondern setzt Aktivität aus Wissenschaft und Wirtschaft voraus. „Wir müssen die Hochschulen öffnen für Entscheider.“

Auch von den Managern fordert er mehr Aufmerksamkeit für die Stärken vor Ort. „Wir haben hier jedes Jahr gut 15.000 top-ausgebildete Absolventen.“ Viele von ihnen verlassen die Region, da sie keine angemessenen Jobs finden. Dies müsse sich ändern, findet Kriegesmann. Die hohe Zahl gut ausgebildeter Leute sei für Betriebe ein exzellentes Argument, sich genau hier anzusiedeln. Das Ruhrgebiet sei eine „Potenzialregion“, keine Problemregion. „Wir werden hier auf absehbare Zeit keinen Fachkräftemangel haben. Mit diesem Pfund müssen wir wuchern.“

Positive Signale

Das Institut der deutschen Wirtschaft (IDW) in Köln sieht in dieser Frage Licht und Schatten. „Die Zusammenarbeit zwischen Wirtschaft und Hochschulen ist intensiver geworden. Gerade die vielen Dualen Studiengänge sind Ausdruck dieser vertieften Zusammenarbeit. Insbesondere die Fachhochschulen suchen den Kontakt zu Unternehmen. Bei manchen Unis gibt es da sicher noch Nachholbedarf“, sagt Hans-Peter Klös, IDW-Experte für Wissenschaft.

Der Essener Unternehmensverband (EUV) sorgt sich um den Abwärtstrend bei den Existenzgründungen. Um den wieder umzukehren, brauche es eine engere Kooperation zwischen Hochschulen und den regionalen Wirtschaftsförderungen. „Unser Ziel muss es sein, Hochschulabsolventen in der Region zu halten und ihnen die Selbstständigkeit schmackhaft zu machen. Eine Schlüsselfunktion kommt der Zusammenarbeit zwischen Unis und Wirtschaftsförderern zu“, so EUV-Chef Ulrich Kanders.

Brückenbauer an den Hochschulen

Alle Hochschulen haben mittlerweile „Transferstellen“ eingerichtet, die Brücken bauen sollen zwischen Forschern und Unternehmen. Oliver Locker-Grütjen sitzt an einer solchen Nahtstelle und kennt daher beide Seiten. Er leitet an der Uni Duisburg-Essen das „Science Support Center“ (SSC). „Man müsste regional viel mehr tun“, findet auch er. In Bayern und Baden-Württemberg sei man da weiter. Das SSC hilft bei Forschungsanträgen, Ausgründungen, Patentanmeldungen und bahnt Kontakte an.

Er bemerkt indes, dass die Hemmschwellen in jüngster Zeit sinken: „Da bewegt sich etwas. Wir haben viele Anfragen aus der Wirtschaft.“ Die Kontakte zu den großen Konzernen vor Ort nehmen zu, sagt er. Erst kürzlich sei „ein großer Industriekonzern mit Sitz in Essen“ an einen Lehrstuhl der Uni herangetreten um Kooperationsmöglichkeiten auszuloten. Daraus sei eine konkrete Projektplanung entstanden.

 
 

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